Wie die neue US-Militärstrategie Deutschlands militärische Schwäche gnadenlos offenlegt und den Sozialstaat frontal trifft
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Neue Besen kehren gut, sagt das Sprichwort. Schaut man sich die neuen Strategien in puncto Sicherheit und Verteidigung an, die aus Washington kommen, dann muss man sagen: Diese neuen Besen kehren extra gut. War die von Donald Trump im Dezember 2025 veröffentlichte Sicherheitsstrategie (NIUS berichtete ausführlich) bereits ein Dokument, das sich gewaschen hatte, dann ist die von seinem Kriegsminister Pete Hegseth am 23. Januar veröffentlichte neue Verteidigungsstrategie eine Magna Carta der amerikanischen Militärstrategie, wie es seit 50 Jahren keine mehr gab.
Aus und vorbei ist es mit dem andauernden „Pussyfooting“, diesem ewigen Auf-Samtpfoten-Schleichen, diesem mutlosen Zaudern und Zögern, dem feigen Herumdrucksen und den endlosen Eiertänzen von Jimmy Carter, Bill Clinton und Barack Obama – dreier Präsidenten, die jeden Tag Angst vor der eigenen Courage bekamen. Hier haben wir endlich eine Verteidigungsstrategie, in der klar und deutlich steht, dass im Zentrum der amerikanischen Verteidigungsstrategie amerikanische Interessen stehen und diese notfalls mit militärischen Mitteln durchgesetzt werden.
In den achtzig Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg hat es nur dreimal eine amerikanische Verteidigungsstrategie gegeben, die von Erfolg gekrönt war – bei allen anderen ging der Schuss immer nach hinten los. Die ersten beiden erfolgreichen Strategien waren jene der fünfziger und sechziger Jahre. Die erste hieß „Containment Through Strength“ (Eindämmung durch Stärke) und war die Devise der Jahre 1950 bis 1953. In ihr verkündete der damalige Präsident Harry S. Truman, dass die Sowjetunion nicht mehr der ehemalige alliierte Freund wäre, sondern ein aggressives feindliches Staatensystem, dessen weitere Ausdehnung es um jeden Preis zu verhindern gelte. Von 1953 bis 1961 folgte dann die „New Look Strategy“ (Neue Orientierungsstrategie), welche proklamierte, die riesigen konventionellen Armeen des Zweiten Weltkriegs durch reduzierte Heere in Verbindung mit massiver nuklearer Abschreckung zu ersetzen. Die dritte und mit Abstand erfolgreichste Verteidigungsstrategie war diejenige der Reagan-Regierung (1981–1989), die sich „Competitive Strategy“ (Wettbewerbsstrategie) nannte und das Ziel hatte, durch massive Aufrüstung die Sowjetunion zunächst in den wirtschaftlichen und anschließend in den militärisch-politischen Kollaps zu stürzen, was bekanntlich gelungen ist.

Ex-Präsident Barack Obama
Alle anderen Verteidigungsstrategien rangieren irgendwo zwischen ineffektiv über sinnlos bis zahnlos und im Extremfall katastrophal. Katastrophal war die „Flexible Response“-Strategie der sechziger Jahre, die im verlorenen Vietnamkrieg (1955–1975) endete. Zahnlos waren die Strategien von Carter (1977–1981), George H. W. Bush Senior (1989–1993) und Clinton (1993–2001), in denen verlorene Stärke wieder zurückgewonnen werden sollte. Sinnlos waren die beiden Kriege im Irak (1990–1991 sowie 2003–2011) und der Krieg in Afghanistan (2001–2021), in denen Nation-Building versucht, aber ein Scherbenhaufen erreicht wurde.
Aus all den verlorenen Kriegen der letzten fünfzig Jahre, den vielen kleinen und größeren militärischen Schlappen und den sinnlosen militärischen Interventionen haben Donald Trump, Pete Hegseth und das Pentagon den Schluss gezogen, es anders und besser zu machen. Besser machen heißt: Wir hören auf, uns weiter als Weltpolizist aufzuspielen und überall dort militärisch einzugreifen, wo wir unsere Werte und Interessen in Gefahr sehen, um dann durch Nation-Building und die Einrichtung eines demokratischen Rechtsstaates nach amerikanischem Vorbild das System zu installieren, das wir gerne hätten. Die neue Verteidigungsdoktrin der USA stellt Amerika – und nur Amerika – in den Vordergrund und leitet jede andere militärische Strategie daraus ab. Im Umkehrschluss bedeutet das: Jede militärische NATO-Strategie, die nicht explizit den Interessen der USA dient, wird von Amerika weder finanziert noch unterstützt noch umgesetzt.

