Rohstoffkrise: Deutsche zahlen den Preis für Amerikas Machtpolitik
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Chris BeckerWie erwartet hat sich das rabiate Vorgehen der US-Amerikaner und Israelis im Nahen Osten destabilisierend auf die Lage der gesamten Region ausgewirkt. Die Kriegsparteien nehmen dabei zunehmend auch die Energieinfrastruktur ihrer Widersacher ins Visier. Das Debakel demonstriert die Machtlosigkeit, aber auch wirtschaftliche Verwundbarkeit insbesondere Deutschlands und Europas. Nun drohen Öl- und Gaskrise.
Im Zentrum jüngster Eskalationen steht das South Pars Gas Field, das größte bekannte Erdgasvorkommen der Welt. Doch eine andere Art von Sprengkraft in diesem Konflikt entfaltet sich auf den globalen Energiemärkten – und trifft damit auch Verbraucher in Europa unmittelbar.
Der historisch einmalige Traumtanz der Europäer ist zu Ende
Aus der geopolitischen Erfahrung wissen wir, dass Staaten im Grunde ständig in ökonomischer Rivalität zueinanderstehen. In den vergangenen Jahrzehnten blieben diese Reibereien halbwegs unter der Oberfläche, was den Europäern einen historisch einmaligen Traumtanz erlaubte. Diese Zeiten sind vorbei. Die USA wollen – und können – die Kosten der Pax Americana, die sie errichtet haben, nicht länger tragen. Damit entfällt für die Deutschen die Mitfahrgelegenheit auf dem geostrategischen Trittbrett. Eigentlich müsste Deutschland sich schmerzlich verändern: Alle Energieformen zulassen, den kultischen Wahn vom Klima hinter sich lassen, geopolitische Rivalen ausbalancieren, militärische Abschreckung auch strategisch und aus eigener Kraft gewährleisten. Doch weil es Abstriche bedeuten würde, finanziell wie intellektuell, wird das nicht passieren. Für diese Krise kommt jeder gute Gedanke zu spät. Doch weil sich nichts ändert, alles Tabu ist, wird uns auch die nächste Krise treffen. Und die nächste. Und die danach.
Im derzeitigen Konflikt jedenfalls, manche nennen ihn den „dritten Golfkrieg“, markiert der israelische Angriff auf Anlagen im Umfeld von South Pars eine weitere Eskalationsstufe. Das Gasfeld, das sich Iran und Katar teilen, enthält schätzungsweise rund 51 Billionen Kubikmeter förderbares Erdgas. Diese Menge entspricht etwa dem weltweiten Bedarf von über dreizehn Jahren. Für den Iran ist dieses Feld von existenzieller Bedeutung: Es sichert nicht nur die Stromproduktion, sondern auch die Versorgung von Millionen Haushalten. Bereits in der Vergangenheit führten Störungen in der Gasförderung zu Stromausfällen und wirtschaftlichen Einbrüchen. Israel scheint diesen Angriff laut eigener Aussagen nicht mit den USA abgesprochen zu haben.

Katar – Knotenpunkt der globalen Energiearchitektur
Doch die globale Dimension ergibt sich vor allem aus der Rolle Katars. Der katarische Teil des Feldes, North Dome, ist die Grundlage für eine der wichtigsten Energieexportindustrien der Welt. Katar ist nach den USA der zweitgrößte Exporteur von Flüssigerdgas (LNG), und ein erheblicher Teil dieser Exporte wird in der Industriestadt Ras Laffan verarbeitet. Dort wird nahezu das gesamte Gas aus dem North Dome verflüssigt und für den Export vorbereitet. Rund 20 Prozent der weltweiten LNG-Versorgung hängen direkt oder indirekt von dieser Infrastruktur ab. Deutschland erhält „sein“ LNG woanders, zahlt aber den höheren Preis. Dabei wäre der Frühlingsbeginn traditionell gut geeignet, um die Gasspeicher für den Winter langsam wieder volllaufen zu lassen.
