Immer mehr Firmenpleiten: Die aktuelle Insolvenz-Welle ist bereits in den Corona-Jahren entstanden
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Laut einer Analyse des Handelsblattes ist die aktuelle Zahl der Firmenpleiten noch höher als bislang prognostiziert. Wie konnte es dazu kommen? NIUS-Kolumnist Markus Brandstetter meint: Die Gründe für die Insolvenzwelle liegen bereits in den Corona-Jahren.
Für einen Unternehmer ist eine Insolvenz vergleichbar mit einer Krebserkrankung: Eine singuläre Katastrophe, die durch Operation und Chemotherapie im besten Fall überwunden werden kann, die einen Menschen aber lebenslang zeichnet und für immer verändert. Ein Unternehmen kann eine Insolvenz durch einschneidende Eingriffe bei Management, Produktsortiment und Kostenstruktur, durch frisches Kapital und eine umfassende Restrukturierung überleben, aber nur im allerbesten Fall und auch dann nur mit ungeheurem Aufwand.
Eine Insolvenz ist kein Picknick und kein Kindergeburtstag und lässt Unternehmer, Anteilseigner, Investoren und Mitarbeiter erschöpft, reduziert und auf Jahre hinaus angeschlagen zurück – vom Ruin der mit Grundschulden und Bürgschaften haftenden Eigentümer gar nicht zu reden. Die Rettung eines Unternehmens aus der Insolvenz glückt nur selten, meist wird der Laden geschlossen, das Tafelsilber verkauft und der Rest zerschlagen.
Bis Jahresende werden die Insolvenzen weiter steigen
Deshalb ist eine aktuelle Analyse des Handelsblattes extrem beunruhigend. „Die Zahl der Firmenpleiten“ schreibt das Wirtschaftsblatt, „ist höher als befürchtet.“ Wir ergänzen: viel höher. Von Januar bis Juni 2024 mussten 162 Unternehmen mit einem Umsatz von über zehn Millionen Euro Insolvenz anmelden. Das sind 41 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2023. Das waren jetzt die großen Brocken, die öffentlich auffallen und von denen man in der Zeitung liest.

Die Insolvenzen sind unter der Ampel-Regierung im Vergleich zum Halbjahresvorjahr deutlich gestiegen.
Daneben gab es aber im selben Zeitraum weitere 11.000 Insolvenzen bei kleineren Firmen. Das sind die ganzen Handwerker, Geschäftsleute, Händler, Klein- und Mittelbetriebe, von denen selten was in den Zeitungen steht, deren Pleite aber Eigentümer und Mitarbeiter oft in die Katastrophe stürzt. Rechnet man die Insolvenzen aus der ersten Jahreshälfte auf das ganze Jahr 2024 hoch, dann werden wir am Jahresende bei 22.000 Insolvenzen liegen, es könnten aber auch gut 25.000 sein, weil es keine Anzeichen gibt, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bis Weihnachten zum Positiven verändern werden. Wenn das so kommt, dann wird dieses Jahr in puncto Unternehmenspleiten das schlimmste seit 2014, als wir 24.085 Insolvenzen hatten.
Diese traurige Bilanz wirft drei Fragen auf: 1. Welche Branchen sind besonders stark von Insolvenzen betroffen? 2. Warum erreichen Insolvenzen genau jetzt einen neuen Höchststand? 3. Haben Firmen nach der Insolvenz eine Zukunft oder droht meist das Aus?
1. Welche Branchen sind besonders stark von Insolvenzen betroffen und warum?
Nach der Analyse des Handelsblatts spielen sich Insolvenzen im Moment hauptsächlich unter Immobilienunternehmen, Autozulieferern und im Maschinenbau ab, weniger in der Modebranche und im Konsumgüterhandel. Hier zeigen sich die Fehler einer halb-sozialistischen Wirtschaft und Finanzpolitik, die ständig in den Markt eingreift, um ihn nach politischen Vorgaben zu erziehen und zu manipulieren.
Die Baubranche leidet unter den Folgen der Corona-Politik, den daraus resultierenden Lieferkettenproblemen, höheren Materialpreisen und den plötzlichen Anhebungen des Leitzinses. Dieser toxische Mix hat einerseits bei den Bauträgern Finanzierungskosten und Kostenkalkulation über den Haufen geschmissen, andererseits für Immobilienkäufer die monatlichen Hypothekenraten unerschwinglich gemacht.
Die Autozulieferer leiden unter der von der Politik erzwungenen Umstellung auf E-Autos, die aber kaum einer kaufen will, weshalb die Zulieferer von Verbrennungsmotoren nicht wissen, ob sie überhaupt noch eine Zukunft haben und entsprechend weniger investieren. Die Zulieferer von E-Autos hingegen müssen hastig aufgebaute Kapazitäten stilllegen, weil kein Mensch die Endprodukte haben will. Der Maschinen- und Anlagenbau schließlich leidet unter der schwachen Nachfrage aus China, weil die Chinesen die deutschen Anlagen und Maschinen, die sie in den letzten 30 Jahren gekauft haben, inzwischen selbst herstellen.

