Joe Biden verkündet seinen Abschied in Würde, wenn auch nicht ganz freiwillig
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Nach Tagen der öffentlichen Abstinenz, teilweise bedingt durch eine Covid-Erkrankung, hat sich Präsident Joe Biden am Mittwochabend aus dem Oval Office an das amerikanische Volk gewandt. An seinem massiven Schreibtisch sitzend wollte Biden die kommunikative Initiative zurückgewinnen oder sich wenigstens endlich erklären.
Viel wurde über die Ansprache Bidens im Vorfeld gemunkelt. Was der Präsident seinen Landsleuten wohl mitteilen möchte? Wird er seinen überhasteten Rückzug aus dem Rennen um das Weiße Haus kommentieren? Welcher Aspekt gab hier schließlich den Ausschlag? Eine Frage, die aktuell das ganze Land und vor allem die Washingtoner Blase brennend interessiert. Doch auf diese Punkte ging der Präsident nur bedingt ein.
Er stellte stattdessen immer wieder die Fragilität der Demokratie in den Mittelpunkt seiner Rede. Die amerikanische Demokratie sei akut in Gefahr und Kamala Harris, so konnte man heraushören, sei besser geeignet als er selbst, diese gegen Donald Trump und die Republikaner zu verteidigen. Es sei nun an der Zeit, die Übergabe einzuleiten.

Kamala Harris zeitgleich bei einer Konferenz in Indiana
Es war eine staatstragende, in weiten Teilen überparteiliche Rede, in der der Präsident den Zusammenhalt der Amerikaner beschwor.
Viel Pathos – wirklich inspirierend oder gar emotionalisierend war die Rede dennoch nicht.
Sein Fernsehauftritt war keine Katastrophe wie das vergangene TV-Duell gegen Trump, dennoch sprach der Präsident streckenweise zu leise, teilweise sehr unverständlich. Agil und hellwach wirkte Biden auch an diesem Abend nicht. Bis heute bleibt ein Rätsel, wieso Biden Stunden vor seinem Rückzug noch „Ich werde die Wahl gewinnen!“ skandierte.

Gesenkter Blick, auf der Suche nach Konzentration: Joe Biden kurz vor Beginn seiner Ansprache.
Seit Tagen streitet das Land darüber, ob der Präsident überhaupt noch in der Lage ist, die Amtsgeschäfte bis zum Ende der Wahlperiode zu führen. Nach dem heutigen Abend kann man sagen: Ja, auch wenn der Präsident einen sehr alten und gebrechlichen Eindruck macht.
Die Rede muss man irgendwo zwischen verfrühter Abschiedsrede und Krisenkommunikation einordnen. Die Botschaft: Ich bin noch da, aber ich weiß, es ist Zeit zu gehen.
Es ging darum, sein öffentliches Ansehen nicht vollends erodieren zu lassen
Er zog Bilanz. Dort sprach gestern Abend ein Mann, der sein ganzes Leben dem Dienst am Gemeinwohl gewidmet hat, ein Mann, der sein Land über alles liebt. Er hänge nicht am Amt, wenn es um das Land gehe, so der Präsident. Anders als sein Kontrahent werde er nicht vom eigenen Ego getrieben.
Auch wenn man bedenkt, dass Biden in den letzten Wochen regelrecht bestürmt wurde, endlich den Weg für einen Nachfolger freizumachen und am Ende keine Wahl mehr hatte, nimmt man ihm diese Worte dennoch irgendwie ab. Bidens Sturheit, die ihn bis zum Schluss weitermachen ließ, ist jetzt fast vergessen.
Was Biden mit seinem Auftritt vor allem erreicht hat, ist, seinen Abschied in Würde zu verkünden. Der Zickzack-Kurs der letzten Tage, die überhastete, fast improvisierte Übergabe an Kamala Harris, die nun für die Demokraten mit neuem Selbstbewusstsein gegen Donald Trump zu Felde ziehen soll, ist mit dem gestrigen Abend ein wenig in den Hintergrund gerückt.

Nach seiner Rede wird Joe Biden von seiner Ehefrau Jill und seinem Sohn Hunter beglückwünscht.
David Axelrod, ehemaliger Stratege und Berater unter Präsident Barack Obama, stellte im Anschluss beim Nachrichtensender CNN fest: „Die Geschichte wird es gut meinen mit Joe Biden.“ Und wenn ich mir diesen kurzen Auftritt aus dem Oval Office, der nur rund 10 Minuten gedauert hat, vor Augen führe, muss ich gestehen, ich kann mich diesem Urteil anschließen.
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