Wie linksradikale Vereine die Kirche unterwandern
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Emanuela SutterPoledance vor dem Altar, queere Gottesdienste und antifaschistische Workshops unter dem Dach der evangelischen Kirche: In immer mehr Gemeinden der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) verschwimmen die Grenzen zwischen Glauben, Ideologie und Aktivismus. Die Initiative geht oftmals von Vereinen aus, die nicht offiziell Teil der Kirche sind. Die EKD gibt ihnen allerdings Raum. Ein Überblick.
An einer extra aufgebauten Stange neben dem Altar spreizt eine halbnackte Tänzerin ihre Beine und räkelt ihren Körper. Poledance in Kirchen? Für die EKD ist das kein Widerspruch. In der Adventszeit sorgten Stripshows in der altehrwürdigen St.-Marien-Kirche in Lübeck, der „Mutterkirche der Backsteingotik“, und in der St.-Nikolai-Kirche in Stiekelkamperfehn (Niedersachsen) für Empörung. Die Initiative ging von den Pastorinnen der jeweiligen Gemeinde aus. Beworben werden diese Veranstaltungen als „Tanzgottesdienste“.
„G*ttesdienst zum feministischen Kampftag“
Die Pastorin der St.-Nikolai-Kirche, Lisa Koens, ist selbst begeisterte Hobby-Pole-Tänzerin. Es ist nicht das erste Mal, dass Koens eine derartige Veranstaltung macht: Schon am „G*ttesdienst zum feministischen Kampftag“ am achten März gab es eine Stripshow, untermalt mit ruhiger Klaviermusik und Gesang. „Mit Anjuschkas, einer Pole Tänzerin, die die Themen Selbstwert und Mut tänzerisch performen wird“ – so lautete die Ankündigung für das Event.

Poledance im „G*ttesdienst zum feministischen Kampftag“ in der evangelisch-lutherischen Kirche St. Johannis bei Hamburg.
In Koens Predigt zum „Tanzgottesdienst“ geht es um „Befreiung“. Die Besucher sollen sich überlegen, wovon sie „befreit“ werden möchten. Später wird die Stange abgebaut und alle sind zum Tanzen aufgefordert, wie der NDR berichtet. Das Ziel solcher Gottesdienste: wieder mehr Leute in die Kirche zu locken und „Menschen einen Raum zu geben“.
EKD-Leitung sieht keinen Widerspruch zur christlichen Lehre
Was sagt die EKD zu Poledance in Gotteshäusern? „Die Gestaltung von Gottesdiensten liegt in der evangelischen Kirche in der Verantwortung der gewählten Kirchengemeinderäte“, sagt eine Sprecherin auf NIUS-Anfrage. Kirchengemeinderäte sind die ehrenamtlichen und gewählten Leitungsgremien der einzelnen Gemeinden. Sie leiten zusammen mit den Pfarrern die jeweilige Kirchgemeinde und treffen Entscheidungen über unter anderem die Gottesdienstgestaltung.
Doch stimmt ein Poledance-Gottesdienst mit der Lehre der evangelischen Kirche überein? Die EKD-Sprecherin antwortet auf NIUS-Anfrage: „Die Kirchengemeinderäte orientieren sich dabei an den entsprechenden liturgischen Ordnungen. Diese ermöglichen in Ergänzung zu den vertrauten gottesdienstlichen Komponenten wie Bibellesung und Predigt vielfältige Formen, um Spiritualität und Glauben an Gott zum Ausdruck zu bringen. Dies umfasst Gesang und musikalische Darbietungen ebenso wie Tanz oder darstellendes Spiel.“
Mitwirkung ist ehrenamtlich
Pastorin Koens verteidigt Poledance in Kirchenräumen in ihrer Predigt so: „Es ist ein Sport, der vor allem vom Patriarchat aufgebaut wurde (…) und vielleicht von Männern entwickelt.“ Heute würden Frauen sich den „Sport“ zurückerobern.
Auf die Frage, aus welchen Töpfen die Pole-Tänzerinnen bezahlt werden, antwortet die Sprecherin: „Die Mitwirkung an Gottesdiensten geschieht dabei in der Regel ehrenamtlich und unentgeltlich.“
Dutzende kleine Vereine, die in der Kirche mitmischen wollen
In den Gemeinden der EKD finden am laufenden Band Veranstaltungen und Aktivitäten statt, die vom christlichen Glauben so weit entfernt sind wie die Erde vom Mond. Vielmehr sind sie im linken, woken, feministischen, antikapitalistischen und queeren Spektrum zu verorten. Dazu zählt etwa die Segnung einer Beziehung von vier Männern, die von einer jungen Berliner Pastorin im Sommer 2025 auf einem „Pop-up-Hochzeitsfestival“ durchgeführt wurde. Auf dem EKD-Kirchentag in Hannover Ende April gab es unzählige Workshops des „Regenbogenforums“, darunter ein „Queere Tiere auf der Arche Noah“-Gottesdienst (NIUS berichtete).
Es sind also nicht nur einzelne Pfarrer und Pfarrerinnen mit dem jeweiligen Gemeindeleitungsteam, das über derartige Inhalte entscheidet. Nach Recherchen von NIUS gibt es dutzende kleine Vereine und Gruppierungen innerhalb der EKD, die eine dezidiert antikapitalistische und/oder queere Ideologie vertreten und versuchen, diese mit dem christlichen Glauben in Einklang zu bringen und sich Gehör zu verschaffen. NIUS zählt hier einige auf:
1. Regenbogenforum:
Der Verein „Regenbogenforum“, der queere Veranstaltungen auf dem Kirchentag veranstaltete, ist die Vertretung christlicher Regenbogengruppen in Deutschland. Der Verein besteht aus mehreren Mitgliedsgruppen, etwa der AG „Schwule Theologie“, der ökumenischen Arbeitsgruppe „HuK – Homosexuelle und Kirche“, „Labrystheia – das Netzwerk lesbischer Theologinnen“ oder „NkaL – Netzwerk katholischer Lesben“. Sie eint, dass sie sich für Menschen aus dem LSBTIQ*-Spektrum (lesbisch, schwul, bi, trans*, intergeschlechtlich, queer, …) einsetzen.

