Selbstverleugnung und doppelte Standards: Der Ramadan zeigt, wie tief die deutsche Identitätskrise ist
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Doppelte Standards, Kniefall, falsche Toleranz? Alles in Teilen richtig. Die aktuelle Inszenierung des muslimischen Fastenmonats Ramadan als Teil offenbart aber noch mehr: einen Status Quo der Selbstverleugnung, der zeigt, dass der deutschen Gesellschaft abhandengekommen ist, definieren zu können, was man ist – und was nicht. Das hat mit Demografie zu tun, aber auch mit einem Identitätsverlust.
Olaf Scholz sprach: Es werde Ramadan! Und es ward Ramadan! Am Sonntag hat der Bundeskanzler den Fastenmonat eröffnet. In einer fast vier Minuten langen Social-Media-Ansprache richtet sich der Hanseat an muslimische Mitbürger, denen er einen „gesegneten Ramadan“ wünscht. Und damit sich auch jeder Fastende von seiner Rede angesprochen fühlt, gab es die frohe Kunde nicht nur auf Deutsch, sondern auch gleich in türkischer und arabischer Sprache.
Zeit für einen „deutschen Ramadan“
Scholz’ Botschaft reiht sich ein in eine Vielzahl von Äußerungen deutscher Politiker und Institutionen, die dem bemerkenswerten Impuls folgen, ausgerechnet den muslimischen Fastenmonat in den Mittelpunkt der politischen Kommunikation zu stellen. Auch Außenministerin Annalena Baerbock äußerte sich dazu, ebenso wie der DFB, die Bundes-SPD, die Stadt Berlin oder Tobias Hans vom saarländischen CDU-Verband.
In Frankfurt und Köln entschieden sich Städte zu einer eigenen Ramadan-Stadtbeleuchtung. Und beim WDR publizierte die Autorin Caro Wißing einen ganzen Meinungsartikel, der darlegt, weshalb nun die Zeit für einen „deutschen Ramadan“ gekommen sei. Dass das muslimische Fasten von Morgendämmerung bis Sonnenuntergang ein Teil von Deutschland sei, stehe außer Frage, heißt es sinngemäß im Artikel, es sei „nur die Frage, ob die Deutschen das ignorieren oder als Bereicherung mitfeiern wollen.“ Allem Anschein nach haben sich zumindest Medien für zweiteres entschieden: Auf so gut wie jedem Kanal – von Funk und Zeit über WDR und ZDF – finden sich inzwischen Beiträge, die dem Ramadan ausschließlich positiv begegnen.
Man könnte in der Tat fragen: Gesegnete Ramadanwünsche, was soll daran verwerflich sein? Wer würde es ernsthaft vorwerfen, die besten Wünsche für fastende Mitmenschen auszusprechen? Andere hingegen empören sich und sprechen, in Anlehnung an Michel Houllebecqs Roman, von „Unterwerfung“. Und über allem steht die Frage: Was bedeutet diese ritualisierte Ramadan-Kommunikation, was die Stadtbeleuchtung? Warum scheint der Fastenmonat so sehr im Fokus bei Politikstellen und Medienbetrieben? Und warum stören sich Menschen so sehr daran?
Demografische Veränderung
Zuvorderst folgt die Einführung einer Stadtbeleuchtung in Sternform, die der von Weihnachtsmärkten nachempfunden ist, der einfachen Erkenntnisse: Muslime werden in unserer Gesellschaft immer mehr. Seit 1976 hat sich ihre Zahl verfünffacht: von 1,2 Millionen auf mindestens 6 Millionen im Jahr 2023. In dem gleichen Zeitraum ist die deutsche Gesellschaft älter geworden. Durch Nettoeinwanderung und eine höhere Geburtenrate hat sich nicht nur die totale Zahl, sondern auch der Anteil von Muslimen vervielfacht. Dass deutsche Großstädte zum Ramadan Beleuchtungen einführen, ist also, so hart es klingen mag, erst einmal: simple Mathematik, die einer entsprechenden Nachfrage folgt. Dieser Nachfrage folgen auch Medienangebote, die muslimische Mitbürger als Konsumenten und Leser identifiziert haben.
