Geopolitik im Iran: Die Folgen des kurzsichtigen Overkills zeigen sich bereits
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Chris BeckerDie Deutschen sprechen über Außen- und Geopolitik in etwa so, wie man vom Wetter reden würde. „Den derzeitigen Regen“, sagen sie, „finde ich gut. Du aber findest ihn schlecht, das zeigt deine Verderbtheit”. Dem Wetter ist es aber egal, wie wir es finden. Das gilt allemal, wenn wir nichts daran ändern können und wollen. Oder uns wenigstens darauf einzustellen wüssten. Gutfinden und Schlechtfinden sind die letzten, banalen, völlig folgenlosen Strohhalme des Handlungsunfähigen, und sie lenken nur beinahe davon ab, dass wir zum Nichtstun verdammt sind.
Wenn wir aus dieser spätzivilisatorischen Zwangshaltung ausbrechen wollen, um Land und Leute vor den Widrigkeiten des Zeitgeschehens zu schützen oder sie besser aushalten zu können, müssen wir ganz anders über Geostrategie sprechen. Über Geografie und Geschichte müssen wir nachdenken und im Einzelfall immer erwägen, was eigentlich die deutschen Interessen sind. Im Iran-Krieg scheitern Regierung, Medien, Experten und die Öffentlichkeit derzeit schon wieder daran. Die Folgen des kurzsichtigen US-Overkills in der Golfregion zeichnen sich bereits ab. Die bürgerlich-liberale Begeisterung, mit der viele in die Sackgasse gerannt sind, schlägt bereits in Ernüchterung um. Dass es so kommen sollte, war absehbar. Dazu benötigt man keine Glaskugel, sondern lediglich einen Globus. Das ist die gute Nachricht: Sinn und Unsinn außenpolitischer Bewegungen zu erkennen, ist keine magische Begabung, sondern sie lassen sich halbwegs vernünftig analysieren.
Bevor wir einen prüfenden Blick auf den Iran an sich werfen, ein Iran, der nicht nur ein Mullah-Regime ist, sondern ein für die Region unglaublich wichtiges Land, müssen wir zunächst den Begriff der deutschen Interessen definieren. Sie bilden den Ausgangspunkt für unsere Überlegungen.

Die Angriffe auf iranische Sicherheitsstrukturen nehmen stetig zu.
Moralismus gegen Materialismus: Eliten und Volk müssen zueinander finden
Grundsätzlich nimmt Deutschland selbstverständlich einen Anteil an der Sicherheit seiner Verbündeten und ist auf gute Beziehungen angewiesen. Das zu erkennen, ist für sich genommen noch keine Vasallentreue. Moralische, wertegeleitete und medial-kommunikative Überlegungen nehmen zwar einen viel zu großen Teil der deutschen Außenpolitik in Beschlag, das heißt aber noch nicht, dass sie gänzlich unbedeutend sind. Es ist also nicht falsch, enge Beziehungen zu den USA und Israel zu pflegen. Das gilt schon aus praktischen Erwägungen heraus, da Deutschland derzeit insbesondere in Wirtschaft, strategischer Verteidigung und Technologie von beiden, vorrangig den USA, schlichtweg abhängig ist. Dieser Umstand lässt sich nicht einfach empört vom Tisch wischen, selbst dann, wenn man den moralisch-kulturellen Unterbau dieser Beziehungen in Zweifel zieht. Um wechselseitige Abhängigkeiten zu gestalten – nichts anderes ist Souveränität, denn echte Autarkie gibt es nicht – braucht es nicht nur Redekunst und fähige Diplomaten; ein guter Partner ist immer der, der auch etwas mit an den Tisch bringt. In Europa beherrschen Franzosen, Polen und Italiener dieses Handwerk derzeit besser als die Deutschen, obwohl sie, nüchtern betrachtet, eigentlich schwächere Staaten sind. Unsere Eliten sind in alledem so untalentiert, wie sie enthusiastisch sind.