Trump beim Nato-Gipfel im August 2025
Die vier Säulen, auf denen die Sicherheit Amerikas in den kommenden Jahren und Jahrzehnten ruhen soll, sind diese:
- Defend the U.S. Homeland (Verteidigung des amerikanischen Kernlandes)
- Deter China in the Indo-Pacific Through Strength, Not Confrontation (Abschreckung Chinas im Indopazifik durch Stärke statt Konfrontation)
- Increase Burden-Sharing with U.S. Allies and Partners (Erhöhte Lastenteilung mit Verbündeten und Partnern)
- Supercharge the U.S. Defense Industrial Base (massiver Ausbau der amerikanischen Rüstungs- und Verteidigungsindustrie).
Aus deutscher Sicht bietet keiner dieser Punkte Anlass zu viel Hoffnung oder gar Freude. Grund genug, alle vier genauer zu betrachten.
Die Verteidigung des amerikanischen Kernlandes
Mit „Homeland“ wird in der neuen Verteidigungsstrategie das Staatsgebiet der USA verstanden – aber keineswegs mehr nur das. Neben diesem eigentlichen Staatsgebiet zählen die anonymen Autoren der Strategie auch die strategisch wichtige Einflusssphäre der Vereinigten Staaten auf der gesamten Nordhalbkugel („Northern Hemisphere“) mit dazu. Unter diesen Begriff fassen sie den amerikanischen Doppelkontinent (Nord-, Mittel- und Südamerika) ebenso wie den Panamakanal und inzwischen auch die Nordpolarregion.
Die Verteidigung des amerikanischen Heimatlands geht weit über die Abwehr militärischer Angriffe auf das Staatsgebiet der USA hinaus. Sie beginnt mit der Sicherung der Grenzen vor illegaler Einwanderung, setzt sich fort mit der militärischen Ausschaltung von Narko-Terroristen (Drogenhändlern, die in großem Maßstab Drogen wie Fentanyl in die USA schmuggeln), und reicht als Fortsetzung der Monroe-Doktrin bis hin zur Sicherung von Schlüsselzonen wie dem Panamakanal, Grönland und dem Golf von Amerika (ehemals Golf von Mexiko).
Dieser erste und wichtigste Punkt der neuen Strategie versteht sich als eine konsequente Fortsetzung („Corollary“) der Monroe-Doktrin aus dem Jahr 1823, als der amerikanische Präsident James Monroe (1758–1831) in einer grundlegenden Direktive den europäischen Großmächten beschied, sie müssten sich fortan politisch, militärisch und kolonial aus der westlichen Hemisphäre heraushalten; im Gegenzug würden die USA darauf verzichten, sich in europäische Konflikte einzumischen.
Verteidigt werden soll diese gesamte Einflusszone durch den sogenannten „Golden Dome“, einen von Israels Iron Dome inspirierten riesigen Raketenabwehrschirm, der bis jetzt allerdings hauptsächlich auf dem Papier existiert.

Soldaten bewachen den Hafen von Nuuk, der Hauptstadt Grönlands.
Abschreckung Chinas im Indopazifik durch Stärke statt Konfrontation
Bereits Donald Trumps im Dezember veröffentlichte Sicherheitsstrategie hatte nicht Russland, sondern China als den größten und wichtigsten Gegner der Vereinigten Staaten identifiziert. Das gilt auch für die neue Verteidigungsstrategie. China ist das zweitmächtigste Land der Welt; es verfügt über die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und über ein Militär, das an Stärke, Modernität und Ausrüstung nur noch von dem der USA übertroffen wird. Weiß man außerdem, dass künftig mehr als die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung im indopazifischen Raum erbracht wird, dann ist klar, dass China mit seiner Position im Zentrum dieses Raumes zukünftig der wichtigste und größte Gegner der USA sein wird. Sollte China den indopazifischen Wirtschaftsraum irgendwann dominieren oder auch nur in eine Position gelangen, den USA den Zugang dazu – etwa logistisch – zu versperren, würde dies die Vereinigten Staaten von diesem zentralen Wirtschaftsraum ausschließen, was wiederum gravierende Konsequenzen für Wirtschaft und Wohlstand der USA hätte. Das ist der Grund, warum die USA im Pazifik ein Gleichgewicht der Kräfte herstellen wollen.