Was damit einhergeht, ist die Metamorphose dessen, was Menschen „Heimat“ nennen und als „Heimat“ kennen: Auf den ersten Blick mag die Ramadan-Beleuchtung zwar nur eine harmlose Geste sein, sie reiht sich aber ein in eine Vielzahl islamischer Praktiken – dem Vorbeten vor dem Brandenburger Tor, schweinefleischfreien Schulkantinen oder Gebetsräumen an Universitäten –, die immer sichtbarer werden, und macht für jeden nachvollziehbar, dass sich hierzulande etwas wandelt. Wenn „Islamisierung“ meint, dass das Alltagsleben und Innenstädte sich merklich verändern, und diese Veränderung in den religiösen Praktiken neuer muslimischer Mitbürger begründet liegen, dann ist die Ramadan-Beleuchtung genau das.

Funkelnde Sterne im Stil von Weihnachtsbeleuchtung: Der Ramadan in der Frankfurter „Fressgass“.
Besorgte Stimmungslage in der Bevölkerung
Veränderung aber macht Menschen Angst – und hinzu kommt, dass es in der deutschen Öffentlichkeit zwar einen anhaltenden Diskurs darüber gab, ob der Islam zu Deutschland gehört oder was Leitkultur bedeutet, Menschen aber nie befragt wurden, ob sie diese Veränderung wollen. Weder in den 1970ern, noch ab 2015. Auch hierin liegt die erboste Reaktion begründet: Eine Veränderung ist passiert, bevor Menschen wussten, dass sie passiert. „Und so werden mit der Zeit noch in diesem Jahrhundert zuerst die großen Städte und dann ganze Länder zu „Nationen von Migranten“, schreibt der britische Autor Douglas Murray in seinem Buch „Der Selbstmord Europas“, „von denen wir eine Zeit lang behauptet haben, dass wir sie immer schon gewesen seien“. Er hat Recht.
Dass die Stimmungslage in der Bevölkerung vielerorts jedenfalls anders zu sein scheint als bei den politischen Entscheidungsträgern, legen dabei zwei Erhebungen nahe: Einer Umfrage von RTL Aktuell zufolge sprechen sich 92 Prozent der Befragten gegen eine Ramadan-Beleuchtung aus. Bei einer NTV-Feldstudie sind es sogar 94 Prozent. Bei Baerbock und Scholz wurde die Kommentarspalte auf X vorsorglich deaktiviert.

Peter Klöppel schaut grimmig drein: Eine Umfrage legt nahe, dass die meisten RTL-Zuschauer die Ramadan-Beleuchtung ablehnen.
Für die oben angesprochene und bemerkbare Veränderung des Stadtbilds sind Köln und Frankfurt fast schon Prototypen, ein Drittel der dortigen Bevölkerung ist nicht-deutsch und mehr als die Hälfte hat Migrationshintergrund. Über Frankfurt sagte der antirassistische Autor und Aktivist, Farhad Dilmaghani, schon beim SPD-Parteitag 2017, sie werde zur ersten „Majority-Minority-City“, was die anglizistisch-euphemistische Umschreibung der Entwicklung ist, dass Ausländer in jüngeren Generationen zur Mehrheit – und Deutsche zur Minderheit – werden. Dilmaghani nutzte „Majority-Minority-City“ positiv, als Adelung.
Vielfalt als politisches Ziel, Ramadan als „Vivre Ensemble“
À apropos Dilmaghani: Der 53-Jährige, der heute wohlgemerkt als Sprecher für Familienministerin Lisa Paus arbeitet, verkörpert ein intellektuelles Vorfeld, das über Jahre und Jahrzehnte eine solche Entwicklung hin zu mehr ausländischen Einflüssen in der deutschen Gesellschaft nicht nur salonfähig, sondern wünschenswert erscheinen ließ.
