Nach der Kamala-Kandidatur: Der Kampf um das Weiße Haus ist wieder offen
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Vieles ist in den letzten zwei Wochen in den Vereinigten Staaten passiert; die Karten im Rennen um das Weiße Haus werden gerade neu gemischt.
Nach dem Attentat auf Donald Trump in Pennsylvania folgte die Republican National Convention in Milwaukee, bei der Donald Trump endgültig zum Kandidaten gekrönt wurde. Dann erkrankte Präsident Joe Biden an COVID-19 und zog sich aus dem Präsidentschaftswahlkampf zurück. Er beendete seine Wiederwahlkampagne zugunsten von Vizepräsidentin Kamala Harris. Wenn man die Schlagzeilen und Entwicklungen der letzten Tage betrachtet, kann einem schwindlig werden, und viele Gewissheiten der letzten Wochen sind endgültig dahin. Das Rennen um die Präsidentschaft ist wieder völlig offen.
Neue Euphorie bei den Demokraten
Hierzulande wird Kamala Harris’ Kandidatur und Joe Bidens Abgang mit Genugtuung, ja sogar mit Freude und Hoffnung aufgenommen. Donald Trump scheint plötzlich wieder bezwingbar zu sein. Die Demokraten, die in den letzten Wochen den Mut verloren hatten, schöpfen neue Hoffnung und entdecken einen neuen Elan im Wahlkampf. Kamala Harris’ erster Auftritt in Washington am Montag war in der Tat sehr gelungen und hat die demokratische Basis sowie Teile des eigenen Establishments regelrecht elektrisiert. Die linken Nachrichtensender CNN und MSNBC überschlugen sich mit Lob. Die Schockstarre der letzten Monate unter Joe Biden ist Geschichte.

Kamala Harris bei ihrem ersten Auftritt im Weißen Haus nach Bidens Rückzug.
Auch sonst läuft es für die Demokraten gut. Kamala Harris und ihr Team haben innerhalb kürzester Zeit eine Rekordsumme von 100 Millionen Dollar eingesammelt, eine Summe, die selbst Donald Trumps bisherigen Spendenrekord von über 50 Millionen Dollar deutlich übertrifft. Diese Zahl spricht definitiv für Kamala Harris, zumindest in der aktuellen Situation. Denn eine gut gefüllte Kriegskasse kann in Sachen Mobilisierung in den Swing States entscheidend sein.
Auch erste Umfragen deuten auf eine leichte Verschiebung der Stimmung hin. Kamala Harris, die bisher relativ unbeliebt und unsichtbar war und kein klares politisches Profil hatte, holt in den Umfragen gegenüber Donald Trump etwas auf. Manch ein Institut sieht sie sogar vor ihrem Kontrahenten. In einer ersten „Reuters/Ipsos“-Umfrage liegt sie national mit 44 Prozent vor Donald Trump, der nur auf 42 Prozent kommt. Auch in den Swing States scheint es Bewegung zu geben, obwohl Trump hier in den meisten Umfragen immer noch vorne liegt.

Donald Trump mit Siegerpose auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner in Milwaukee.
Auf TikTok und X ist eine regelrechte Kamala-Mania ausgebrochen, ähnlich wie es zuvor nur im Trump-Lager der Fall war. Gerade junge Wähler scheinen begeistert zu sein, dass Donald Trump endlich wieder bezwingbar scheint. Dies ist ein wichtiger Schritt nach vorne für die Demokraten. Ist Kamala Harris’ Charme und Witz ein Erfolgsfaktor? Haben die Demokraten im Meme-War, also dem Wettstreit der Internet-Bildchen, nach langer Zeit wieder die Nase vorn? Aktuell sieht es danach aus. Wie lange die Euphorie anhält, ist jedoch schwer einzuschätzen.
Warum sich Biden gerade jetzt zurückzieht, bleibt im Dunkeln
Es gibt im aktuellen politischen Diskurs allerdings auch kritische Stimmen. So bleibt ein bitterer Beigeschmack, da Kamala Harris nicht in einem regulären Vorwahlprozess zur Kandidatin gekürt wurde. Ein solcher Prozess hätte möglicherweise anders ausgehen können, da Harris nie wirklich der Liebling ihrer Partei war. Letztendlich wurde Präsident Biden im Hinterzimmer zum Verzicht gedrängt – als niemand außer ihr übernehmen konnte, war für Harris der Weg frei. Ein kluger Schachzug, der dennoch in der Partei für Unbehagen sorgt. Gerade die Republikaner werfen Harris nun vor, sich dem Vorwahlprozess entzogen zu haben. Am rechten Rand der Partei ist gar von einem „Putsch“ die Rede.

Joe Biden verkündete seinen Verzicht auf eine Wiederwahl am 21. Juli.
Im Unterholz des digitalen Raumes tummeln sich allerlei Verschwörungstheorien. Die genauen Umstände von Bidens Rücktritt sind bisher in der Tat relativ unbekannt. Biden war wegen einer COVID-Erkrankung die letzten Tage in Isolation und hatte sich praktisch gar nicht öffentlich zu den Vorgängen geäußert. Warum der Präsident genau jetzt das Feld räumen wollte und wie freiwillig der Schritt war, ist aktuell noch im Dunkeln. Am Dienstag, 23. Juli, trat der Präsident kurz auf einem Rollfeld vor die Kameras und plant zudem, sich heute in einer Fernsehansprache an das amerikanische Volk zu richten. Eventuell kann der Präsident den überhasteten Abtritt sowie die seltsam orchestrierte Übergabe dann ein wenig einordnen. Wie die Wähler darauf reagieren, bleibt abzuwarten.

Joe Biden kehrt nach seiner Corona-Erkrankung ins Weiße Haus zurück.
Generell stehen weiterhin viele Fragezeichen im Raum. Es ist viel zu früh, Harris zum Trump-Bezwinger zu verklären. Welches Signal wird beispielsweise vom demokratischen Parteitag in Chicago ausgehen, der in drei Wochen stattfindet? Ob die Inthronisierung der bisherigen Vizepräsidenten ganz ohne Komplikationen gelingt, ist bisher nicht sicher. Wen wird Kamala Harris als ihren Running Mate, den potenziellen Vizepräsidenten, ins Feld führen? Eine personelle Fehlentscheidung kann eine ganze Kampagne Momentum kosten. Kann Kamala Harris eine neue Erzählung entwickeln, und wie werden Trump und das republikanische Lager nun auf sie reagieren?
Viele Aspekte sind noch ungeklärt, doch anders als vor zwei Wochen scheint das Rennen wieder spannender und der Ausgang aktuell ungewisser. Die älteste Demokratie der Welt hält uns weiter in Atem.
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