Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal: Die neue Politik-Elite
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Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. Wirklich? Gewiss, im 19. Jahrhundert bestanden die Parlamente im Wesentlichen aus „Männern von Besitz und Bildung“, zudem die Regierungen aus Adeligen und hochbürgerlichen Aufsteigern. Besser so? Wohl auch nicht.
Gerne sehen wir heute Politikerinnen neben jedem zweiten Politiker. Besitz verlangen wir auch nicht mehr, seit vor gut hundert Jahren die Diäten zum Lebensunterhalt von Abgeordneten zu werden begannen. Doch es verdrießt viele, wenn kaum der Studentenzeit entwachsene Leute ohne Lebenserfahrung als Abgeordnete ein Gehalt bekommen, das weit über die Hälfte des Volks niemals erzielen wird. Dem über seine Gewerkschaftskarriere ins Parlament gelangten Arbeiter hat man es zu dessen Zeiten viel seltener geneidet.
Auch Bildung schadet Politikern nicht. Herzensbildung tut ohnehin gut. Doch vor allem wäre solche Bildung wünschenswert, die über das Beherrschen politischer Technik hinausgeht. Letztere reicht vom medialen und persönlichen Auftreten über gekonntes Netzwerken bis zur zielführenden Planung profilierender Themensetzungen. Gerade wegen ihrer auch lebenspraktischen Kenntnisse lobten wir jahrzehntelang den – inzwischen parlamentarisch ziemlich ausgestorbenen – Facharbeiter, auch den einst wirklich seinen Beruf ausübenden Lehrer, und ohnehin die langjährig im operativen Geschäft tätigen Angestellten von Wirtschaftsunternehmen, desgleichen die Mitarbeiter von anderen Organisationen als Parteien, Interessenverbänden und NGOs, die leider heute unsere Parlamente bevölkern.
Wem Fachdisziplin egal ist, geht zu den Gurus für Genderstudien
Ganz übel ist der Typ „abgebrochener Student“, gerne auch weiblich oder queer. Bei solchen Leuten führte die Laufbahn umweglos vom Kreißsaal über den Hörsaal in den Plenarsaal. Das Studium brauchten sie nur zur sozialen und statusmäßigen Absicherung ihres politischen Treibens in gleich welchen politischen Jugendorganisationen. Und das Interesse am Studienfach, wenn es nicht die stets nützliche Juristerei war, beschränkte sich meist aufs politisch unmittelbar Verwertbare. Also ging der Soziologe einst in Kapitalismusseminare, der Politikwissenschaftler in die Bewegungsforschung – und der, dem jede Fachdisziplin egal ist, geht heute zu den Gurus von Genderstudien, Postkolonialismus und „critical whiteness“. Kein Wunder, dass solche Leute als Politiker überfordert sind, wenn es um wirkliche Probleme mit stagnierender Wirtschaft, aggressiver Außenpolitik und politisch zwar eingepreister, doch noch gar nicht praxisreif entwickelter Technik geht.

SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert überzeugt mit knapp vier Jahren Arbeitserfahrung.
Leistungseliten hatten ja durchaus ihren Sinn
Nach zwei, drei Wahlperioden gehört derlei Personal im Parlament zu den Altgedienten, wird zum Rollenmodell für Neulinge, erfüllt die jeweils erwünschten Quotenvorgaben für Regierungsämter. Weiblich und jung lässt sich dabei umfangreicher nutzen als woke und scharfzüngig, unterliegt also besonders geringem Auswahldruck. Zwar tritt manch große politische Begabung schon in jungen Jahren hervor. Doch Talent allein macht noch keinen Virtuosen mit Ausstrahlung und konstanter Leistung. Insgesamt ist es heute eine seilschaftsartige Funktionselite, doch nicht wirklich eine Leistungselite, die im Politikbetrieb zusammenfindet. Und weil jede Gesellschaft im Wesentlichen aus Durchschnitt besteht, muss das auch bei Politikern nicht überraschen.