Als der Iran als Reaktion auf die israelischen Angriffe genau diesen Knotenpunkt ins Visier nahm und „umfangreiche Schäden“ verursachte, traf dies nicht nur Katar, sondern die globale Energiearchitektur. Die Anlage in Ras Laffan war bereits zuvor teilweise stillgelegt, doch die neuen Schäden könnten die Wiederaufnahme der Produktion um Wochen oder sogar Monate verzögern. Für die vollständige Reparatur ist sogar von drei bis fünf Jahren die Rede, natürlich nur, wenn es nicht zu weiteren Angriffen kommt. Analysten gehen davon aus, dass sich dadurch die Angebotslage auf dem globalen Gasmarkt nachhaltig verschärfen wird.

Ein LNG-Terminal in Ras Laffan
Dramatische Verschärfung auf den Ölmärkten
Parallel dazu verschärft sich die Situation auf den Ölmärkten dramatisch. Der entscheidende Faktor ist die Lage rund um die Straße von Hormus. Durch diese schmale Meerenge, Sie erinnern sich, wird etwa ein Fünftel des weltweiten Ölhandels abgewickelt. Sie ist damit einer der sensibelsten Engpässe der globalen Energieversorgung. Schon die Drohung einer Blockade reicht aus, um Märkte in Unruhe zu versetzen – doch inzwischen ist die Passage faktisch eingeschränkt. Tanker werden umgeleitet, Lieferungen verzögern sich, Versicherungen verteuern sich massiv. Die derzeitige Sperrung der Straße von Hormus können wir als virtuell bezeichnen, insofern, als eine physische Sperrung durch Minen oder Beschuss zwar vereinzelt, aber noch gar nicht im großen Stil erfolgt ist.
Die Konsequenz aus Blockade und Zerstörung ist eine klassische Angebotskrise: Öl und Gas sind weltweit zwar noch immer vorhanden, erreichen aber die Märkte nicht mehr zuverlässig. Das gilt einmal mehr, da nicht alle Öl- und Gassorten chemisch gleich sind. Gleichzeitig steigt die Nachfrage, weil insbesondere asiatische Länder versuchen, ihre Versorgungslücken um jeden Preis zu schließen. Dieser Nachfrageüberhang treibt die Preise weiter nach oben. In Simulationen wird bereits ein Ölpreis von bis zu 150 Dollar pro Barrel als realistisches Szenario genannt, sollte die Eskalation anhalten.
Hohe Preise und harte Konsequenzen für Deutschland
Für Deutschland ergibt sich aus alledem nunmehr eine Verschärfung der wirtschaftlichen Probleme. Auch wenn weniger als ein Prozent der Importe direkt durch die Straße von Hormus laufen, ist die Volkswirtschaft stark vom globalen Energiemarkt abhängig. Rund 6,2 Prozent der Rohölimporte in die EU und etwa 8,7 Prozent der LNG-Importe aus Nicht-EU-Ländern sind indirekt von dieser Route abhängig. Steigende Weltmarktpreise treffen Deutschland daher überproportional stark. Schätzungen zufolge könnte ein Ölpreis von nur 100 Dollar pro Barrel bereits Schäden in Höhe von rund 40 Milliarden Euro innerhalb von zwei Jahren verursachen.
Die Auswirkungen sind längst spürbar. Die Preise an den Tankstellen sind bereits deutlich gestiegen, in einigen Regionen auf über zwei Euro pro Liter, teilweise sogar darüber hinaus. Diesel und Kerosin, die zuletzt in erheblichen Mengen direkt aus der Golfregion bezogen wurden, sind plötzlich knapper geworden. Dieser Mangel wirkt sich nicht nur auf den Verkehr, sondern auch auf Logistik und Industrie aus.