Dilmaghanis Vita ist dabei regelrecht sinnbildlich für dieses Milieu: Der Deutsch-Iraner studierte an der Universität Frankfurt und in Paris, durchlief Stationen bei Großkonzernen wie der Allianz SE und endete bei Stellen mit gewaltigem politischen Einfluss: beginnend beim Ethikrat über einen Mitarbeiterposten beim damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) bis hin zur Leitung einer Kommission zur Erarbeitung eines Leitbilds für Deutschland als Einwanderungsgesellschaft. In diesem Weltbild ist der Ramadan nicht etwas von außen Oktroyiertes und Fremdes, sondern die erstrebenswerte Konsequenz eines „Vivre Ensembles“.
Und Dilmaghani ist dabei nur ein Beispiel von vielen. Er steht in einer Reihe mit Karim Fereidooni (Autor des Berichts zu „Muslimfeindlichkeit“), Ferda Ataman (Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung), Naika Foroutan (Leiterin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung) oder Aydan Özoğuz (Vize-Bundestagspräsidentin), also: Bildungsaufsteigern mit Migrationshintergrund, die zu ideologischen Vielfaltslobbyisten wurden, die mittels Publizistik, Wissenschaft und Nichtregierungsorganisationen ein Gesellschaftsklima schufen, welches auf politischen Schaltstellen einwirkte, die sich wiederum jener Vorfeldarbeit – von manch’ einem als „Migrationsextremismus“ verschrien – beugten.
Es liegt ein jahrelanger Normalisierungsprozess zugrunde
Dilmaghani etwa erarbeitete 2021 mit SPD-Frau Özoğuz ein Leitbild für Deutschland als Einwanderungsgesellschaft. Schon darin wird der Ramadan als religiöse Praxis benannt, die in Deutschland Einzug hält. Wenig später sprach sich der in Groß-Gerau geborene Dilmaghani in einem Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung dafür aus, „Vielfalt“ im Grundgesetz zu verankern. Wenn man „Aydan Özoğuz Ramadan“ googelt, ploppen mindestens zwölf Suchergebnisse auf, bei denen die Frau bei Iftarempfängen oder in der Publizistik für Verständnis warb. Der Stadtbeleuchtung liegt also ein jahrelanger Normalisierungsprozess zugrunde.
Und in dieser Denkschule entstehen dann auch rhetorischen Perlen, die zwischen Satire und Groteske pendeln – wie etwa die Aussage der Frankfurter Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg, die sagte, bei der Ramadan-Beleuchtung handele es sich um „Lichter des Miteinanders“, „gegen Vorbehalte, gegen Diskriminierungen, gegen antimuslimischen Rassismus und auch gegen Antisemitismus.“

Warb in der Vergangenheit wann immer sie konnte für den Fastenmonat: Bundestagsvizepräsidentin Aydan Özoğuz.
Wenn man sich also fragt, wie es dazu kommt, dass so relevante Akteure wie der SPD-Kanzler Scholz oder die grüne Außenministerin Baerbock heute Ramadan-Bekundungen äußern, dann ist die Antwort auch: Sie bewegten sich über Jahre hinweg in einer Sphäre, in welcher der Ramadan als Geschenk der vielfältigen Gesellschaft, als hübsches Add-On einer wachsenden muslimischen Kultur in Deutschland – und nicht als Unterwerfungsgeste oder Islamisierungssymptom – gesehen wurde.