Auf der anderen Seite dürfen nationale Interessen auch nicht mit dem plebejischen Bedürfnis, in Ruhe gelassen zu werden, verwechselt werden. Wenn die Leidensbereitschaft eines Volkes immer nur bis zur nächsten Tankstelle reicht, dann wird es selbst unter Idealbedingungen schwierig, souveräne nationale Interessenpolitik zu betreiben. Im Falle des Iran-Krieges liegen die Leute richtig, wenn ihnen ihr Gespür sagt, dass die Folgen des US-Angriffs sie ohne Gegenleistung treffen werden. Doch es könnten auch Situationen eintreten, in denen kluge Interessenspolitik dem Volk etwas abverlangt. Der Staat sollte die Leute dann an anderer Stelle entlasten, aber eine respektable Res Publica muss ihren Bürgern im Zweifel auch etwas abverlangen dürfen. Dass die Schere zwischen dem moralbesoffenen Impetus der Eliten und der Belastbarkeit des Volkes mit jeder politischen Herausforderung immer weiter auseinanderklafft, behindert die Konsolidierung Deutschlands auf besorgniserregende Weise.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zu Besuch beim US-Präsidenten Donald Trump
Der Nahe Osten: Gleichgewichtspolitik ist das deutsche Kerninteresse
Technisch gesehen verhält es sich mit dem deutschen strategischen Interesse im Nahen Osten eigentlich recht simpel. Wir brauchen eine belastbare Ordnung, die größere Gewaltexzesse ausschließt und nicht zu ständiger Destabilisierung führt. Konflikte, die zwischen Bevölkerungsgruppen ausbrechen, enden fast immer in Flüchtlingsbewegungen. Das Elend der in Lagern lebenden Kinder berührt uns nicht nur moralisch, sondern verhindert auch, dass stabile Handelsbeziehungen und Märkte entstehen. Mehr noch bedrohen regionale Konflikte die Handels- und Seewege an global entscheidenden neuralgischen Punkten (Hormuz, Baab el-Mandeb, Suez). Starke Zentralstaaten ermöglichen nicht nur den Export in diese Länder, sondern schützen also auch den weltweiten Export generell. Piraterie und Terrorismus erfordern den Einsatz einer Marine, die auf dem Zahnfleisch geht und die wir in tauglicher Aufstellung gar nicht unterhalten. Selbst, wenn wir sie hätten, ist ein solcher Einsatz immer unglaublich teuer, nicht zuletzt, weil er deutsche Soldaten das Leben kosten kann. Die Bedeutung der Ölförderung im Nahen Osten ist, auch wenn die Importe nach Deutschland an sich gering sind, zudem entscheidend für den Weltmarktpreis. Volatile Macht- und Regimewechsel schaffen außerdem ein Momentum für systemische Rivalen.
Der Iran: Staatlicher Akteur der ersten Stunde
Die Nationalstaaten des Nahen Ostens sind überwiegend sehr junge Staaten. Zwar können einige von ihnen sich auf eine Bandbreite von gewichtigen Faktoren berufen – ökonomische Macht, touristisches Interesse, Traditionslinie kulturell relevanter Bevölkerungsgruppen –, doch nur zwei dieser Staaten sind wirklich bedeutsame Regionalmächte mit tiefgreifender historischer Legitimität. Solche sind die Türkei und der Iran.
Bereits ein Blick auf die Landkarte zeichnet ein entsprechendes Bild. Infolge der westlichen imperialen Politik, die später in eine völkerrechtlich legale Mandatspolitik überging, weisen viele Staaten in der Region ungewöhnlich gerade Linien als Grenzverläufe auf. Die Mehrheit dieser Staaten ist nach dem Ersten Weltkrieg entstanden und wurde nach dem Zweiten unabhängig. Fast jeder von ihnen ringt noch heute um Legitimität aus eigenem Recht und ficht anhaltende interne Konflikte aus.
Die Türkei und der Iran setzten sich von diesen Staaten nicht nur historisch in auffälliger Weise ab. Sie blicken beide auf eine eigene imperiale Tradition zurück (die, vereinfacht gesagt, osmanische und die persische) und bilden gefestigte Nationalstaaten halbwegs westlicher Manier. Trotz teils weitreichender externer Einflussnahme wurden sie nie im eigentlichen Sinne „kolonisiert“. Diesen Umstand verdanken sie nicht nur einer unumstößlichen Legitimitätstradition, die das Reißbrett überstand, sondern auch ihrer Geografie. Der Iran, zwischen dem russischen Zarenreich und Britisch-Indien gelegen, konnte beide Großmächte letztlich ausbalancieren. Die Türkei wiederum kontrolliert den Zugang zum Schwarzen Meer und damit den Seehandel und die Marinebewegungen zwischen der Krim und dem Rest der Welt. Diese Scharnierfunktion erlaubt es beiden Staaten, die an globalgeografischen Engstellen liegen, äußere Einflüsse in Waage zu halten. Im Falle der Türkei, früher Nachbarland der Sowjetunion, geht dieses Gewicht so weit, dass sie es zum NATO-Partner gebracht hat. Damit agiert sie in der US-geprägten Weltordnung praktisch mit einer Art Freibrief. Dass Ankara, immerhin einmal EU-Beitrittskandidat, auch die Schnittstelle Europas und Kleinasiens verwaltet, beeinflusste die deutsche Politik von der Kaiserzeit an bis hin zu den Gastarbeiter-Abkommen der 1960er und der zeitgenössischen Merkel’schen Flüchtlingspolitik.
