Polens Präsident fordert eigenes Atombomben-Programm – und kommt damit Friedrich Merz zuvor
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„Der Weg zu einem polnischen Atompotenzial – bei allem Respekt für internationale Regelungen – ist der Weg, den wir gehen sollten“, sagte der polnische Präsident Karol Nawrocki dem Fernsehsender Polsat News. In Polen ist der Präsident Oberbefehlshaber der Armee. Das nukleare Potenzial Polens solle neben der Energie- künftig auch in der Verteidigungspolitik genutzt werden.
Damit könnte Deutschlands Nachbarstaat sich künftig zur nuklearen Abschreckung selbst mit Waffen ausstatten – jenseits des bisherigen NATO-Nuclear-Sharing-Programms. Als Oberbefehlshaber der polnischen Streitkräfte entfalten seine Worte besondere Wirkung, nicht nur in Polen, sondern in ganz Mittel- und Osteuropa. Polen gilt in der Region als führende Wirtschafts- und Militärmacht und ist oft tonangebend in sicherheitspolitischen Fragen von der Ostsee bis zur Adria.

Karol Nawrocki mit dem NATO-Generalsekretär Mark Rutte
Polen sei ein Land direkt an der Grenze zu einem bewaffneten Konflikt, betonte Nawrocki mit Blick auf den Ukraine-Krieg. „Wir wissen, welche aggressive und imperiale Haltung Russland zu Polen hat.“ Daher sei er dafür, die Sicherheit seines Landes mit einem Atomwaffenprogramm zu erhöhen. Wann dies begonnen werde, könne er allerdings nicht sagen. Auf die Frage des Moderators, ob er keine Reaktion Russlands auf diesen Schritt fürchte, entgegnete Nawrocki: „Russland kann auf alles aggressiv reagieren.“
Polens Sicherheitslage und die nukleare Debatte
Polen grenzt direkt an Russland (über die Exklave Kaliningrad) und fühlt sich durch den anhaltenden Krieg in der Ukraine sowie Moskaus aggressive Haltung akut bedroht. Das Auslaufen des New-START-Vertrags zwischen den USA und Russland am 15. Februar 2026 hat die Diskussion über nukleare Optionen in Europa weiter angeheizt. Polen investiert bereits etwa 5 Prozent seines BIP in die Verteidigung und hat in den vergangenen Jahren massive Rüstungsprojekte in Kooperation mit den USA und Südkorea umgesetzt.

Die Grenze zu Belarus wird von Polen strikt kontrolliert.
Polen warb schon für sich als Stützpunkt für US-Atomwaffen
Bereits unter Nawrockis Vorgänger Andrzej Duda signalisierte Polen Interesse am NATO-Nuclear-Sharing. Dieser hatte im Frühjahr 2024 gesagt, Polen sei bereit für die Stationierung von US-Atomwaffen im Rahmen der sogenannten nuklearen Teilhabe, sollte die Nato dies für nötig halten. Aus der Nato hieß es damals, eine Ausweitung der Atomwaffen-Stationierung sei nicht geplant. Seit 2025 nimmt das Land jedoch an nuklearen Übungen teil, verfügt jedoch über keine geeigneten Trägerflugzeuge für US-Atomwaffen wie die B61-Bomben (im Gegensatz zu Belgien, Deutschland oder Italien). Ein Abkommen aus dem Mai 2025 zwischen Premierminister Donald Tusk und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron stärkte die sicherheitspolitische Zusammenarbeit, einschließlich einer möglichen Option eines „französischen nuklearen Schirms“.
Nawrocki plädiert jedoch für einen eigenständigeren Weg: „Ich bin ein großer Befürworter, dass Polen einem nuklearen Projekt beitritt“, sagte er und ergänzte: „Der Weg zu einem polnischen nuklearen Potenzial – natürlich unter voller Achtung aller internationalen Regelungen – ist der Weg, den wir gehen sollten.“ Auf die Frage nach Machbarkeit und US-Zustimmung antwortete er: „Das weiß ich nicht, aber wir müssen darauf hinarbeiten, damit wir die Arbeit beginnen können.“
Kernkraft – ja, bitte!
Gegenüber der Kernenergie gibt es in Polen kaum Vorbehalte. Die Zustimmung in der Bevölkerung liegt konstant bei über 80 Prozent.
Bis 2040 plant das Land 6–9 GW installierte Kernkraftkapazität, wie es im Polnischen Kernenergieprogramm (PPEJ) und der Energiepolitik Polens bis 2040 (PEP2040) festgelegt ist. Das erste Atomkraftwerk entsteht derzeit in der Gemeinde Choczewo an der polnischen Ostsee. Drei AP1000-Reaktoren des US-Konzerns Westinghouse entstehen in Kooperation mit Bechtel mit einer Gesamtleistung von ca. 3,75 GW.

