Waffenstille Nacht, heilige Nacht: Die Geschichte der weihnachtlichen Feuerpausen
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Chris Becker„Sieh’, dein König kommt zu Dir. Ja, er kommt, der Friedefürst. Ewig steht dein Friedensthron.“ Ist die konkrete Erwartung des Friedens im weihnachtlichen Liederschatz nur ein frommer Wunsch? Wer sich intensiv mit Geopolitik befasst, zumal aus einer militärisch geprägten Perspektive, wird schnell zum Zyniker. Und so überrascht es nicht, dass wir uns in einer seit Monaten erscheinenden Kolumne mit dem Namen „Krieg und Frieden“ bisher immer mit dem einen, nie aber mit dem anderen befasst haben. Dabei ist der Frieden ebenso eine gewaltige Kategorie der Geopolitik wie der Krieg. Für Streitkräfte sind Friedensabkommen und Waffenruhen operativ anspruchsvoll, komplex und militärisch schwer umzusetzen. Für den einzelnen Soldaten wiederum bleibt ein gerechter Frieden inmitten von Kampfhandlungen ein ergreifender Sehnsuchtsort. Sun Tses „Die Kunst des Krieges“ ist ein Klassiker der Weltliteratur. In der Heiligabendausgabe wollen wir nun in Geschichte und Gegenwart der Frage nachgehen, was es zur Kunst des Friedens braucht.
Weihnachtsfrieden 1914: Geschichte eines wahren Mythos
Der bekannteste weihnachtliche Waffenstillstand dürfte sich im Jahre 1914 an der Westfront des ersten Weltkrieges zugetragen haben. Eine Vielzahl von bestätigten und unbestätigten Berichten haben zur Legendenbildung um dieses Weihnachtsfest im Schützengraben beigetragen, Filme und Bücher haben den Erzählstoff verarbeitet. Eine kurze Auffrischung Ihres Gedächtnisses: Ohne jeden Befehl von oben legten an der Westfront deutsche, britische und französische Soldaten für Stunden und teils Tage die Waffen nieder, verließen ihre Schützengräben, begegneten sich im Niemandsland als Menschen statt als Feinde, tauschten kleine Geschenke, sangen Weihnachtslieder, begruben gemeinsam ihre Toten und setzten damit für einen kurzen Moment die Kriegslogik außer Kraft.

Deutsche und britische Offiziere während der Weihnachtsfeuerpause 1914
Sogar von gemeinschaftlichem Gesang und ehrlich ausgetragenen Fußballspielen war die Rede. Heute lässt sich nicht mehr mit Gewissheit sagen, ob es neben vereinzeltem Kicken tatsächlich zu einer umfassenderen Verbrüderung zwischen den Feinden kam. Dass es letztlich recht wenige überprüfbare Quellen zur Frontweihnacht gibt, liegt auch daran, dass die Feuerpausen oft auf in den unteren Offiziersrängen vereinbart wurden und auf dem gegebenen Wort junger Ehrenmänner beruhten. In offiziellen Berichten an ihre Vorgesetzten tauchten derartige Vereinbarungen selten auf, und wenn doch, wurden sie nicht an die große Glocke gehängt. Hatte die kaiserliche Oberste Heeresleitung zu Weihnachten 1914 noch ausklappbare, gebrauchsfertig geschmückte Christbäume an die Front geschickt, um für etwas Weihnachtsstimmung zu sorgen, so befahl sie bereits im Folgejahr 1915 vorsorglich, eine Wiederholung des spontanen Weihnachtsfriedens zu unterlassen.
Der Waffenstillstand zu Weihnachten 1914 war vielleicht auch deshalb möglich geworden, weil sich unter den Soldaten eine erste Ernüchterung breitmachte. Immerhin hatte die Politik ihre erste wichtigste ausgegebene Parole, bis Weihnachten sei man wieder zuhause, erkennbar gerissen – ein baldiges Ende der Kampfhandlungen war nicht in Sicht. Aus dem Bewegungskrieg war ein Stellungskrieg geworden, wie es sich schon in anderen Konflikten der Epoche in kleinerem Maßstab gezeigt hatte (russisch-japanischer Krieg, Burenfeldzug). Auch an anderen Kriegsschauplätzen und zu allen Zeiten hat es immer wieder vorübergehende Einstellungen der Kriegshandlung gegeben, häufig aus humanitären Gründen wie Rettung und Bergung. Über die Weihnachtstage 1914 wird jedoch berichtet, dass deutsche und britische Truppen bei ihrem Beschuss sogar Rücksicht auf Teestunde und Mittagszeiten genommen haben sollen. Bloß ein fairer Handel? Oder ein erster Gedanke, dass die Soldaten des Feindes kulturell und habituell mehr mit einem selbst gemein haben als die eigenen Bürokraten in warmen Amtsstuben? Die Enttäuschung und Frust unter den Veteranen über die politische und militärische Klasse auch nach 1918 könnte ein Beleg für diese These sein. Indes muss gesagt werden, dass – anders als in der filmischen Rezeption der historischen Ereignisse – sich französische Einheiten in eher geringem Umfang an dem weihnachtlichen Frieden beteiligten.