Doch Politik ist nun einmal jener Berufszweig, von dem aus wirklich alles andere mitgeprägt wird. Das beginnt mit dem Kompetenzniveau, das der Gesellschaftsdurchschnitt im politisch ausgestalteten Bildungswesen erwirbt, setzt sich fort in förderlichen oder zum Auswandern anhaltenden Rahmenbedingungen für Unternehmensgründer oder mittelständische Betriebe, und endet im Frieden, den Politiker einem Land sichern, oder im Krieg, zu dem sie es kommen lassen.
Offensichtlich ist Politik viel zu wichtig, als dass man sie als Tummelplatz für Ego-Trips, als Labor für Gesellschaftsexperimente, als Gummizelle fürs Abstoßen eigener Hörner hinnehmen sollte.
Es hatte schon seinen Grund, dass in vielen Kulturen die Politik jenen „Ältesten“ anvertraut war, die sich in Krieg und Frieden bewährt hatten. Oder dass im republikanischen Rom politischer Aufstieg abhing von der zu leistenden Verbindung gesellschaftlich verpflichtenden Reichtums und Ansehens mit eigener Bewährung auf dem „cursus honorum“, und dann mit erfolgreich überstandenen Wahlen bei den Volksversammlungen. Im römischen Senat war dann wirklich die praxisbewährte Elite des Staates versammelt. Das bewahrte die Republik zwar auch nicht vor einem über hundertjährigen Bürgerkrieg, an dessen Ende die autoritäre Herrschaft der Kaiser stand. Doch dass es deren Glanzzeiten überhaupt geben konnte, ging auf die Tüchtigkeit der ihnen lange vorangegangenen Leistungseliten zurück.

Grünen-Chefin Ricarda Lang und Fridays-For-Future-Frontfrau Luisa Neubauer
Über neue Sozialfiguren und das Simulieren von Sachkompetenz
Nun funktionieren Verfassungsstaaten, Demokratien und liberale Gesellschaften natürlich anders. Sie haben auch so große Vorteile, dass wir den liberalen demokratischen Verfassungsstaat unbedingt verteidigen sollten. Doch unsere Zuneigung zu ihm sollte nicht blind für dessen Pathologien machen.
Zu denen gehört nicht nur eine Bürgerschaft, die mit ihren Positionsnahmen, Gunstbezeugungen, Shitstorms und Partizipationsformen oft weit oberhalb ihres politischen Bildungsstandes agiert. Sondern zu diesen Pathologien gehört auch eine Politikerschaft, die politische Problemlösungen oft mehr insinuiert und simuliert als tatsächlich leistet, und die beim rhetorischen Vorblenden von Sachkompetenz nicht selten besser ist als bei deren Erwerb, Besitz und praktischer Anwendung.
Genau in diesem Zusammenhang kommen Sozialfiguren auf wie der ethisch bewunderte „Mahner und Warner“, der widerspruchslos Autorität genießende „Experte“, der die Rolle des Hofastrologen erbende „Fernsehprofessor“. Nichts ist falsch am Mahnen und Warnen, am Expertentum, an professoraler Kompetenz beim Erklären politischen Geschehens. Doch alle diese Rollenträger laufen zu umso größerer Form auf, je besser ihre Gegenüber in der Politik und ihre Kritiker im politischen Diskurs sind. Viel weniger nützen sie als bloße Galionsfiguren einander bekämpfender Kriegsschiffe. Doch genau dazu kommt es, wenn es in der Politikerschaft zu wenig Eigenkompetenz und hinterfragende Intellektualität gibt, zumal doch niemand anderes als die Politikerschaft Expertenratschläge in Entscheidungen umzusetzen vermag.
Also sollte man jene Zeiten, in denen Wissenschaftler den politischen Diskurs mitprägen, nicht unbesehen für solche einer besonders rationalen Politik nehmen. In Wirklichkeit sind Politiker dann einfach am Ende ihres Lateins. Also überfordern sie Experten mit ihrer eigenen Verantwortung – und zwar auch dann, wenn geschmeichelte Experten sich das ebenso wenig eingestehen wie Politiker ihre sachliche Überforderung.
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Werner J. Patzelt
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