Ein kleiner Bäcker muss ebenfalls schließen.
2. Warum erreichen Insolvenzen genau jetzt einen neuen Höchststand?
Insolvenzen kommen in Wellen, und sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit den Wellen im Meer. Hohe Meereswellen, die bei einem Sturm als Brecher gegen die Kaimauern schlagen, sind nicht hundert Meter vor dem Hafen entstanden, sondern Stunden und Tage vorher kilometerweit draußen im Meer, wo ihnen Gezeiten, Wind und Wassertiefe die Voraussetzungen bieten, zu hohen Sturzseen zu werden.
Die aktuelle Insolvenzwelle ist in den Corona-Jahren entstanden, von 2020 bis 2022 – den Jahren, in denen Deutschland die niedrigsten Insolvenzanmeldungen seit 1992 verzeichnete. Aber nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus politischen Gründen. Denn zur Corona-Zeit war die Pflicht zur Insolvenzanmeldung jahrelang ausgesetzt, und zwangsweise geschlossene Firmen wurden durch allerlei Übergangshilfen, Kurzarbeitergeld und reduzierte Mehrwertsteuersätze durchgepäppelt.
Das rächt sich jetzt. Denn jetzt müssen die einst mit vollen Händen ausgeschütteten Überbrückungshilfen penibel abgerechnet und zurückgezahlt werden, andernfalls drohen Gerichtsverfahren und hohe Strafen. Jetzt sind die gutausgebildeten Mitarbeiter in Gastronomie und Hotellerie, die wegen Corona zuhause sitzen mussten, entweder bei der Konkurrenz oder arbeiten in anderen Branchen, wo die Arbeit regelmäßiger und das Einkommen höher ist. Jetzt ist es mit den jahrelangen Nullzinsen, die Kredite billig machten, fragwürdige Investitionen gestatteten und es angeschlagenen Betrieben erlaubten, sich jahrelang durchzuwurschteln, vorbei. Jetzt sind die Banken hellhörig geworden, verlangen höhere Zinsen, mehr Eigenkapital und bessere Sicherheiten und lehnen Kredite, die sie noch vor wenigen Jahren fröhlich abgeschlossen hätten, ohne lange Prüfung ab.
Deshalb rollt die Welle der Insolvenzen jetzt, und sie wird noch eine Zeitlang weiterrollen. Denn die aktuelle Pleitewelle trifft auf eine wirtschafts- und industriefeindliche Politik, wie es sie in Deutschland noch nie gab. Dank Klima-, Energie- und Verkehrswende befindet sich der Standort Deutschland in einer Dauerkrise, die an den gewaltigen, aber auch endlichen Reserven dieses Landes zehrt wie keine andere seit 1973. Es ist vollkommen klar, dass mit Habeck, Scholz und Heil keine Lösung in Sicht ist, weshalb die Pleiten weitergehen werden, bis sich unter einer neuen, hoffentlich wirtschaftsfreundlichen Regierung die Lage stabilisiert und die Insolvenzen abnehmen werden. Aber das wird Jahre dauern und die Rücknahme, mindestens aber die Abschwächung von Heizungsgesetz, Lieferkettengesetz und Verbrennerverbot erfordern.
3. Haben Firmen nach der Insolvenz eine Zukunft oder kommt dann meist das Aus?
Einer unserer liebsten Trivialmythen, tausendmal in Presse, Rundfunk- und Fernsehen wiederholt, geht so: Müller & Co. haben Insolvenz angemeldet, aber das ist nicht schlimm, denn das ist ja auch eine Chance für das Unternehmen, sich neu aufzustellen und mit einem Insolvenzverwalter im Bunde oder in Selbstverwaltung frisch durchzustarten. Bis alles wieder in Ordnung ist.
Das ist gefühliges Wunschdenken, aber nicht die Realität. Beim Handelsblatt weiß man, dass nur 27 Prozent der insolventen Firmen überhaupt eine Zukunft haben. Mit Zukunft ist hier gemeint: Entweder kommt ein anderes Unternehmen, das den insolventen Laden kauft, die (meisten) Mitarbeiter übernimmt und den Betrieb fortführt. Das ist der beste Fall, aber auch der seltenste, und hier hängt alles von Management und Finanzkraft des Käufers ab. Oder das Unternehmen versucht, sich aus eigener Kraft im Rahmen eines Insolvenzplans zu sanieren, was viel seltener klappt, weil a) frisches Geld gebraucht wird, das meist nicht da ist, und b) oft die alte Mannschaft den Laden weiterführt wie gehabt. Bis zur nächsten Insolvenz. So lief das zum Beispiel mit dem Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof, der sich momentan in der dritten Insolvenz befindet, oder bei der Modekette Esprit, die in vier Jahren zweimal Insolvenz anmelden musste.

Auch die Modekette Esprit musste mehrmals Insolvenz anmelden.
Für die meisten insolventen Unternehmen aber sind Fortführung, Kauf durch einen Wettbewerber oder Einstieg eines Investors sowieso nur ein ferner Traum – insbesondere für alle kleineren und mittleren Unternehmen bis zu einem Jahresumsatz von zwei Millionen Euro. Diese Kleininsolvenzen werden von Insolvenzverwaltern, die meist kein Interesse an Weiterführung oder Verkauf haben, rasch abgewickelt mit dem Ziel, sich aus der Insolvenzmasse eine erquickliche Vergütung zu sichern, weshalb an allen Insolvenzgerichten Scharen von Verwaltern wie die Geier um lukrative Fälle mit ergiebiger Masse kreisen.
Die eigentlich Leidtragenden an der aktuellen Insolvenzwelle sind einerseits all die kleinen Unternehmer, Firmen- und Geschäftsinhaber, die nach dem Bankrott so gut wie immer vor dem Nichts stehen, weil ihren Hausbanken mit Haut und Haar (Privathaus, Vermögen und Besitz) haften und diese die ihnen überlassenen Sicherheiten so lange zu Geld machen, bis nichts mehr da ist. Kaum weniger betroffen sind die Mitarbeiter insolventer Unternehmen, weil bei Kleininsolvenzen praktisch alle ihren Arbeitsplatz verlieren.
Das sind die eigentlichen Verlierer einer seit Jahren andauernden, spektakulär wirtschaftsfeindlichen Politik. Von ihnen ist nie die Rede.
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Markus Brandstetter
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