Spätestens mit dem Jahr 1916 war die Verelendung und Verrohung an allen Fronten so fortgeschritten, dass an eine weihnachtliche Verbrüderung nicht mehr zu denken war. Die Industrialisierung des Kriegsgeschehens unter den Bedingungen der Seeblockade erwies sich für das Kaiserreich als nicht länger tragbar. Noch zu Beginn des Jahres 1918 rechneten die westlichen Alliierten damit, dass der Krieg bis mindestens 1919 andauern würde; sie überschätzten die Moral und Leistungsfähigkeit der Zivilbevölkerung und Industrie und die Stabilität des deutschen politischen Systems. So kam der Waffenstillstand im November des letzten Kriegsjahres aus westlicher Sicht eher plötzlich.

Khaki Chums Cross-Denkmal aus dem Ersten Weltkrieg für das Fußballspiel des Weihnachtsfriedens zwischen englischen und deutschen Truppen im Niemandsland.
Wie wird aus einem Waffenstillstand ein Frieden?
„Der gescheiterte Weihnachtsfrieden von Berlin: Eine verpasste Chance für Merz“, titelte die Berliner Zeitung vor wenigen Tagen. Bei dem gescheiterten Weihnachtsfrieden geht es nicht darum, dass die Berliner Finanzämter deutschlandweit als einzige nicht auf Vollstreckungsmaßnahmen über die Feiertage verzichten wollen, auch diese Meldung stammt aus jüngster Zeit. Sondern es handelt sich um den öffentlich vorgetragenen Wunsch des Kanzlers, Russland und die Ukraine mögen doch wenigstens über Weihnachten die Waffen schweigen lassen. Russlands Regierungssprecher Dmitri Peskow erklärte prompt, dass Moskau nicht einmal zu einem befristeten Weihnachtswaffenstillstand bereit sei. „Wir wollen Frieden, nicht nur einen Waffenstillstand“, so die Parole. Wir merken uns also, dass es einen Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen gibt. Eine ähnliche Unterscheidung machen auch der Bundeskanzler und Public Intellectuals häufig: „Wir sind noch nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden“. Ist das so?

Russlands Regierungssprecher Dmitri Peskow
Bei genauerer Betrachtung erweist sich diese Analyse im Grunde als eine Binse oder als ein bisschen neunmalklug. Denn so wirklich einhundertprozentig absoluter Frieden ist ja nie, schon gar nicht in der Welt. Gewalt, Spannungen und Konflikte wird es zu unseren Lebzeiten wohl immer geben, zwischen Ländern ebenso wie innerhalb ihrer Grenzen. Wenn damit nun aber der juristisch-politische „Zustand“ eines Staates gemeint ist, den er über sich selbst erklärt, dann sind wir sehr wohl noch im Frieden. Ziel deutschen staatlichen Handels sollte es sein, ein akzeptables Ende der Kampfhandlungen in der Ukraine zu erreichen, anstatt hierzulande den Spannungsfall herbeizureden. So weit, so gut. Nur, wie?
Die Vorbedingungen in einem Waffenstillstandsabkommen oder sogar in einem Friedensvertrag werden in der Regel anderswo geschaffen, oft auf dem Schlachtfeld, manchmal am Fließband der Rüstungsbetriebe, meistens aber in einer Kombination aus sämtlichen Faktoren. Irritierenderweise kann daher eine Zunahme der Kampfhandlungen ein Indikator dafür sein, dass beide Seiten sich demnächst zum Reden hinsetzen wollen. Auf russischer Seite ist die Erhöhung des militärischen Drucks und diplomatische Kaltschnäuzigkeit womöglich ein solches Indiz, auf ukrainischer Seite wiederum ist eine Zunahme von Geheimdienstaktionen zu verzeichnen. Die gescheiterte Sabotage einer Pipeline und die erfolgreiche Tötung eines russischen Generals seien stellvertretend genannt. Wenngleich es bis Weihnachten, das in orthodoxen Nationen ohnehin Anfang Jänner gefeiert wird, wohl noch kein offizielles Abkommen geben wird, bleibt zu hoffen, dass auch hier vereinzelt zu Absprachen auf der untersten Führungsebene getroffen werden können und Bataillonskommandeure ein Auge zudrücken. Wie schnell alles geht, wird wie schon im Ersten Weltkrieg maßgeblich von den Amerikanern abhängen.
Die Überführung eines Waffenstillstandes in einen richtigen Friedensvertrag ist ein Prozess, und im Übrigen kein leichter. Manchmal wird aus einem Waffenstillstand gar kein „offizieller“ Frieden, sondern es entstehen für Völkerrechtler interessante Provisorien.