Den postimperialen Nationalstaaten Türkei und Iran ist aber auch gemein, dass sie signifikante ethnische Minderheiten im eigenen Staatsvolke aufweisen. Die etwa 90 Millionen Iraner sind nicht allesamt Perser, im Gegenteil bilden jene Perser nur knapp die Hälfte der iranischen Bevölkerung. An der Ostgrenze zu Pakistan leben Belutschen, an der Grenze zum Irak Araber. Besonders heikel ist die Lage allerdings im Nordwesten des Landes, den unzählige Kurden und Aserbaidschaner ihre Heimat nennen. Dort gibt es separatistische, mindestens auf Autonomie bedachte Bestrebungen, wie wir sie auch aus dem Nordirak und der Türkei bestens kennen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan
Der US-israelische Angriff könnte den Iran zerlegen
Hier setzt das strategische Dilemma ein, das mit der Operation „Epic Fury“ seinen unklugen Anfang genommen hat. Geopolitisches Fingerspitzengefühl ist gefragt, oder besser, wäre gefragt gewesen. Einem gezielten, begrenzten US-israelischen Schlag gegen das iranische Nuklearprogramm kann man für sich genommen durchaus etwas abgewinnen. Verstehen kann man es jedenfalls, dass die Israelis die Möglichkeit einer nuklearen Schoah unbedingt ausschließen wollen. Dass das Mullah-Regime sich mit Kernwaffen unangreifbar macht und mit seiner Marine die Hormuzstraße im Würgegriff hält, ist auf Dauer kein akzeptabler Zustand. Hier – genauer, bis hierhin – hatte der Bundeskanzler recht, wenn er davon sprach, dass Amerikaner und Israelis die „Drecksarbeit“ der in Verhandlungen erfolglosen Europäer erledigten. Eine solche Differenzierung kommt in der deutschen Öffentlichkeit derzeit kaum vor.
Die Amerikaner sind allerdings einen Schritt zu weit gegangen, und man sollte getrost von einem „Overkill“ sprechen. Die gezielte Tötung weiter Teile der malevolenten iranischen Führung erzeugt nicht einfach nur eine Reihe von Märtyrern, sondern sie delegitimiert vor allem Teheran als zentralstaatlichen Akteur. Es bräuchte chirurgische Präzision, um das Mullah-Regime zu schwächen, ohne den Iran als auch zukünftig stützende Ordnungsmacht in der Region auszuschalten. Meine Frau hat es besser zusammengefasst, als es mir eingefallen ist: Einen Hirntumor behandelt man nicht, indem man den Patienten in Stücke reißt. Genau dieses Schicksal blüht dem Iran nun, und das auch noch, ohne dass ein umfänglicher Regimewechsel in Sicht wäre. Die angeschossenen Mullahs und ihre Islamische Revolutionsgarde können ihre Selbstbehauptung nun mit dem Zusammenhalten des iranischen Nationalstaates verknüpfen.

Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu möchte durch Machtpolitik Israels Sicherheit wahren.
Die Kurden rebellieren, die Türkei könnte intervenieren
Aufgrund der Dynamiken der US-amerikanischen Innenpolitik ist nicht davon auszugehen, dass das Weiße Haus Bodentruppen für einen Regime Change ins Felde führen wird. Stattdessen scheinen Amerikaner und Israelis sich darauf verständigt zu haben, dass man rebellische Volksgruppen, allen voran die Kurden, in die Bresche schickt. Kurdenanführer Hassan Sharafi will nun „proaktiv“ handeln und im Sinne seiner Leute den Kampf gegen Teheran aufnehmen. Erste Berichte über den Einsatz der Revolutionsgarde zur Niederschlagung eines Kurdenaufstandes gibt es bereits, ebenso Rapporte, die eine Unterstützung durch die CIA und den Mossad thematisieren. Das sind keine guten Nachrichten für die Regierung in Bagdad, die einen fragilen Irak zusammenhalten will und in dessen Norden die Kurden nach Autonomie streben. Eine geschwächte irakische Zentralmacht könnte das Wiedererstarken diverser Terrorgruppen bedeuten. Wichtiger noch: Die Türkei dürfte jedem Ansatz einer kurdischen Nationalbewegung im Iran und Irak maximal feindselig gegenüberstehen, da sie droht, den Osten ihres eigenen Staatsgebietes zu desintegrieren. Die verschärfte Rhetorik zwischen Israel und der Türkei verhärtet die dabei entstehenden Fronten zusätzlich. Nimmt man die Azeris mit in die Rechnung – Aserbaidschan ist ohnehin ein Partner Ankaras –, ist es praktisch ausgeschlossen, dass Präsident Erdoğan einer Form der Intervention widerstehen kann.
Vom Regen in die Traufe
Wer glaubt, dass durch den amerikanischen Overkill entstehende Chaos böte eine Chance für die Freiheit der iranischen Frauen oder für die Förderung deutscher Interessen, dem droht ein böses Erwachen. Der gestörte Seehandel trifft Deutschland als Erstes, das Mandat für die Marine-Mission am Golf von Aden hatte der Bundestag im Oktober 2025 in typischer Weitsicht erst auf 350 Soldaten halbiert. Die Ausbildung der irakischen Armee in Erbil steht als Nächstes auf der Abschussliste, weil sich die Bewaffnung der Kurden durch Amerika und Israel mittelfristig nicht mit dem irakischen Nation-Building vertragen wird. Frankreich hingegen schickt seinen Flugzeugträger in die Region, um die Golfstaaten gegen iranische Luftschläge schützen zu können. Damit erweist sich Paris als loyale Schutzmacht der Emire, deren Ölförderung und Tourismus auf dem Spiel stehen. Während Macron also wenigstens einen Schirm aufspannen kann, geht es für Deutschland in die Traufe. Wie absurd, dass Berlin derweil einen moralischen Regentanz aufführt.
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