Leitkultur & Ampel-Bashing: Merz bringt die CDU auf Kanzler-Kurs
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Wie Parteitagspsychologie funktioniert, konnte man gleich nach dem Ende der Rede von Friedrich Merz erleben. Mehr als achtzig Minuten hatte der CDU-Chef seine Partei programmatisch eingenordet, hatte rund zehn Minuten Applaus im Stehen der Delegierten geerntet und strahlend entgegengenommen, und dann trat ausgerechnet Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien als erste Rednerin in der Aussprache ans Rednerpult. Was immer die Linksaußen-Flügelfrau der Union sich vorgenommen haben mochte, nach diesem Applaus bliebt auch ihr nur die Verneigung vor dem Vorsitzenden: „Danke für deine große Rede. Du hast den Parteitag spürbar begeistert …“
Die Begeisterung drückte sich dann auch in Zahlen aus: Merz wurde mit 89,8 Prozent der Delegierten-Stimmen im Amt bestätigt, sein Generalsekretär Carsten Linnemann holte 91,4 Prozent.

Friedrich Merz, Parteichef der CDU, badete nach seiner Rede förmlich im Applaus seiner Parteikollegen.
Klare Kante statt konturloser Mittenbeschwörung
Gerade nach den Attacken von NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst im vergangenen Jahr und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther kurz vor dem Berliner Parteitag (NIUS berichtete) setzte Merz ganz ausdrücklich auf ein Mandat von der Parteibasis für die Kanzlerkandidatur. Die CDU-Basis hatte ihn ins Amt gewählt, wollte mehr Union pur, mehr klare Kante, mehr Konservativ und Liberal statt konturloser Mittenbeschwörung, und genau diese Basis soll Merz jetzt unverwundbar machen für mögliche Demontageversuche aus der Funktionärsebene und ihn zur Kanzlerkandidatur tragen. Und sie trug.

Vertraute: Daniel Günther und Hendrik Wüst beim Bundesparteitag der CDU in Berlin.
„Friedrich Merz den Rücken stärken“
Und das gleich von Anfang an. Kaum kommt Merz aus der türkis-blauen Kulisse im Berliner Congress Center Estrel im Multikulti-Stadtbezirk Neukölln, da brandet schon der Beifall auf. Wer unseren Weg zurück ins Kanzleramt jetzt durch interne Debatten zerstören will, soll das wohl heißen, sollte es gar nicht erst probieren. Und so ist es denn am Ende Hendrik Wüst selbst, der dazu aufruft, „Friedrich Merz den Rücken zu stärken“.
Dieses „Merz-Profil tut unserer Partei richtig gut“, sagt Hessens Ministerpräsident Boris Rhein gleich hinterher und baut damit weiter an der Festung Merz. Daniel Günther ist ebenfalls „sehr, sehr dankbar, lieber Friedrich ...“ (Applaus bekommt er hörbar fast ausschließlich aus den Reihen des eigenen Landesverbandes).

Voll des Lobes für Friedrich Merz: Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein bei seiner Rede auf dem Bundesparteitag.
Seine Rede ist eine kontrollierte Mischung aus Selbstvergewisserung (soziale Marktwirtschaft, Leitkultur, Wende in der Sozialpolitik) und maßvollem Ampel-Bashing („Die Grünen haben am heftigsten den Staat attackiert und wollen jetzt bis in den letzten Winkel den Bürger bevormunden …“). Seine Botschaft: „Mit diesem Programm sind wir sofort bereit, wieder Regierungsverantwortung für Deutschland zu übernehmen. Deutschland kann es besser. Aber Deutschland muss auch endlich wieder gut regiert werden.“ Von der Union, versteht sich.
Genau das ist der Sound, den die 1001 Delegierten hören wollen. Nichts gegen Inhalte, aber Ziel der Politik ist das Regieren. Der Rest ist rhetorisches Handwerk eines geübten Parteitag-Dompteurs: Merz lobt die CDU-Wahlsieger, die Rolle der Union in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte und vor allem das „christliche Menschenbild“ („Wir denken vom Menschen her und nicht vom Kollektiv …“).

Friedrich Merz schwört seine Parteifreunde 80 Minuten lang auf die kommenden Aufgaben ein.
Vor allem aber betont Merz an diesem Montagmittag immer wieder die Bedeutung des „ländlichen Raumes“ für Partei, Politik und Wohlstand. Jahrzehntelang galt die Union als Partei der Bauern und des Landes. Vor allem in den Jahren der Ära der abwesenden Kanzlerin a.D. Angela Merkel hat diese Bindung deutlich gelitten. Inzwischen tauchen auch immer wieder AfD-Plakate bei Bauernprotesten auf. Ein Bruch, den Merz ganz offenbar wieder heilen will.
In Zeiten „tektonischer Verschiebungen“ kommt es auf die Union an ...
Am Ende sind sich alle einig im Saal, dass es gerade in Zeiten „tektonischer Verschiebungen“ wie diesen auf die Union ankommt, die Regierung wieder zu übernehmen und dass dieses Ziel auch zum Greifen nah sei. Selbstsuggestion ist ein wichtiges Element auf solchen Parteitagen. Und so sind die zehn Minuten Applaus am Ende bei aller gruppendynamischen Albernheit auch eine wichtige Messzahl für Merz: SPD-Kanzler Olaf Scholz habe unlängst sechs Minuten von seinen Delegierten bekommen, Angela Merkel bei ihrer letzten Parteitagsrede acht, verbreiten die Spindoktoren am Rande.

Bekam für seine Rede auf dem Bundesparteitag der SPD sechs Minuten Applaus von seinen Genossen.
Nächste Etappe: Umfragewerte für die Union von 35 Prozent, raunt es in den Reihen. Wie genau das klappen soll, ist unklar, aber bei 35 Prozent könne der Glaube der Menschen draußen wieder erwachen, mit ihrer Stimme doch mehr Union pur zu bekommen und weniger Koalitionspartner-Beimischung. Manchmal ist Politik eben auch ein Stück fester Glaube ...
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Ralf Schuler
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