Überfordert, verspätet, realitätsfremd: Warum Wegners Krisenmanagement schon vor dem Tennis-Gate desolat war
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Der massive, durch einen linksterroristischen Brandanschlag verursachte Stromausfall in Berlins Südwesten im Januar 2026, der rund 45.000 Haushalte bei eisigen Temperaturen ohne Strom und Heizung ließ, hat nicht nur die Schwächen der kritischen Infrastruktur, sondern auch das desolate Krisenmanagement des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner (CDU) offengelegt. Der Skandal wurde handfest, als der rbb enthüllte, dass Wegner am Samstag um 13:00 Uhr, mitten in der Krise, Tennis spielen ging – und später die Öffentlichkeit vor laufender Kamera belog. Doch das Problem ist größer als der „unforced error“, um in der Sprache des Tennis zu bleiben.
Denn Wegners Krisenmanagement war ungeachtet der Tennisstunde desolat. Seit den Morgenstunden herrschte in den betroffenen Berliner Bezirken Chaos: Altersheime mussten evakuiert werden, Senioren konnten sich nicht versorgen, das Netz war großflächig ausgefallen, die Feuerwehr im Dauereinsatz. Verstärkt wurde die Notsituation von Minusgraden und mancherorts zehn Zentimeter Neuschnee. Gleich vier Krankenhäuser waren von dem Stromausfall betroffen und die Lage dementsprechend ernst.

Ein Krisenmanagement als Hypothek: Wegner dürfte im bevorstehenden Wahlkampf Angriffsfläche bieten.
Um 13:00 Uhr, als Wegner begann Tennis zu spielen, war die Situation in den betroffenen Gebieten bereits verheerend – und der Bürgermeister wusste, dass der Stromausfall nicht einige Stunden, sondern mehrere Tage anhalten würde, wie der rbb heute berichtet. Spätestens ab 14:37 Uhr berichtete der Tagesspiegel unter Berufung auf Stromnetz Berlin, dass eine schnelle Behebung illusorisch sei; wenig später wurde ein mehrtägiger Ausfall prognostiziert. Bereits in den Morgenstunden waren Evakuierungen und hilflose Nachbarschaften sichtbar, und ab 15:00 Uhr koordinierten Dutzende Einsatzfahrzeuge die Lage. Dennoch blieb der Oberbürgermeister bis Samstagnachmittag unsichtbar.
Wo ist der Anführer, wenn wir ihn am dringendsten brauchen?
Erst um 16:50 Uhr schrieb Wegner auf der Plattform X: „Der massive Stromausfall im Berliner Südwesten betrifft sehr viele Menschen, Krankenhäuser und Betriebe. Er ist für die Betroffenen eine enorme Belastung.“ Zu dem Zeitpunkt hatten bereits tausende Berliner in Zehlendorf, Lichterfelde, Nikolassee, Schlachtensee und Wannsee ihre Wohnungen verlassen – und Kontakt zu pflegebedürftigen und älteren Angehörigen gesucht. In der rbb-Abendschau trat nicht der Bürgermeister auf, sondern die Bezirksbürgermeisterin von Steglitz-Zehlendorf, Maren Schellenberg (Bündnis 90/Die Grünen), sowie Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD). Und schon da fragte sich im Berliner Südwesten manch einer: Wo ist der Anführer, wenn wir ihn am dringendsten brauchen?
Wegners Abwesenheit, seine verspätete Präsenz und ungeschickte Kommunikation unterstreichen einen veralteten Führungsstil, der in Zeiten von Social Media und Echtzeit-Informationen fehl am Platz ist. Dass Wegner, während Tausende Berliner frierend ausharrten, zum Tennisschläger griff („Ich habe von 13:00 bis 14:00 Tennis gespielt, weil ich einfach den Kopf freikriegen wollte“), macht sein Auftreten da nur noch schlimmer. Die Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek zeigte sich „fassungslos“ und forderte Wegners Rücktritt. AfD-Politikerin Beatrix von Storch wetterte: „Terroranschlag. Ganze Stadtteile ohne Strom. Bei Eiseskälte. Und der Regierende geht Tennis spielen.“ Der Spiegel nannte es „Wegners Laschet-Moment“, in Anlehnung an Armin Laschets Fehltritt 2021. Und TableMedia-Journalist Michael Bröcker kritisierte: „Tennis spielen, während >100.000 Menschen ohne Strom und Heizung sind, ist instinktlos.“ Inzwischen ist eine ganze Memeflut über Wegner hereingebrochen, der auf kreativste Art und Weise als Tennisspieler verhohnepipelt wird.