An der Ostsee möchte Polen ein neues AKW bauen.
Der Baubeginn ist für 2028 geplant, die Inbetriebnahme des ersten Blocks soll offiziell 2036 erfolgen. Realistisch betrachtet, wird es eher das Jahr 2037 oder sogar 2038.
Zwischen Zustimmung und russischen Verbalattacken
Nawrockis Äußerungen erregten internationales Aufsehen. Westliche Medien wie Bloomberg und Politico berichteten im Kontext der Münchner Sicherheitskonferenz, wo Bundeskanzler Friedrich Merz vertrauliche Gespräche mit Frankreich über eine europäische Nuklearverteidigung erwähnte. Politico verknüpfte die Debatte mit wachsendem Misstrauen gegenüber langfristigen US-Garantien und anhaltenden Bedrohungen aus Moskau.
Nawrocki kommt mit seiner Ankündigung dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz zuvor, der bisher nur ergebnisoffene Gespräche mit Macron geführt habe. Denn Macron wartet in der Frage eines gemeinsamen Atom-Schutzschirms nicht auf Deutschland.
Die Haltung Emmanuel Macrons dazu ist besonders aufschlussreich: Während Kanzler Friedrich Merz den Anschein erweckte, dass er mit Macron über die nukleare Abschreckung gesprochen hätte, betonte der Franzose am 13. Februar 2026: „Wir haben einen strategischen Dialog mit Bundeskanzler Merz und anderen europäischen Staats- und Regierungschefs aufgenommen, um zu sehen, wie wir unsere nationale Doktrin zur nuklearen Abschreckung artikulieren können.“ Frankreich dürfte in den wichtigsten Fragen ein offenes Ohr für Polen haben, gerade weil sich EDF (Électricité de France) intensiv um den Zuschlag für die zweite polnische Kernkraftanlage bemüht. Frankreich käme es sehr gelegen, den südkoreanischen Mitbewerber in Polen auszustechen. Korea Hydro & Nuclear Power (KHNP) hat erst kürzlich in Tschechien einen lukrativen Zuschlag für den Bau mehrerer neuer Reaktoren erhalten. Das würde die Grand Nation nur allzu gern vergessen machen.
In Russland nutzten Propagandamedien wie RIA Novosti und Moderator Wladimir Solowjow die Aussagen für Anti-Polen-Kampagnen. Solowjow zitierte frühere Statements Dudas (2024) zur Aufnahme US-Atomwaffen; Ex-Duma-Ausschussvorsitzender Alexej Puschkow warnte vor „historischen polnischen Ambitionen“.

Polens Regierungschef Donald Tusk
Innenpolitisch schüren Nawrockis Worte Spannungen: Premierminister Donald Tusk widersprach scharf (wenn auch indirekt) und betonte Polens Verpflichtungen im Atomwaffensperrvertrag (NPT). Als NPT-Unterzeichner darf Polen keine Atomwaffen erwerben, entwickeln oder Technologie teilen – ein eigenständiges Programm würde massive internationale Spannungen und vielleicht sogar Sanktionen auslösen – sofern diese internationale Ordnung noch Bestand hat.
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Aleksandra Fedorska betreibt als Chefredakteurin die Presseagentur RadioDebata. Ihre Schwerpunkte liegen auf Energie- und Verteidigungspolitik sowie den polnisch-deutschen Beziehungen.
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