Programm des Regenbogenforums am Evangelischen Kirchentag 2025
2. Befreiungstheologisches Netzwerk (btn):
Das btn bezeichnet sich auf seiner Website als „ökumenisches Netzwerk aus Theologiestudierenden, theologisch Interessierten, politischen Aktivist_innen und Basisgruppen“. Es verbindet linkes politisches Engagement mit dem Glauben. Konkret: marxistische, kritische, feministische, postkoloniale, ökologisch sensible, queere Theorien und kritische Rassismus- und Weißseinsforschung mit verschiedenen theologischen Ansätzen (etwa der Theologie nach Auschwitz, Befreiungstheologien sowie feministischen, queeren, Dalit- und postkolonialen Theologien). 2020 organisierte die Gruppe ein Treffen unter dem Motto „scheiß kapitalismus“. Ihr Logo ist ein etwas angepasstes Antifa-Symbol.

Dieses an der Antifa orientierte Logo taucht immer wieder auf der Homepage und den sozialen Netzwerken des „Befreiungstheologischen Netzwerks“ auf.
Eine Veranstaltung trug den Namen „Antifaschistische Kirchen!“. Das Netzwerk leugnet die biologische Zweigeschlechtlichkeit und spricht sich gegen Schutzräume wie Toiletten oder Umkleidekabinen für Frauen aus. Die Veranstaltung „Queere Tiere auf der Arche“ auf dem vergangenen evangelischen Kirchentag wurde vom btn organisiert.
3. Bund der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands (BRSD):
Dieser Verein besteht laut ihrer Website aus „Christen unterschiedlicher Konfession, die für eine sozialistische und damit demokratische Gesellschaftsordnung eintreten“. Der Bund wurde bereits 1926 gegründet und war während des Nationalsozialismus verboten. Die „Religiösen SozialistInnen“ wollen die Marktwirtschaft überwinden und streben eine marxistische, sozialistische Gesellschaft an. Auf ihrer Homepage liest man: „Als religiöse SozialistInnen setzen wir uns ein für eine radikale und grundsätzliche Veränderung der privatkapitalistischen Gesellschaftsordnung zu einer sozialistischen Gesellschaft durch einen Prozess der Solidarisierung, Selbstbestimmung und Vergesellschaftung. Unser kapitalistisches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ist über Privateigentum an den Produktionsmitteln und ungezügelte Konkurrenz an Profitmaximierung und Warenproduktion orientiert.“
4. Queere Kirche Köln:
Der „Erprobungsraum Queere Kirche Köln“ ist eine Gemeinde für queere Personen. Da sie zur EKD gehört, wird sie von Kirchensteuern finanziert. Betreut wird die Gemeinde in der Kölner St.-Johannes-Kirche von Pfarrer Tim Lahr, der sich als queer bezeichnet und in einer Beziehung mit einem Mann lebt. Unter dem Motto „QUEER AS HELL – God is a Dj“ veranstaltet Lahr Partys in dem Kirchengebäude aus dem 19. Jahrhundert. Die „Queere Kirche“ existiert seit drei Jahren. Auf dem vergangenen Kirchentag veranstaltete sie einen Gottesdienst in Hannover.

Die „Queere Kirche“ in Köln macht Werbung auf Instagram.
Die EKD scheint jede noch so abstruse Idee willkommen zu heißen
Sieht man sich auf den Webseiten dieser queeren, sozialistischen Vereine um, hat man nicht den Eindruck, dass es sich um zeitgemäße, jugendliche, dynamische Organisationen handelt. Im Gegenteil: Auf den Bildern sind fast ausschließlich Boomer der 1968er-Generation zu sehen. Einen Hauch Sozialromantik umgibt die meisten Homepages. Man hat das Gefühl, die Mitglieder schwelgen in einer 60er-Jahre-Nostalgie und wünschen sich die „gute alte Zeit“ der linken Studentenproteste, Friedensdemonstrationen, Lichterketten und sozialen Utopien von einer vereinten Welt zurück – nur, dass diese Ideologien heute vermischt werden mit Identitätspolitik und Queer-Feminismus.
Ein Großteil dieser auf private Spenden angewiesenen Vereine gehört nicht offiziell der EKD an – bis auf das Projekt der „Queeren Kirche“. Doch die Gruppen üben Einfluss auf die Kirche aus, etwa indem sie bei Kirchentagen zahlreiche Workshops und Gottesdienste gestalten dürfen.
Die evangelische Kirchenleitung scheint damit kein Problem zu haben. Auch Poledance in Kirchengebäuden lässt sie zu, frei nach dem Motto: „Alles, was Publikum anlockt, wird abgesegnet.“ Auch hat man das Gefühl, dass es keine Hürden für die Ordinationen gibt. Dadurch dringen Personen in die Kirche ein, die ihre Ideologien nach Belieben ausbreiten können und eine Plattform für Selbstverwirklichung erhalten.
Lesen Sie auch: Wie NIUS aus dem „Queere Tiere auf der Arche“-Gottesdienst geworfen wurde
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