Nach Takaichi-Sieg: Japans Rückkehr zur Stärke
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Chris BeckerEs kommt nicht allzu häufig vor, dass Menschen sich die Namen ausländischer Regierungschefs einfach so zu merken beginnen. Eine Faustregel könnte sein, dass die Notwendigkeit dafür mit der gefühlten Entfernung abnimmt (wer weiß, wie der neue Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt heißt?). Schafft es doch einmal ein ausländischer Politiker in das allgemeine Namensgedächtnis, ist er wichtig. Er – oder sie.
Japans alte und neue Premierministerin Sanae Takaichi ist am Montagmorgen in allen Schlagzeilen auch westlicher Medien zuhause, nachdem ihr ein fulminanter Wahlsieg gelang. Diesem Erdrutschsieg wohnt ein gewaltiges geopolitisches Potential inne.
Erste Frau im Amt der japanischen Premierministerin
Man muss sich zügeln, es mit den Vergleichen nicht zu übertreiben, doch kann man sich bei der Betrachtung der Wahlsiegerin eines Margaret-Thatcher-Vergleiches nicht erwehren. Sanae Takaichi ist hochgebildet und bringt politische Erfahrung und Geschick mit, vereint wirtschaftliche Reformagenda mit außenpolitischem Granit. Sie pflegt einen entschieden national-bürgerlichen Auftritt und sucht demonstrativ die Nähe zu den USA. Der Eindruck einer asiatischen „Eisernen Lady“ entsteht wie selbstverständlich, gut möglich, dass die Japanerin ihn auch diplomatisch wird zu nutzen wissen. Wieder einmal scheint sich auch das ungeschriebene politische Naturgesetz zu bestätigen, dass es meist nicht-linke Parteien sind, die Frauen schlussendlich zur Macht verhelfen.
Innerhalb von vier Monaten im Amt hat es Takaichi geschafft, zu einem der populärsten Politiker der jüngeren Geschichte zu werden. Die erste Frau im Amt der japanischen Premierministerin überhaupt führte ihre klar nationalkonservativ ausgerichtete Partei zu einer komfortablen Zweidrittelmehrheit, welche die Überarbeitung der japanischen Verfassung ermöglicht – seit Jahrzehnten zentraler Dreh- und Angelpunkt programmatischer öffentlicher Debatten. Der Kern dieser Verfassungsdiskussion wiederum sind Umfang der Streitkräfte, außenpolitische Selbstverortung und das Selbstverständnis des japanischen Nationalcharakters in der Nachkriegsordnung, harter Tobak also. Um einen wirkungsvollen Blick in eine mögliche Zukunft werfen zu können, bedarf es zunächst einer Herleitung der geopolitischen Lage Japans zum jetzigen Zeitpunkt.
Globale Konfrontation mit den „Roten“
Auf den ersten Blick gibt es einige relevante Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Japan. Ihre jüngere Staatsgeschichte, jedenfalls im Sinne der Sicherheitsarchitektur, beginnt mit der vernichtenden Niederlage im Zweiten Weltkrieg. In der Folge werden beide Nationen eng in die US-amerikanische Hegemonialordnung integriert, die, durch den Sowjetkommunismus zunächst ausbalanciert, eine derzeit abklingende internationale Rechtsordnung hervorbringt.
Die globale Konfrontation mit den „Roten“ ermöglicht Deutschland und Japan eine pfeilschnelle Bewährung, weil sie als Verbündete benötigt werden. Die Dekolonialisierung des Pazifiks und die Entstehung souveräner Staaten in ehemals europäisch oder japanisch kontrollierten Gebieten führen zu einem Vorstoß chinesischer und sowjetischer Kommunisten und westlicher Akteure in ein Machtvakuum, häufig sind die jungen Nationen innerlich zerrissen. In Japans Nachbarschaft (und auf dem Boden seines kurzlebigen Imperiums) werden beispielsweise der Korea- und der Vietnamkrieg ausgetragen.