Eine tote Kultur trifft auf islamische Ausbreitung
Und noch etwas hinterlässt einen faden Beigeschmack. Denn neben der demografischen Veränderung der deutschen Gesellschaft und dem wachsenden Einfluss von Diversity-Ideologen, offenbart das Tamtam rund um den Fastenmonat Ramadan auch den Verlust einer genuin deutschen Identität. Wenn man sieht, dass allen eingangs genannten Stellen (von Bundeskanzleramt bis hin zu DFB) das christliche Fasten ab Aschermittwoch kein müdes Wort wert war – und Scholz’ große Kommunikationsoffensive zum Ramadan mit seinen Einlassungen zum Osterfest vergleicht –, muss man zum Schluss kommen: Das viel beschworene christlich-jüdische Abendland mitsamt dem, was man Leitkultur nennen will, ist leblos.
In dieser Kultur begegnet man der Tatsache, dass aus Weihnachtsmärkten Wintermärkte, St. Martins-Umzüge zu Lichterfesten oder christliche Kreuze von Bildern getilgt werden, mit Gleichgültigkeit. Im schlimmsten Fall hält man diese Selbstverleugnungspraktikten aus falscher Rücksichtnahme für Toleranzgesten.
Wenn es aber keine definierte Gemeinschaft – erwachsen aus der eigenen Geschichte und Kultur – mehr gibt, in der prägende Traditionen existieren, und es einen Konsens darüber gibt, was man ist (und was man nicht ist), dann ist man tot. Ist eine Kultur wiederum tot, ist es nur eine Frage, bis sie verdrängt wird – erst Recht, wenn sie auf eine sehr lebendige islamische Kultur trifft, die in vielerlei Hinsicht (auch aus Machtwille und Kalkül) raumgreifend, missionierend und expansiv auftritt. Und in der man sich nicht sagen lassen will, welche Regeln hier gelten. Klar, warum sollte man auch? Und worin sollen sich Migranten integrieren, wenn die einheimische Kultur von den Einheimischen verleugnet wird?
In diesem Sinne hinkt natürlich auch der Vergleich zum Weihnachtsfest. Wenn heute beschworen wird, dass in Almaty, Jakarta oder Istanbul Weihnachtsbäume stehen und „Merry Christmas“ im Radio läuft, gesteht man ja geradezu ein, dass die christliche Kultur ersetzbar geworden und Christi Geburt im Ausland zu einem Konsumfest verkommen ist. Dass nun in Teilen Asiens Weihnachtskränze an ein paar Tagen im Dezember das Stadtbild schmücken, folgt auch nicht demografischen Gründen – vielmehr müssen Christen mancherorts Angst davor haben, gelyncht zu werden –, sondern dem Export eines westlichen Lebensstils und Wohlstands. Nicht der Paradiesbaum, das Krippenspiel oder Evangelium nach Lukas stehen ja im Zentrum des christlichen Weihnachtsrituals im Ausland, sondern, überspitzt gesagt, Nightmare before Christmas, Mariah Carey und die Geschenkggabe. Auch hier zeigt sich ein massiver Unterschied zum Ramadan, der für Enthaltsamkeit steht, die besonders bei Kindern durchaus kritisch gesehen werden kann, und der das Fest einer in vielerlei Hinsicht frommen und traditionsbewussten Religionsgemeinschaft ist.

Weihnachtsbeleuchtung in Jakarta.
In den Lichtern über Köln und Frankfurt und den vielen Aufmerksamkeitsbekundungen, also einer neuen deutschen Staatsräson Ramadan, zeigt sich eigentlich vor allem eins: eine deutsche Identitätskrise, die offenbart, dass eine Gesellschaft nicht mehr weiß, was sie ausmacht. Sie ist ersetzbar und egal geworden. Und aus Konformitätsdruck ist es in dieser Logik auch gewollt und gefeiert, wenn islamische Sterne in der Freßgass’ hängen und „Allahu Akbar“, pünktlich zur Illumination, durch deutsche Straßen schallt.
Ein Schelm, wer glaubt, dass hier politische Entscheidungsfräger aus dem links-grünen Milieu – von Bundeskanzler Scholz bis zur Frankfurter Bürgermeisterin – um zukünftige Wähler buhlen.
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Jan A. Karon
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