Wolfram Weimer wirft USA „geistigen Vampirismus“ vor und will „Google zerschlagen“
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Wer glaubt, die Frankfurter Buchmesse sei ein Ort, an dem es in erster Linie um Bücher und Literatur geht, irrt. Auch sie ist längst politischer Kampfplatz. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, ging dort auf Gefechtsstation: Am Dienstag hielt er eine düstere Rede, getrieben von einer beunruhigenden Angst vor den gegenwärtigen politischen Entwicklungen und Kräfteverschiebungen. Sie mündete in extreme Sprache, dunkle Metaphern, Zerstörungswut und Größenwahn – ein toxischer Cocktail aus German Angst. Im Kern ging es um KI-Unternehmen und die Bedrohung, die von ihnen angeblich für deutsche Schriftsteller ausgehe.
Weimer lässt eine schreckliche Zukunft heraufziehen:
„Die KI wird wahrscheinlich die Welt der Literatur und der Bücher auf ihre Weise zerfetzen, und sie wird aus den Fetzen neue digitale Welten bauen. Es ist – und erlauben Sie mir ein offenes Wort – weit dramatischer als das, was wir mit der Digitalisierung erlebt haben.“
Schon jetzt stünden die Zeichen auf Sturm:
„Auf gleichsam vampiristische Weise saugen die Unternehmen derzeit das kreative Potenzial aus unzähligen klugen Köpfen, nutzen deren Ideen und Empfindungen, ihre Schaffenskraft, ihre Visionen. Damit wird die große kulturelle Errungenschaft autonomer Kunstwerke und vor allen Dingen Bücher zur Beute. Ich benutze das Wort ganz bewusst. Ich halte das für einen geistigen Vampirismus. Und er trifft die Literatur.“
Weimers schroffe Worte fanden bereits ihren Weg ins Weiße Haus
Die „vampiristischen“ Unternehmen haben Namen und Adresse: Es sind die „Rechenzentren von Silicon Valley“, mit deren Hilfe amerikanische Konzerne sich auf einen „Raubzug“ durch Deutschland machten. Das Land der Dichter und Denker, bedroht von imperialer, transatlantischer Gewalt?
Es sind schroffe Worte, die bereits über den Atlantik hallten – bis ins Weiße Haus, wo sie nicht gut ankamen. Richard Grenell, einer der einflussreichsten Diplomaten der USA, schrieb auf X:
„Einer der vertrauenswürdigsten Berater des deutschen Bundeskanzlers greift amerikanische KI-Unternehmen öffentlich an. Sein Name ist Wolfram Weimer, und er bezeichnet US-Unternehmen als ‚digitale Kolonialisten‘, die eine ‚Industrie des organisierten Raubes‘ seien.“
Auch Grenell formuliert hart:
„Es handelt sich um einen massiven Angriff auf die gesamte digitale Industrie der USA mit dem ultimativen Ziel, sie in Europa lahmzulegen.“
Dabei klingt das Motto der diesjährigen Buchmesse eigentlich nach verträumtem Lesekreis: „Fantasie beseelt die Luft“ – ein Zitat aus dem Roman Noli me tangere des philippinischen Nationalhelden José Rizal. Wie Journal Frankfurt schreibt, wurde das Werk „zur Zeit des Kolonialismus verfasst, um die Ungerechtigkeiten der herrschenden Regierung aufzudecken“. Wichtig zu wissen: Die Philippinen sind 2025 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse.
In „Zeiten großer Krisen“, so die philippinische Senatorin Loren Legarda, bleibe „die Fantasie als Eskapismus“. Ihre Pointe: „Die Fantasie ist die schärfste Waffe. Die Kolonialherren hatten keine Angst vor Waffen, sondern vor Ideen.“
Und eben diese Kolonialherren, so scheint Weimers Subtext, bedrohen nun Deutschland – in Gestalt von Big Tech und KI-Unternehmen.
Ist Wolfram Weimer von Correctiv-Chef David Schraven inspiriert?
Diese Ängste haben im NGO-Milieu einen prominenten Vertreter – und könnten Weimer durchaus inspiriert haben. David Schraven, Chef des sogenannten „Faktencheck“-Outlets Correctiv, hat sein Karrierehoch als Partner von Facebook, das Correctiv „regulierte“, längst hinter sich – und blickt seit Monaten panisch über den Atlantik:
„Ich glaube, wir sind in das Zeitalter des Imperialismus und Kolonialismus eingetreten“, so Schravens düstere Worte in einem Podcast. „Wir werden dauerhaft in Abhängigkeiten gesteckt und gestellt – von KI angefangen bis zur Chipproduktion mit allem, was dazugehört“, fürchtet er.