Japans Premierministerin Sanae Takaichi (m.), Vorsitzende der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP), platziert am 8. Februar 2026 in der Parteizentrale in Tokio rote Blumen als Zeichen des Wahlerfolgs neben den Namen erfolgreicher Kandidaten. Die Regierungskoalition aus LDP und Japan Innovation Party errang bei der Parlamentswahl eine Zweidrittelmehrheit im Unterhaus.
Bonn und Tokio bleiben für die Dauer des Kalten Krieges de facto Vasallenstaaten der USA, wenngleich sie sich zunehmend beweisen und ihre Autonomie schrittweise zurückgewinnen. Im Frontstaat Westdeutschland setzte Konrad Adenauer, zunächst gegen den Willen seiner Landsleute, die Wiederbewaffnung und damit die sogenannte „Westintegration“ durch. Die Bundeswehr sollte allein der Landes- und NATO-Verteidigung dienen, international engagierte man sich mit der Scheckbuch-Diplomatie vor allem monetär – das Wirtschaftswunder machte es möglich.
Japan wiederum war, streng genommen ist der Pazifismus per Verfassung bis heute vorgeschrieben. In Artikel 9 der Nihonkoku kempo verzichtet der Staat nicht nur auf sein Recht auf Kriegsführung als souveräner Akteur, sondern – viel entscheidender – auch auf die Mittel zur Kriegsführung. Wörtlich: „Es werden keine Land-, See- und Luftstreitkräfte oder sonstige Kriegsmittel unterhalten. Ein Recht des Staates zur Kriegführung wird nicht anerkannt.“
Anders als sein Amtskollege Adenauer in Bonn galt Nachkriegspremier Yoshida als entschiedener Gegner der Wiederbewaffnung Japans, genau wie im Falle Adenauers steckte dahinter eine gehörige Portion staatspolitisches Kalkül. Bonn brauchte die Bundeswehr, um in den Kreis der vollwertigen Westnationen aufzusteigen und seine Souveränität schrittweise zurückzuerhalten. Tokio wollte seinen Großmachtstatus ebenfalls zurückerlangen. Es etablierte die „Yoshida-Doktrin“, wonach Japan durch unbedingte Anlehnung an die Vereinigten Staaten schnellstmöglich wirtschaftlichen Aufschwung und technologischen Fortschritt erreichen sollte. Auf der Basis des ökonomischen Erfolges sollten Anerkennung und Macht später konsolidiert werden.
Auch das Land der aufgehenden Sonne erlebte sein Wirtschaftswunder
Der ökonomische Durchbruch kam für Japan, die Anerkennung als große Macht hingegen fiel eher verhalten aus. Genau wie in Westdeutschland konnte Japan der Weltgemeinschaft bald astronomische Wachstumsraten und Industrieprodukte herausragender Qualität präsentierten. Obwohl eher arm an natürlichen Ressourcen, zumal solchen, die für weltberühmte japanische Elektronikprodukte benötigt werden, erlebte auch das Land der aufgehenden Sonne sein Wirtschaftswunder. Unter der fleißigen, gut ausgebildeten Bevölkerung stellte sich rasch ein hoher Lebensstandard ein. Ende der Geschichte, könnte es hier heißen, um nicht schon wieder den Japanischamerikaner Francis Fukuyama zitieren zu müssen.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass eine gewisse Angela Merkel mit einem regelrecht „japanischen“ Programm nach der Jahrtausendwende Bundeskanzlerin des wiedervereinigten Deutschlands wird. Auch sie ist die erste Frau in diesem Amt und reist auf einem konservativen Ticket, vor allem aber gilt sie als reformorientierte Ordoliberale, die Arbeitsmarkt und Wirtschaftsleistung modernisieren, flexibilisieren, in Schwung bringen will.

Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel
Finanziert wird das direkt über die Friedensdividende, also den Betrag, den sich das ökonomisch schon bald hyperpotente Zweiplusvier-Deutschland bei der militärischen Sicherheit sparte. Es hätten ein paar nette Jahre sein können. Bis sich ausgerechnet im japanischen Fukushima ein Erdbeben ereignete, dessen Todesopfer in Deutschland bis heute einer Nuklearkatastrophe zugeschrieben werden. 2011 kann als der symbolische Scheidepunkt der deutsch-japanischen Vergleichbarkeit gelten.
