Von IG Metall bis zu deutschen Medien: Die Reaktionen auf die VW-Sparpläne zeigen, wie ideologisch und realitätsfern Deutschland ist
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Die Volkswagen AG in Wolfsburg muss sparen. Und zwar richtig. Sonst steht eventuell die Zukunft des ganzen Konzerns auf der Kippe. Deshalb hat der Vorstand vergangene Woche angekündigt, zukünftig betriebsbedingte Kündigungen auszusprechen und sogar Werke zu schließen.
Letzte Woche habe ich an dieser Stelle analysiert, warum die Sparmaßnahmen bei der Kernmarke VW überfällig und absolut notwendig sind. Ich habe aber auch gesagt, was meiner Einschätzung nach passiert, wenn alles so weitergeht wie bisher – dann steht die Zukunft der ganzen Volkswagen-Gruppe auf dem Spiel, bis hin zu einer Insolvenz nach dem Vorbild von General Motors. Einer Insolvenz, in deren Verlauf Niedersachsen zum deutschen Michigan und Wolfsburg zum deutschen Detroit mutierte, mit allem, was dazugehört: leeren Häusern, Bankrott der Stadtkassen, Verwahrlosung, Mord und Totschlag mitten in der Stadt. Ich habe also nur das gesagt, was Goethes Zauberlehrling seinem Meister zuruft: „Herr, die Not ist groß.“

Volkswagen – ehemals eine Erfolgsgeschichte
Sieht jemand die große Not?
Dass die Not bei Volkswagen in der Tat groß ist, kann jeder sehen. Ein Blick in die letzte Bilanz oder auf ein Chart mit den Aktienkursen der letzten Jahre sagt alles. Aber sieht es jemand? Begreift da draußen irgendeiner, dass Deutschlands größtes Industrieunternehmen mit seinen 120.000 Mitarbeitern in Deutschland (von 660.000 auf der ganzen Welt) vor riesengroßen Problemen steht? Dass diese Probleme, werden sie nicht rasch, energisch und gründlich gelöst, zum Kollaps der ganzen Gruppe und zu nie dagewesenen Verwerfungen für den Industriestandort Deutschland führen könnten, hängen doch die Arbeitsplätze von 900.000 Menschen in der Automobilzulieferindustrie auch an VW und seinem Schicksal.
Offen gestanden habe ich, wenn ich mir die Reaktionen im Internet anschaue, nicht das Gefühl, dass der Hilferuf des Vorstandes, denn das ist er ja in Wahrheit, gehört wird. Dass irgendein Betriebsrat, irgendein Gewerkschafter, einer der vielen roten und grünen Funktionäre, einer der vielen Journalisten, deren Aufgabe es auch wäre, einmal einen Blick in die Bilanzen von VW zu werfen, auch nur einen realitätsgesättigten Piep von sich gibt.
Mein Eindruck ist vielmehr: Ihnen allen ist die Zukunft von Volkswagen in Wahrheit egal, solange sie nur auf ihren gusseisernen Positionen beharren, ihren verschwiemelten Antikapitalismus pflegen und ihre tief empfundenen Ressentiments gegen Manager, Vorstände und Unternehmer ausleben können. Sie alle nehmen in Kauf, dass am Schluss viel oder gar alles zu Bruch geht – wenn nur noch ein paar Jahre lang zwischen Vorstand und Management auf der einen und Betriebsrat, Gewerkschaften und Politik auf der anderen Seite ein ungemütlicher, zutiefst verlogener Burgfrieden herrscht, der keinem was nützt, die zugrunde liegende Wunde jedoch ständig schlimmer macht.
Die Reaktionen: hoch ideologisch bis realitätsfern
Ein Problem, das der Industriestandort Deutschland neben Bürokratie, Steuerwucher und marktfeindlicher Politik auch hat, ist der verfahrene, antagonistische und stets hochemotionale Diskurs der Öffentlichkeit. Der keine ruhige, sachliche Diskussion großer Themen mehr zulässt. Der immer mit Klischees aus der Klamottenkiste von Vulgärmarxismus und Keynesianismus arbeitet, der Lieblingsideologie von Grünen und Linken, die aber auch weite Teile der SPD und längst auch die (Merkel-)CDU unterschreiben.
Und so fielen auch die Reaktionen auf die Bombe aus, die da in Wolfsburg gezündet worden war: im besten Falle sprachlos und indigniert, im schlechtesten und häufigsten feindselig, hoch ideologisch, realitätsfern und borniert.
Zählen wir sie kurz auf:
Erstens war da die IG Metall mit ihrer üblichen Verweigerungshaltung. Die Funktionäre dieser größten deutschen Einzelgewerkschaft (2,2 Millionen Mitglieder) schauen, wenn sie vorwärtsfahren, grundsätzlich in den Rückspiegel und geben dann Vollgas, um möglichst schnell zurück in die Vergangenheit zu gelangen, etwas, das sonst nur Figuren aus Science-Fiction-Filmen können. Deshalb hat die IG Metall die Rückkehr zur Viertagewoche gefordert (bei vollem Lohnausgleich versteht sich), so, als würde weniger Arbeit bei gleichem Geld die Probleme bei VW lösen. Diese vorzügliche Gewerkschaft will nicht verstehen, dass eine Viertagewoche die Fixkosten (Abschreibungen, Energie, Gebäudeerhaltung, IT-Infrastruktur, Verwaltung, Finanzierung) der beiden überflüssigen (also stillzulegenden) Werke nicht nur nicht senkt, sondern heruntergebrochen auf die Stückkosten aller in Deutschland produzierten Autos im Gegenteil sogar erhöht.

