„Grenzen der Meinungsfreiheit“ erreicht: Drosten verteidigt Corona-Zensur von Elite-Professoren
Ein Beitrag von
In seinem aktuellen Buch „Alles überstanden?“ verteidigt Virologe Christian Drosten die Social-Media-Zensur wissenschaftlicher Koryphäen, die in der Corona-Zeit durchgeführt worden war. Die Epidemiologen hatten mit der „Great Barrington Declaration“ eine Erklärung veröffentlicht, die für einen freiheitlichen Umgang mit der Corona-Pandemie plädiert hatte. Dafür wurden sie auf Twitter in ihrer Reichweite massiv eingeschränkt.
Dr. Martin Kulldorff ist ein Medizinprofessor und Epidemiologe an der amerikanischen Harvard-Universitiy in Cambride. Dr. Jay Bhattacharya ist Professor für Gesundheitspolitik und Epidemiologie an der amerikanischen Stanford University. Beide unterzeichneten am 4. Oktober 2020 die Great Barrington Erklärung. Darin warnten sie vor den „schädlichen Auswirkungen der vorherrschenden COVID-19-Maßnahmen auf die physische und psychische Gesundheit“ und empfahlen stattdessen „gezielten Schutz“ für Risikogruppen.
Für ihre Positionen wurden sie von Twitter auf eine „Schwarze Liste“ gesetzt. Die Accounts wurden nicht komplett blockiert, sondern mithilfe eines sogenannten Shadow-Bans in ihrer Reichweite künstlich eingeschränkt.
Elon Musk hob Zensurmaßnahmen auf
Dies wurde im Zuge der Aufdeckung der „Twitter-Files“ aufgearbeitet. Mit der Übernahme von Twitter durch Elon Musk waren die Zensurmaßnahmen aufgehoben worden. Auf X schrieb Dr. Jay Bhattacharya nach einem Treffen mit Musk Ende 2022: „Twitter 1.0 setzte mich gleich am ersten Tag meines Beitritts im August 2021 auf die schwarze Liste. Ich glaube, mein gepinnter Tweet, der auf die @gbdeclaration verwies, brachte mich auf die schwarze Liste, nachdem Twitter nicht näher bezeichnete Beschwerden erhalten hatte.“

Dr. Martin Kulldorff spricht im amerikanischen Kapitol, dem Sitz der Legislative, zum Thema Gesundheit. Rechts im Bild: der Gouverneur Floridas Ron DeSantis.
In der Great Barrington Erklärung argumentierten die Wissenschaftler: „Der einfühlsamste Ansatz, bei dem Risiko und Nutzen des Erreichens einer Herdenimmunität gegeneinander abgewogen werden, besteht darin, denjenigen, die ein minimales Sterberisiko haben, ein normales Leben zu ermöglichen, damit sie durch natürliche Infektion eine Immunität gegen das Virus aufbauen können, während diejenigen, die am stärksten gefährdet sind, besser geschützt werden.“
Schutzkonzept statt Masseneinschränkungen
Statt für Maßnahmen, die wie Maskenpflichten, Schul- und Kitaschließungen der gesamten Bevölkerung auferlegt wurden, traten sie „für den Schutz von gefährdeten Personengruppen“ ein. Die Elite-Wissenschaftler schrieben im Oktober 2020, also vor der mehrmonatigen Lockdown-Zeit, die Menschen in ganz Deutschland bis an die Grenzen ihrer finanziellen und psychischen Belastbarkeit trieben:
„Zum Beispiel sollten Pflegeheime Personal mit erworbener Immunität einsetzen und häufige Tests bei anderen Mitarbeitern und allen Besuchern durchführen. Der Personalwechsel sollte minimiert werden. Menschen im Ruhestand, die zu Hause wohnen, sollten sich Lebensmittel und andere wichtige Dinge nach Hause liefern lassen. Wenn möglich, sollten sie Familienmitglieder eher draußen als drinnen treffen. Eine umfassende und detaillierte Reihe an Maßnahmen, darunter auch Maßnahmen für Mehrgenerationenhaushalte, kann umgesetzt werden und liegt im Rahmen der Möglichkeiten und Fähigkeiten des öffentlichen Gesundheitswesens.“

Dr. Jay Bhattacharya
Diese Stellungnahme wurde der Sache nach in Schweden oder den US-Bundesstaaten Florida und South Dakota erfolgreich praktiziert. Sie stößt auf Drostens „Grenzen der Meinungsfreiheit“, so wie der Virologe sie zieht.
In den USA läuft derzeit ein Prozess vor dem obersten Gericht, der die Twitter-Zensur der Verfasser der Great Barrington Erklärung zum Gegenstand hat, was in Drostens Buch angesprochen wird. Drosten ist gespannt auf den Ausgang des Prozesses, schlägt sich aber jetzt schon auf eine Seite. Den Wissenschaftlern unterstellt er, angebliche Irrtümer „kaschiert“ und sie mit politischen Forderungen verbunden zu haben, was Konsequenzen für andere gehabt haben soll. Somit sei die Meinungsfreiheit, die für Drosten eigentlich auch die Freiheit beinhalte, Falsches zu äußern, nicht mehr zu gewährleisten.
Nachträglich verteidigt Drosten die Corona-Zensur der Elite-Professoren. Er bemüht dabei das damalige „Gesundheitsschutz“-Argument: Ihre Äußerungen hätten negative „Konsequenzen für andere“ gehabt.