Noch gravierender sind aber die indirekten Effekte. Energie ist ein grundlegender Produktionsfaktor. Steigen ihre Kosten, verteuert sich nahezu jede wirtschaftliche Aktivität. Heizöl wird teurer, da es direkt aus Rohöl gewonnen wird. Strompreise ziehen mit Verzögerung nach, da auch Gaskraftwerke betroffen sind. Gleichzeitig steigen die Kosten für Düngemittel, deren Herstellung stark von Gaspreisen abhängt. In der Folge verteuern sich landwirtschaftliche Produkte wie Getreide, Fleisch und Milch. Wer an dieser Stelle wieder einmal von den „Erneuerbaren“ schwärmt, vergisst, dass Öl und Gas aber mitnichten nur für die Stromerzeugung verwendet werden.
Auch die globalen Lieferketten geraten unter Druck. Transporte werden teurer, da Reedereien längere und sicherere Routen wählen müssen. Versicherungsprämien steigen, und die Unsicherheit führt zu zusätzlichen Kosten. Importierte Waren, von Lebensmitteln bis zu Elektronik, verteuern sich dadurch erheblich. Besonders stark betroffen ist die Bauwirtschaft, die auf energieintensive Materialien und Transport angewiesen ist. Schon in der Energiekrise 2022 zeigte sich, wie schnell Baupreise explodieren können. Ein Szenario, das sich nun wieder abzeichnet.
Selbst scheinbar entfernte Zusammenhänge wirken sich aus. Kunststoffe, Verpackungen und zahlreiche Industriegüter basieren auf Erdöl. Steigen die Rohstoffpreise, verteuern sich diese Produkte entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Ein importierter Elektronikartikel wird dadurch gleich mehrfach belastet: durch höhere Produktionskosten, teurere Materialien und steigende Transportpreise.
Das sind die Dinge, auf die sich die Deutschen nun einstellen müssen. Diejenigen, die „Hurra!“ gerufen haben, werden ihnen die Mehrkosten nicht erstatten. Zur Wahrheit gehört aber auch: Diejenigen, die den schleichenden Abschwung in Deutschland Jahr für Jahr erleben, sind auch nicht bereit, die Nation vom Kopf auf die Füße zu stellen. Kürzungen und Einschnitte ja, aber doch nicht in meinem Leben!
Trump zunehmend unter Druck
Doch nicht nur in Deutschland klettern die Preise. In den USA gerät Präsident Donald Trump zunehmend unter Druck. Die steigenden Energiekosten treffen auch die amerikanischen Verbraucher und stehen im Widerspruch zu seinem politischen Versprechen, wirtschaftliche Stabilität zu sichern. Vom Versprechen, keine fremden Kriege mehr zu beginnen, einmal ganz abgesehen. Trumps Reaktion fällt gewohnt widersprüchlich aus. Einerseits droht er dem Iran mit der „massiven Zerstörung“ von South Pars, was die Eskalation weiter anheizt. Andererseits versucht er, die wirtschaftlichen Folgen abzufedern, indem er den Jones Act von 1920 vorübergehend außer Kraft setzt. Diese Maßnahme soll zusätzliche Transportkapazitäten schaffen und die Preise stabilisieren. Doch ihre Wirkung bleibt begrenzt und ist politisch umstritten, da sie als Eingriff in die amerikanische Schifffahrtsindustrie gilt.
US-Kriegsminister Hegseth seinerseits hatte für die Öffentlichkeit auf der gestrigen Pressekonferenz einige Zahlen parat. Über 7.000 Ziele haben die Amerikaner im Iran angegriffen, mit unzähligen sogenannter „Penetrator Weapons“ wollen sie unterirdische Anlagen des Iran vernichten. „It takes money to kill bad guys“, antwortete der Minister einem Reporter lapidar: 200 Milliarden Dollar zusätzlich möchte das Pentagon, nur für diesen Irankrieg.