VW-Mitarbeiter protestieren vor der Betriebsversammlung gegen geplante Entlassungen und Werksschließungen.
Dann haben wir den Betriebsrat von Volkswagen, der aufgrund des nicht mehr zeitgemäßen Mitbestimmungsgesetzes die Hälfte aller Vertreter im Aufsichtsrat stellt, also Managemententscheidungen maßgeblich mit beeinflusst. Der hat von vornherein mit unmäßiger Aggression reagiert und sämtliche Sparmaßnahmen in Bausch und Bogen abgelehnt. Originalton der VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo: „Wir haben kein Arbeitskostenproblem. Wir haben kein Personalproblem. Wir haben einen Vorstand, der sich nicht genug auf das Kerngeschäft konzentriert. Sie können nicht erwarten, dass die Belegschaft die Folgen ihrer Fehler trägt.“ Ganz klar: Mit einem solchen Betriebsrat kann kein Unternehmen auf der Welt saniert werden. Frau Cavallo, die kämpferische und eloquente Tochter italienischer Einwanderer, zieht es offensichtlich vor, tüchtig in die Harfe zu greifen und dazu laut zu singen, während dahinter Rom in Ruhe abbrennt.

Daniela Cavallo, Vorsitzende des Gesamt- und Konzernbetriebsrats der Volkswagen AG
Nun kommen wir zu den Journalisten, diese zuverlässigen Säulen der Demokratie, die immer und überall das rechte Gras wachsen hören, wenn es aber einmal wirklich um etwas geht, meist mit einem laut schallenden „Jein“ zur Stelle sind. Den besten von ihnen muss man zugutehalten, dass sie sich immerhin zu der Aussage durchringen konnten, dass bei VW tatsächlich Einschnitte nötig seien, auch wenn sie nicht wussten, wo genau und vor allem wie. Kaum überzeugend sind die Beiträge einer bekannten Frankfurter Zeitung, die gerne mit ihrer Wirtschaftskompetenz hausieren geht, in der Causa VW aber über papierene Forderungen nach einem Bekenntnis ausgerechnet der Politik zur Autoindustrie und der tollkühnen Empfehlung, genau jetzt VW-Aktien zu kaufen (bloß nicht!), nicht hinauskommt. Der mit Abstand beste Journalismus zur Krise bei VW kommt vom Wall Street Journal, das in zwei großen Artikeln die Probleme bei VW analysiert hat: die viel zu hohen Lohnkosten in Deutschland, die viel zu teure E-Auto-Flotte, das Wegbrechen des chinesischen Marktes und seiner hohen Profite und die Einmischung der Politik in das Konzernmanagement, die aus VW mehr einen Staatsbetrieb als ein Wirtschaftsunternehmen gemacht haben.
Womit wir beim schlimmsten Faktor von allen wären: der Politik. Industrieunternehmen, die in einigermaßen freien Märkten frei agieren, können durch Umstrukturierungen, Kostensenkungen, neue Produkte, Verkäufe und Zukäufe und cleveres Finanzmanagement selbst die tiefsten Krisen überwinden. Berühmte Beispiele sind: Apple, das Mitte der 1990er-Jahre kurz vor der Insolvenz stand, die Deutsche Bank, die nach hohen Verlusten zwischen 2015 und 2017 endlich 2022 überzeugend zur Profitabilität zurückkehrte, und erstaunlicherweise Renault, wo ein neuer CEO Kosten gesenkt, überschüssige Kapazitäten reduziert (von 4 Millionen Kfz auf 2,2 Millionen) und das Ergebnis (EBIT) von einem Verlust von zwei Milliarden Euro 2020 auf einen Vorsteuergewinn von 4,1 Milliarden Euro 2023 verbessert hat.
So könnte das auch bei VW laufen – wären da nicht Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) und ausgerechnet Julia Willie Hamburg, die grüne Kultusministerin des Landes, die im Aufsichtsrat von Volkswagen sitzt, wo sie E-Autos und nachhaltige Mobilität vorantreiben will. Mit solchen Leuten ist keine tiefgreifende Sanierung von Volkswagen möglich – sondern ausschließlich mit Gewerkschaften und Betriebsrat in Hinterzimmern fein abgestimmte kosmetische Maßnahmen.
Die jetzt anbrechende Nacht bei Volkswagen wird also noch sehr viel dunkler werden müssen, bis es nach Jahren der Verwerfungen endlich wieder heller werden kann.
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Markus Brandstetter
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