Nord- und Südkorea sind so ein Beispiel, oder der Nahe Osten. Man könnte auch darüber sinnieren, ob nicht West- und Ostdeutschland im Grunde solche Provisorien waren, die aus Niederlage, Kapitulation und Teilung hervorgingen. Für Geostrategen ist das aber kalter Kaffee, da sich Staaten und Rechtsordnungen historisch und langfristig sowieso als recht provisorisch herausgestellt haben. Hier gilt sinngemäß der sogenannte Ententest: Wenn es quakt wie ein geopolitischer Akteur, ist es ein geopolitischer Akteur.
Politiker, Juristen und andere Krämerseelen mögen Friedensverträge aber, weil sie Rechtssicherheit und Stabilität verheißen. Blicken wir noch einmal in die Zeit des Ersten Weltkrieges zurück, finden wir mit dem Versailler Vertrag den wohl berüchtigtsten Gegenbeweis der Weltgeschichte.
Das in Paris verhandelte Vertragswerk nach dem Ersten Weltkrieg schuf nicht nur perfekte wirtschaftliche und politische Vorbedingungen für einen weiteren Konflikt, sondern er gab den Regierungen von Deutschland, Österreich, Ungarn und anderen Staaten auch eine nicht zu schulternde Hypothek mit auf den Weg. So liegen zwischen dem 11. November 1918, dem Waffenstillstand von Compiègne, und der Unterzeichnung des Versailler Vertrages im Jahre 1919 fast neun Monate. Unter diesen schwierigen Bedingungen wurde unter Beibehaltung des Kriegszustandes auch das politische System der Weimarer Republik ausgestaltet. Die USA ratifizierten den Versailler Vertrag übrigens nicht, sondern schlossen im November 1921 mit dem „Berliner Vertrag“ einen eigenen Friedensvertrag ab. Wichtigste Folge des Sonderfriedens war, dass die Reparationsleistungen von den Vereinigten Staaten nicht einseitig gegen Deutschland festgesetzt wurden, wie es in Versailles vorgesehen war. Klingelt da etwas? Ja, wenn es eine Kunst des Friedens gibt, dann braucht es Kunstfertigkeit.

In einem Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne nahe Paris treffen die deutsche Delegation unter Führung des Reichstagsabgeordneten Matthias Erzberger (M) und der französische General und Oberbefehlshaber der Alliierten, Ferdinand Forch (r, stehend) zu Verhandlungen über einen Waffenstillstand im Ersten Weltkrieg zusammen.
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel
Friedenschließen ist eine Zumutung. Eine ganz andere Zumutung zwar als das Kriegführen, aber dennoch: Es bedeutet hier Zugeständnisse machen, dort auf die Zähne beißen, nicht zu viel zu verlangen. Das eigene Gewicht muss, genau wie das des Gegenübers, richtig eingeschätzt werden, um nicht am Verhandlungstisch übervorteilt zu werden. Wer den totalen, den endgültigen Sieg sucht, der sollte sein Glück in einer Sekte, nicht aber in der Staatskunst versuchen. Bismarck hatte das verstanden, als er Österreich schonte und vor der Demütigung Frankreichs warnte. Friedrich der Große kalkulierte seine militärischen und diplomatischen Vorstöße risikoreich, aber er kalkulierte sie. Auf die militärische Niederlage gegen Napoleon reagierten die Preußen mit Reformeifer und einem gesamtstaatlichen Kraftakt. Auf dem Wiener Kongress hingegen, nach zwanzig Jahren der revolutionären Kriegsführung gegen ganz Europa, behandelte man Frankreich vergleichsweise pfleglich. Bereits 1818 trat es wieder dem Fünfmächte-System bei. Bismarck und die kickenden Soldaten würden es vielleicht mit einer Fußball-Weisheit sagen: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Wir müssen lernen, mit moderaten Siegen und moderaten Niederlagen leben zu lernen, wenn wir die Kehrseite eines geopolitischen Triumphes vermeiden wollen. Kann es im weltlichen Sinne einen wahrhaft absoluten Frieden geben, ohne, dass er uns in unserem Wahn zu den schlimmsten Kriegstreibern werden lässt? „The war to end all wars“, so nannten Zeitgenossen den Ersten Weltkrieg.
In der Geopolitik gibt es den endgültigen, totalen Frieden nicht. Ist ein Kampf strategisch ausgekämpft, gibt es keinen Grund, Menschenleben auf dem Schlachtfeld zu opfern. Es ist zu erwarten, dass die Karten im kommenden Jahr wahrhaft und grundlegend neu gemischt werden: Bleiben Sie also dieser Zeitung gewogen.
Es gibt noch eine andere Kraft, die auch unter den Soldaten an Heiligabend 1914 gewirkt hat. Diese unsichtbare Macht wünsche ich Ihnen allen, die Sie sich an dieser Stelle für die sichtbare Macht begeistern können, für Ihre Feiertage. Behalten Sie stets im Hinterkopf, dass sich die wichtigen Dinge nicht immer pünktlich AN Weihnachten, sondern vor allem WEGEN Weihnachten ändern.
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