Ziel der USA ist dabei weder Dominanz noch die Demütigung Chinas, geschweige denn Krieg, sondern lediglich ein Gleichgewicht der Kräfte und gegenseitiger Respekt.
Mehr Lastenteilung mit Verbündeten und Partnern
Mit Verbündeten und Partnern sind die 30 europäischen NATO-Staaten gemeint. Hier greift das Pentagon einen der am häufigsten von Trump und Vizepräsident J. D. Vance geäußerten Vorwürfe auf: Die europäischen NATO-Staaten hätten sich seit Jahrzehnten im Schatten des amerikanischen Atomwaffenschirms ausgeruht, Militär und Ausrüstung vernachlässigt und stattdessen einen gigantischen Sozialstaat aufgebaut und eine illegale Massenimmigration zugelassen, worüber sie ihre Werte, ihre Geschichte und ihr nationales Selbstbewusstsein vergessen hätten.
Das muss aufhören. Aus Sicht der USA müssen die europäischen NATO-Partner künftig einen fairen und deutlich höheren Anteil an der kollektiven Verteidigung der NATO übernehmen und die Vereinigten Staaten entlasten. Auf dem NATO-Gipfel in Den Haag (The Hague Summit) im Juni 2025 haben sich die NATO-Alliierten verpflichtet, ihre Verteidigungs- und sicherheitsrelevanten Ausgaben schrittweise bis 2035 auf insgesamt fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu erhöhen. Davon sollen mindestens 3,5 Prozent auf die klassischen NATO-Verteidigungsausgaben entfallen; bis zu 1,5 Prozent können auf Resilienz, kritische Infrastruktur, Cyberabwehr und die Stärkung der Rüstungsindustrie angerechnet werden. Voraussetzung sind jährliche, überprüfbare Steigerungen der Ausgaben.
Verteidigungsausgaben zwischen drei und fünfeinhalb Prozent des BIP stellen gigantische Summen dar, die aktuell nur sechs der 30 europäischen NATO-Länder aufbringen, nämlich Polen, Litauen, Estland, Lettland, Dänemark und Griechenland, während die Ausgaben fast aller anderen um die zwei Prozent liegen. Deutschland wird 2026 inklusive Sondervermögen 108 Milliarden Euro für die Verteidigung ausgeben; das entspricht mageren 2,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Aus Sicht des Pentagon ist diese Steigerung der Verteidigungsausgaben der europäischen NATO-Staaten umso wichtiger, als diese Länder bei der Verteidigung Europas künftig die Führung übernehmen sollen: „In Europe and other theaters, allies will take the lead against threats that are less severe for us but more so for them, with critical but more limited support from the United States.“ (In Europa und auf anderen Schauplätzen werden die Verbündeten bei Bedrohungen, die für sie gravierender sind als für uns, die Führung übernehmen – mit entscheidender, aber deutlich begrenzterer Unterstützung durch die Vereinigten Staaten.)
Diese Aussage führt in der Konsequenz dazu, dass die Vereinigten Staaten sich zwar gegen russische Angriffe auf das amerikanische „Homeland“ wehren wollen – womit natürlich ein Atomkrieg gemeint ist –, die konventionelle, also nichtnukleare Verteidigung Europas gegen Russland jedoch den europäischen NATO-Staaten überlassen bleibt.

US-Vizepräsident JD Vance
Massiver Ausbau der amerikanischen Rüstungs- und Verteidigungsindustrie
Das Pentagon spricht von einem „Supercharging“ der Rüstungsindustrie, weil die USA auf Basis der bestehenden Rüstungsindustrie keinen längeren Großkonflikt mehr durchhalten würden. Die amerikanische Verteidigungsindustrie ist nicht mehr in der Lage, Munition, Raketen, Schiffe und U-Boote in ausreichender Menge und schnell genug zu produzieren. Ursachen sind eine extreme Marktkonzentration auf wenige Großkonzerne, der Verlust elementarer Fertigungsfähigkeiten (Gießereien, Schmiedeteile, Schwarzpulver) sowie eine gefährliche Abhängigkeit von chinesischen Lieferketten bei Rohstoffen und Vorprodukten.