US-Kriegsminister Hegseth
Wer will eigentlich was?
Zu guter Letzt rückt eine grundsätzliche geopolitische Frage in den Fokus: Wer will in diesem Konflikt eigentlich was? Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat in den vergangenen Monaten wiederholt den Schulterschluss mit Washington gesucht. Doch die jüngsten Ereignisse werfen Zweifel an der tatsächlichen Abstimmung auf. Während Trump betont, von bestimmten Angriffen nichts gewusst zu haben, deuten andere Berichte auf eine Koordination hin. In beiden Fällen entsteht ein problematisches Bild: Ausschließlich bei den Israelis scheinen Trumps USA das ein oder andere Auge zuzudrücken, tragen gelegentlich Handlungen mit, die ihren eigenen Interessen widersprechen. Immer weniger Leuten in den USA gefällt das.

Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu
So oder so: In Bezug auf den Iran haben Tel Aviv und Washington zwar gemeinsame Interessen, sie sind aber nicht deckungsgleich. Netanjahu will ein Ende der Mullahs, und er will es jetzt. Er hat den Kairos erkannt, auch, dass sein Zeitfenster für einen Anti-Mullah-Schlag sich mit dem Ende der Administration schließen würde. Die Mullahs bedrohen seinen Staat und dessen jüdische Bevölkerung existenziell. Netanjahus Entschluss, sie zu entmachten, verschafft ihm, dem Enfant Terrible der internationalen Politik, auch unter den liberalen Iranern viel Sympathien.
Trump und die USA wollen China schlagen, bestenfalls wirtschaftlich. Sie wollen Import und Export von Rohstoffen und Gütern nach und aus China jederzeit unterbinden können. Die Druckpunkte sind der Zufluss sowie der Preis des Öls, asiatische Verbündete und Flottenstationierung zur Kontrolle der Seewege und des Luftraumes. Wer in Teheran regiert, ist – wie in Venezuela – eigentlich egal, solange die US-Beinfreiheit im „Großen Spiel“ gewährleistet ist. Legt man die beiden israelischen und amerikanischen Interessen nebeneinander, könnte seitens der Israelis durchaus ein Interesse daran bestehen, den Konflikt derart hochzukochen, dass Bodentruppen der USA nötig wären – und damit der Regime Change. Dann würde Trump die Midterms haushoch verlieren, aber Netanjahu wäre der Mann der Stunde. Geht Donald für Bibi über diese Klippe?
Keine Lösung in Sicht
Wie auch immer sich die Dinge entwickeln, eine Lösung, zu der wir irgendetwas beitragen könnten, ist nicht in Sicht. Für den Moment können wir nur dabei zuschauen, wie der Bumerang, den Donald Trump geworfen hat, uns am Kopf trifft. Gegen Rohstoffpreiskrisen helfen Tankrabatt und die Freigabe von Reserven nur temporär. Solange der Konflikt anhält und Energieinfrastruktur gezielt angegriffen wird, bleibt die Lage angespannt. Langfristig führt kaum ein Weg daran vorbei, über alle Energieerzeugungsformen, ja, auch die Kernenergie, wieder zu sprechen. Dass Friedrich Merz sie ausgeschlossen hat, stimmt mich hoffnungsvoll, dass es bald so weit ist.
Für Verbraucher bedeutet die neue Ölkrise vor allem eines: steigende Kosten im Alltag. Tanken, Heizen, Einkaufen, Bauen – nahezu jeder Bereich des Lebens wird von dieser Krise erfasst. Der Krieg im Nahen Osten zeigt damit in aller Deutlichkeit, wie eng geopolitische Konflikte und wirtschaftliche Realität miteinander verknüpft sind.
Deutschland wird geschröpft, aber ist noch nicht erschöpft, nicht genug, um sich aufzuraffen. Auch diese Krise wird vorbeigehen. Dann heißt es wieder: auf in die nächste!
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