Japan entscheidet sich in der Zuwanderungspolitik für das exakte Gegenteil
Mit der Abkehr von der Kernenergie, der sogenannten „Energiewende“, begannen in Deutschland die historisch einmalige Verteuerung des Stroms und eine nie dagewesene Energieabhängigkeit nicht zuletzt von Russland. Kurz darauf beschließt Deutschland das Ende der Wehrpflicht, während sich in Japan Shinzō Abe mit seiner LDP für einen Wahlsieg und eine außenpolitische Neuausrichtung warmläuft. 2015 entschließt sich die Regierung zur Aufnahme von Millionen Migranten, während Japan sich in der Zuwanderungspolitik für das exakte, ja geradezu gestrenge Gegenteil entscheidet. Beide Länder stehen zwar vor ähnlichen strategischen Problemen – Demografie, natürliche Ressourcenknappheit, schwächelnde Wirtschaftsleistung, drohender Rückzug der amerikanischen Garantiemacht und eine expansionistische militärische Großmacht vor der Haustür – aber ihr Umgang mit all diesen Problemen könnte unterschiedlicher nicht sein.
Wahlsiegerin Takaichi sieht sich nun mit dem demokratisch legitimierten Mandat ausgestattet, Japan auf die veränderte geostrategische Lage einzustellen. Als Inselstaat, der von Handelsrouten und damit der Schifffahrt abhängig ist, gilt es, eine mögliche Bedrohung von chinesischer Seite abwehren oder eindämmen zu können. Ebenso muss der Luftraum und die zivile Infrastruktur besser geschützt werden. Beides ist durch massive Investitionen leistbar und kann zunächst durch moderne Technologie erreicht werden, wenn die Aufrüstung Pekings noch eingeholt werden soll. Auf eine große Mannstärke kann sich Japan nämlich nicht berufen: Immer weniger junge Leute leisten freiwillig Dienst in den Verteidigungskräften, und sie werden auf dem Arbeitsmarkt dringend benötigt. Derzeit hat das Militär alle Mühe, seine Soldatenzahl bei einer knappen Viertelmillion zu halten.
„Eiserne Lady“ Japans warnt vor Krise in Taiwan
Takaichi wird also um eine Revision der japanischen Verfassung nicht umhinkommen, wenn sie den bereits beschrittenen Pfad der japanischen Wiederbewaffnung konsequent zu Ende gehen will. Die Amerikaner, die sich im Allgemeinen auf den Pazifik und im Besonderen auf China konzentrieren wollen, dürften angesichts der kommenden Aufrüstung ihres engsten Alliierten in Asien zunächst Luftsprünge machen – solange diese in den gewünschten Bahnen verläuft. Bis jetzt richtet sich die „Eiserne Lady“ Japans mit ihrer Rhetorik vor allem an die Regierungen in Peking und Pjöngjang, warnt scharf vor einer Krise in Taiwan.
Auf lange Sicht bedeutete ein souveränes Japan aber auch eine zunehmende Autonomie von den USA. Sollte das 21. Jahrhundert wirklich ein asiatisches werden, und wird es nuklearer und geopolitischer als das letzte, dann wird Japans Rückkehr zur Stärke nicht bei einem Ausbau der konventionellen Streitkräfte enden. Takaichi muss in den nächsten Jahren durch Abschreckung und Aufrüstung die chinesische Expansion eindämmen, ohne sich von den USA in einen unnötigen Konflikt hineinziehen zu lassen, für den ihr Land nicht bereit ist. Fürs Erste will sich die neue starke Frau in Tokio dazu eng mit Donald Trump abstimmen. Dessen verbleibende Amtszeit wird aller Voraussicht nach nur den ersten Teil der ihren bestimmen. Wie sagt eine japanische Weisheit: „Wenn Du es eilig hast, mache einen Umweg.“
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