Die Konsequenz ist ein strategischer Kurswechsel: weg von teuren Prestigeprojekten, hin zu skalierbarer Massenproduktion – vor allem bei Drohnen, Munition und Luftverteidigung. Kleinere Tech-Firmen sollen stärker eingebunden werden, um Tempo und Produktionskapazitäten zu erhöhen.
Was bedeutet die neue amerikanische Verteidigungsstrategie für Deutschland?
Auf den Punkt gebracht enthält die neue amerikanische Verteidigungsstrategie für Deutschland nur schlechte Nachrichten. Aus und vorbei ist es mit dem Ausruhen in der atomaren Hängematte der Amerikaner. Vorüber sind die Tage, in denen die Bundeswehr mit überaltertem Gerät, ungenügender Truppenstärke und einem Schmalspuretat sich selbst und der Welt vorspielen konnte, sie sei so etwas wie eine ernstzunehmende Armee. Erledigt ist die Fiktion, dass die Bundeswehr mit einem einmaligen, schuldenfinanzierten und im internationalen Kontext geradezu lächerlichen Sondervermögen von 100 Milliarden Euro gewissermaßen über Nacht zu einer kampffähigen Armee werden könnte.
Abgeräumt ist das gesamte bürokratische Beschaffungswesen, das acht Jahre braucht, um einen Infanterierucksack aufzutreiben (Infanterist der Zukunft – IdZ), 15 Jahre, bis ein neues Sturmgewehr eingeführt ist (Sturmgewehr G36-Nachfolge / G95A1), 20 Jahre, bis ein Schützenpanzer einsatzreif ist (Schützenpanzer Puma), und zehn Jahre, bis etwas so Primitives wie Schutzwesten serienreif sind (Modulare Schutz- und Trageausstattung – MOBAST).
Wird die amerikanische Verteidigungsstrategie so umgesetzt, wie sie geschrieben ist – und alles spricht dafür –, dann wird das beim Zusammentreffen mit dem aktuellen Stand der Bundeswehr und dem deutschen Wehretat zukünftig zu einer unerfreulichen Abwandlung der aus dem Management bekannten Win-win-Situation führen, nämlich zu einer Win-lose-Situation. Die Amerikaner gewinnen, die Deutschen verlieren.
Denn: Die USA werden fortan ihren strategischen Schwerpunkt auf den Pazifik ausrichten und sich um das, was in Europa passiert – und dazu gehört der Ukrainekrieg –, nicht mehr viel kümmern. Da müssen jetzt die europäischen NATO-Staaten ran, insbesondere die großen, allen voran Deutschland, die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt und das finanzkräftigste Land Europas.
Deutschland ächzt aber schon heute unter seinen Verteidigungsausgaben, die es nur noch über Schulden und Sondervermögen finanzieren kann, und ist weit davon entfernt, dreieinhalb Prozent vom BIP (das wären 2026 rund 156 Milliarden Euro; realistisch sind 108 Milliarden Euro), geschweige denn fünf Prozent für Verteidigung auszugeben. Jetzt rächen sich der ausufernde Sozialstaat, die Massenimmigration und die ständig steigenden Steuerzuschüsse zur Rente.
Dies wird zukünftig zu einem Dauerkonflikt mit der NATO und mit den Amerikanern führen, der jeden neuen Bundeshaushalt zu einer Zitterpartie machen und massive Verteilungskämpfe zwischen den Ministerien auslösen wird. Schlussendlich wird es für beides nicht reichen: Der Wehretat wird zukünftig Jahr für Jahr steigen, aber er wird nie mehr ausreichen, um aus der Bundeswehr eine kampfstarke, ernstzunehmende Armee zu machen, die Deutschland gegen einen externen Aggressor verteidigen könnte. Die Mittel für üppige Rentenerhöhungen, fette Mütterrenten und ein frühes Renteneintrittsalter werden zukünftig aber ebenso wenig da sein wie die Gelder für einen weiteren Ausbau des Sozialstaates und die Rundumversorgung immer neuer Immigranten.
Uns stehen spannende Jahre bevor.
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Markus Brandstetter
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