Screenshot aus dem E-Book von „Alles überstanden?: Ein überfälliges Gespräch zu einer Pandemie, die nicht die letzte gewesen sein wird“.
Britischer Wind dreht sich gegen Lockdowns
Wie begründet Drosten, die Wissenschaftlicher hätten „nachweislich falsch gelegen“? Der Virologe behauptet, die Verfasser der Great Barrington Erklärung hätten sich bei der Sterblichkeitsrate von Covid-19 „enorm verschätzt“, sie hätten nicht wie bei der Grippe von einer „Hintergrundimmunität“ in der Bevölkerung ausgehen dürfen. Denn: „SARS-CoV-2 war einfach einzigartiger und neuartiger für die Menschheit im Vergleich zu einem neuen Influenzavirus“, so Drosten. Ihn stört: „Ihre damaligen Ideen und Argumenten blieben auch in Deutschland hängen, wo im Herbst 2020 wieder von einigen vorgeschlagen wurde, ein entsprechendes Vorgehen zu verfolgen“ – also ein Vorgehen, wie es von den Elite-Professoren oben dargelegt wurde: durchdachte Schutz-Konzepte für Gefährdete, aber keine massenhaften Grundrechtseinschränkungen, mit jenen unvermeidbaren Folgen, die nun insbesondere für ältere und junge Menschen bereut werden.
In Großbritannien ist die Aufarbeitung der Corona-Zeit deutlich weiter als in Deutschland. Eines der wichtigsten Medien des Landes stellt die Corona-Politik grundsätzlich infrage: „Lockdown hatte 'katastrophale Auswirkungen' auf das Armutsgefälle in Großbritannien"“, titelt der Telegraph. Eine weitere Zeile: „Lockdown war eine Katastrophe für unsere Kinder – und zwar eine völlig vorhersehbare“. Ende 2023 fragte der Telegraph, ob die „Corona-Wissenschaft“ insgesamt falsch lag – also jene wissenschaftliche Linie, die Christian Drosten vertritt und von den Elite-Professoren frühzeitig kritisiert wurde.

The Telegraph, 12. Dezember 2023.
Es ist nicht nur das totalitäre Befürworten von Zensur und der unbeirrbare Dogmatismus, die Christian Drosten auch nach den Kriterien wissenschaftlicher Vernunft in ein schlechtes Licht rücken. Sondern auch der hochnäsige Ton: Im Buch nennt er die Great Barrington Erklärung abfällig und irreführend als ein „Thesen-Papier“. Ihren Verfassern sagt er nach, sie hätten sich nicht „mit wissenschaftlichen Kollegen abgeglichen und die neueste Literatur verfolgt“.
Alles wie gewohnt also. Im NDR-Podcast diffamierte er die Professoren der amerikanischen Elite-Universitäten damals so: „Ich sage hier nur Great Barrington Declaration: Das ist eine ganze Gruppe von Pseudoexperten.“ Selbst, wenn Drosten im Nachhinein Recht behalten hätte: Das ist kein respektvoller, wissenschaftlicher Umgangston.
Mehr NIUS:
Die Chronik der Pfizer-Skandale
Mehr NIUS:
Keir Starmer kniete für George Floyd, schwieg aber monatelang zu Henry Nowak
Merz’ katastrophale Kommunikation – die große Analyse
Wie die EU mit dem „Democracy Shield“ den Generalangriff auf die neuen Medien plant
Nach Champions-League-Finale: Paris siegt, Paris brennt
Liberal & Remmidemmi: Wie die FDP zurückkommen will, in Köpfe und Parlamente
„Wärmster Sommer seit 2000 Jahren“ – die faulen Tricks hinter den Klima-Superlativen
„Burn the old white men“ soll keine Volksverhetzung sein, weil die Parole sich „nicht gegen einen bestimmten Bevölkerungsteil“ richte
Grüne Klimaideologie: So werden die Menschen in den Entwicklungsländern ärmer
Mehr NIUS:
Nach Champions-League-Finale: Paris siegt, Paris brennt
Liberal & Remmidemmi: Wie die FDP zurückkommen will, in Köpfe und Parlamente
„Wärmster Sommer seit 2000 Jahren“ – die faulen Tricks hinter den Klima-Superlativen
„Burn the old white men“ soll keine Volksverhetzung sein, weil die Parole sich „nicht gegen einen bestimmten Bevölkerungsteil“ richte
Grüne Klimaideologie: So werden die Menschen in den Entwicklungsländern ärmer
3 Millionen Arbeitslose! Zwei Grafiken, die zeigen, dass die Lage noch viel dramatischer ist als gedacht
Ein „Puff für alle” im Lehrplan: Dieses Phänomen ist nicht neu!
Nur 90 Klagen wegen Diskriminierung seit 2020: Warum die Erzählung einer strukturell-diskriminierenden Bundesverwaltung nicht stimmt
Felix Perrefort
Artikel teilen
Kommentare