Bei politischer Kommunikation gilt: Meide die Salamitaktik
Noch verheerender dürfte Wegners Abwesenheit angesichts der Tatsache sein, dass er später Informationen vorenthielt und offen auf Pressekonferenzen log. In mehreren Auftritten, darunter am Sonntag in einer Notunterkunft und am Montag bei einer Pressekonferenz, schilderte er seinen Samstag als reinen Arbeitstag mit Telefonaten und Koordination von zu Hause aus, ohne je sein Tennisspiel mit Partnerin Katharina Günther-Wünsch zu erwähnen. Selbst in einem Hintergrundgespräch mit Journalisten am Dienstag blieb der Freizeitsport unerwähnt, obwohl er präzise Zeitangaben zu anderen Teilen des Tages machte. Auch deshalb spricht der Tagesspiegel heute von einem „Protokoll der Vertuschung“.
Stattdessen inszenierte Wegner einen Tag später eine peinliche Selbstpräsentation als „Anpacker“, indem er eine Seniorin vor die Kamera zerrte. Das Foto, das ihn vor der gebrechlichen Frau zeigt, befremdet auch deshalb so sehr, weil es die Illusion aufrechterhalten soll, in der der Oberbürgermeister ein Kümmerer erster Stunde gewesen ist. Dabei ist allein schon die Tatsache, dass die Rentnerin auf einem Feldbett schlafen musste, Eingeständnis eines Versäumnisses bei der Krisenvorsorge.

Wegner und Spranger in der Unterkunft: befremdliche Inszenierung als Anpacker.
Dabei braucht es gar keinen Tennisschläger, um mit dem Kopf zu schütteln: In einer Ära permanenter Vernetzung ist die ganztägige Abwesenheit eines Verantwortlichen unhaltbar. Während sich Bilder, Posts, Videos und Berichte auf sozialen Medien überschlagen, verbreitet und aufgegriffen werden, wirkt ausgerechnet derjenige paralysiert, der führen sollte. Auch deshalb sprach Politikwissenschaftler Hajo Funke in Bezug auf Wegners Kommunikation von „einem Relikt aus vergangenen Jahrzehnten“. Bröcker warf ihm „Parallelwelt-Kommunikation“ vor, die die Realität ignoriere, sowie Management-Fehler wie die verspätete Ausrufung der Großschadenslage, zu späte Anforderung von Notstromaggregaten und unangemessene Hilfsangebote wie 70-Euro-Hotels ohne Tür-zu-Tür-Aktionen.
In Wirtschaft oder Kultur mag Abwesenheit und Abwarten noch als vorsichtiges Taktieren durchgehen, in der Politik ist es untragbar – zumal in einer Krisensituation. Vielmehr ist der Erwartungshorizont an politische Entscheidungsträger wie Wegner klar abgesteckt: Sichtbarkeit, Präsenz, klare Worte, Mut in den Entscheidungen, zeitgemäßer Social-Media-Auftritt. Nichts davon legte Wegner an den Tag. Vielmehr dürfte der viereinhalbtägige Stromausfall sein Image nachhaltig beschädigt haben, das Vertrauen in die Berliner Regierung untergraben haben. Für die CDU dürfte Wegner im bevorstehenden Wahlkampf zur Hypothek werden.
Die Krise fordert einen Paradigmenwechsel, wenn es um politische Kommunikation geht: In der digitalen Welt siegen Authentizität und Präsenz über Inszenierung; andernfalls wirken Politiker wie Wegner überfordert und bevölkerungsfern.
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Jan A. Karon
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