Drostens neues Buch ist voller falscher Fakten
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Christian Drosten galt in der Corona-Zeit als einer der wichtigsten Ratgeber der Bundesregierung. In seinem aktuellen Buch stellt der Virologe fragwürdige und zum Teil falsche Behauptungen auf. NIUS hat sieben herausgearbeitet.
1. Drosten behauptet, dass fast sämtliche Maßnahmen effektiv waren: Ausgangssperren, Versammlungsbeschränkungen, Homeoffice, Schulschließungen und Maskenpflichten. Bis auf letztere belegt er die Effektivität mit dieser Meta-Studie. Ausgangssperren und Versammlungsbeschränkungen seien, so Drosten, die „eindeutig effektivsten Maßnahmen“ gewesen, für die es „jetzt starke aggregierte Evidenz“ gebe. Schulschließungen sollen eine „klare Wirkung auf den R-Wert“ gehabt haben. Nun ist die Evidenzqualität bei Beobachtungsstudien nicht gut – im Gegensatz zu sogenannten randomisiert kontrollierten Studien, die als Goldstandard gelten. Die Studienautoren, auf die Drosten sich bezieht, schreiben selbst:
„Da die meisten der in dieser Überprüfung ermittelten Beweise aus Beobachtungsstudien stammten, wurde die Qualität oder Sicherheit der Beweise für die meisten Studien basierend auf der GRADE-Systematik überwiegend als niedrig oder sehr niedrig eingestuft, was darauf hindeutet, dass der wahre Effekt vom geschätzten Effekt abweichen kann.“
Lässt man nur Studien mit hoher Evidenzqualität zu, ist der Nutzen etwa von Maskenpflichten nicht nachweisbar: „Die gepoolten Ergebnisse der RCTs [randomisiert kontrollierte Studien] zeigten keine eindeutige Verringerung der Virusinfektionen der Atemwege durch die Verwendung von medizinischen/chirurgischen Masken“, so eine Cochrane-Meta-Studie.
2. Ausgangssperren (engl.: curfews) wurden bestenfalls am Rande untersucht. Drosten übersetzte sich offenbar „Stay-at-home orders“ aus der Ergebniszusammenfassung mit „Ausgangssperren“. Darin heißt es nämlich: „The more stringent SDMs [Social distancing measures] such as stay-at-home orders, restrictions on mass gatherings and closures were estimated to be most effective at reducing SARS-CoV-2 transmission.“ In den ausgewerteten Studien wurden „Stay-at-home orders“ unterschiedlich definiert, wie die Autoren betonen: Nur die „strengste“ Definition sieht vor, „dass die Betroffenen ihr Haus nur zum Sport oder für notwendige Einkäufe verlassen dürfen.“ Dass Ausgangssperren „eindeutig“ effektiv gewesen sein sollen, behauptet nicht einmal die Studie, auf die Drosten sich bezieht.

Kontrollen der Corona-Ausgangssperren von Ungeimpften durch die Polizei in Linz (Österreich) im November 2021.
3. Drosten sagt, dass die Corona-Infektionssterblichkeit 2020 „etwa 16-mal so hoch wie die von Influenza“ war, und verweist dabei auf seinen eigenen Podcast und eine Studie. Im Podcast nennt er mit Bezug auf diese Studie für Covid-19 eine Gesamt-Infektionssterblichkeit von 0,8 Prozent, die er mit einer Influenza-IFR von 0,05 Prozent vergleicht, so kommt er auf den Faktor 16. Die Autoren nennen allerdings gar keine Gesamt-Infektionssterblichkeit, die Angabe 0,8 Prozent kommt nicht vor. Stattdessen betonen die Autoren, dass man die Sterblichkeitsrate nur „altersspezifisch“ betrachten solle.
4. Der Virologe behauptet, dass nach dem Herbst 2020 „die Maßnahmenstärke in Schweden exakt so hoch wie bei uns war“. In Schweden gab es nie eine Maskenpflicht, keine landesweiten Ausgangssperren, die Schulen blieben in den unteren Klassen geöffnet, auch die Restaurants waren offen. Der Stringency-Index der Oxford-Universität, auf den Drosten sich bezieht, stuft Schweden bei etwa 60 Index-Punkten ein, Deutschland bei 80. Abgesehen davon, dass der Index die deutlichen Unterschiede zwischen Schweden und Deutschland nicht angemessen widerspiegelt, ist 60 nicht „exakt so hoch wie“ 80, wie Drosten behauptet.

Der Stringency-Index vergleicht die Maßnahmenstärke in unterschiedlichen Ländern.
5. Drosten will im Nachhinein nun kritisch gegenüber Schulschließungen gewesen sein. Er „stimmt zu“, dass „die starke Gewichtung der Schulen und die Schonung der Arbeitsstätten als einen entscheidenden Fehler der deutschen Pandemiepolitik“ einzugestehen sind. Auf die Frage, warum er das nicht laut gesagt habe, antwortet er: „Ich wollte mich auf keinen Fall politisch positionieren.“

Rheinische Post, 10.02.21
6. Laut dem Virologen habe er ab November 2020 beschlossen, sich „aus der politischen Diskussion herauszuhalten“. Als Reaktion auf eine Stellungnahme der Kassenärztlichen Bundesvereinigung habe er sich seinerzeit dazu entschieden, nur noch seinen „Podcast zu machen und darin die Fakten zu erklären“. Drosten weiter: „Ich wollte nicht Teil dieses aggressiven Klimas sein, das damals in der Öffentlichkeit aufkam.“ Nur kurze Zeit später hielt er jedoch eine Rede, in der er die Maßnahmen energisch verteidigte.

Zeit-Online, 08.11.20
7. Der Virologe und Mediziner Hendrik Streeck berechnete im Mai 2020 mit seiner „Heinsberg-Studie“ eine grippeähnliche Infektionssterblichkeit von 0,36 Prozent. Laut Drosten „lieferte die letztendlich publizierte Studie keine epidemiologische Grundlage für die damals geforderten Öffnungen. Wie üblich, wenn solche Themen nicht öffentlich richtiggestellt werden, bleibt der Eindruck, dass wohl doch etwas an den Argumenten dran gewesen sein muss. Das war es aber nicht.“ Was soll dieser Angriff auf Streeck?
Der Stanford-Professor für Epidemiologie und Bevölkerungsgesundheit, John Ioannidis, sollte später auf eine Infektionssterblichkeit von 0,15 Prozent kommen. Streeck hatte wertvolle Daten erhoben, wurde aber angegriffen, weil seine Gegner lieber im Lockdown verblieben. Drosten hatte keine Daten erhoben, sondern falsche behauptet. Wie in Punkt 3 bereits gesagt, ist Drostens vermeintlich 0,8-prozentige Infektionssterblichkeit nicht Ergebnis der Studie, auf die er sich damals wie heute bezog:

Drosten deutet die Geschichte im Nachhinein um, wenn er so tut, als gäbe es selbst für die härtesten Maßnahmen stabile Evidenz, er seine politische Rolle herunterspielt, sein vehementes Eintreten für Schulschließungen bestreitet und wahrheitswidrig suggeriert, Schweden hätte ähnlich harte Maßnahmen ergriffen.
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