Wer den Podcast hört, erlebt einen Ritt, so wild, dass man seinen Ohren kaum traut:
„Kolonialmächte nehmen sich Kolonien, und wir haben ja immer gedacht, wir sind die Mittler. Nein, wir sind die Beute – und das seit Jahren. Und wir haben uns nicht verhalten, als wären wir angegriffen worden. Wir haben immer gedacht, wir lavieren uns da irgendwie raus. Wir haben gedacht, irgendwie kriegen wir schon wieder die Friedensdividende. Nee, nein, wir sind die Beute“, bilanziert Schraven.

Deutsche in Angst: David Schraven (links) fürchtet, von den USA kolonisiert zu werden.
Ganz im Einklang mit Weimer, der über KI-Unternehmen behauptet, sie machten sich deutsche Kunst und Schaffenskraft „zur Beute“.
Schraven „hätte nie gedacht, dass die Amerikaner sich mit den Russen gegen uns verbünden“ – eine Allianz, die „schon stark genug [sei], uns fertig zu machen“. Wenn die USA sich zurückzögen, „wird das passieren“. Dann, sagt er, gehe alles ganz schnell:
„Man muss ja keine Territorialoffensive in Deutschland haben. Dazwischen haben wir zum Glück noch die Polen (!). Aber die müssen nur das Baltikum überfallen. Die Chinesen müssen nur sagen: ‚Okay, wir nehmen uns Taiwan‘. Dann ist es durch. Dann sind wir Kolonie.“
Und das ist nicht seine einzige Angst. Schraven glaubt sogar, die US-Republikaner würden die AfD unterstützen, um sie als „Kolonialverwaltung“ einzusetzen.
Man darf nicht vergessen: Der Mann, in dessen Kopf es so spukt, leitete in Deutschland jahrelang eine Organisation, die mit ihren „Faktenchecks“ in die Zensur von Social-Media-Inhalten eingebunden war.
Deutschland: abgehängt, panisch, aggressiv
Die ökonomischen Hintergründe, die Weimer freilich nicht anspricht, liegen auf der Hand. Deutschland und Europa sind wirtschaftlich abgehängt, weil ihre Apparate seit Jahren eine autoritäre Planwirtschaftspolitik verfolgen, die sie mit rigorosen Abgaben und Verschuldung finanzieren – im Namen von Weltrettungszielen wie „Klimaneutralität“. Weimers Rede spiegelt diese kreative und ökonomische Unterlegenheit: ein bürokratisch überwucherter Kontinent, der Innovation und Schaffenskraft eher einhegt als entfaltet.
Wenn man schon in Metaphern von „Blutsaugern“ spricht – die auf eine düstere deutsche Tradition verweisen –, dann wäre „Vampirismus“ eher einem NGO-Staat vorzuwerfen, der die höchsten Steuereinnahmen der Geschichte erzielt und dennoch die Schuldenbremse aufhebt.

Auf der Frankfurter Buchmesse nicht willkommen: das Buch „Der NGO-Komplex“ von NIUS-Redakteur Björn Harms.
Für Weimer ist indes klar: Wegen Künstlicher Intelligenz würden „ganze Kulturen zu Rohstofflieferanten degradiert und schamlos ausgebeutet“.
„Ich nenne das digitalen Kolonialismus, den wir nicht länger hinnehmen sollten.“
Heißt im Klartext: Weimer ruft zum antikolonialen Widerstand gegen Amerika auf – ein Amerika, das ihm nicht als freier Westen erscheint, sondern als imperiale Macht, die Deutschland auszubeuten droht.
Mit Rilke Google zerschlagen
Weimer sucht heute Schutz in der Frankfurter Buchmesse, die er einen „Schutzraum“ nennt – also einen Safe Space gegen den aus Amerika drohenden Kolonialismus.
Aus diesem Schutzraum holt er schließlich zum Angriff aus – mit Rilke:
„Je weiter ich lebe, desto nötiger scheint es mir auszuhalten, das ganze Diktat des Daseins bis zum Schluss nachzuschreiben. Denn es möchte sein, dass der letzte Satz, der letzte Satz, jenes kleine, vielleicht unscheinbare Wort enthält, durch welches alles mühsam Erlernte und Unbegriffene sich gegen einen herrlichen Sinn hinüberkehrt.“
Weimer kommentiert: „Diese letzten Worte wird eine Maschine nie finden. Darum lasst uns Google und Co einhegen, besteuern, zum Respekt vor Urhebern zwingen, nötigenfalls zerschlagen. Wir sollten aber nicht vor Angst verzagen, sondern mehr Rilke wagen.“
Man fragt sich nur: Wie, um Himmels willen, will der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien Wolfram Weimer Google zerschlagen?
Damit ist diese Geschichte im Wesentlichen erzählt. Abschließend noch ein paar feuilletonistische Bemerkungen für philosophische Feinschmecker.
Ein Möchtegern-Adornit auf heideggerischen Pfaden
Weimer inszeniert sich in seiner Rede als Intellektueller, der scheinbar spielend mit den Größen der Philosophiegeschichte umgehen kann. Doch bei näherem Hinsehen ist er nicht wirklich firm.
Er stützt sich auf Adornos Begriff der „Kulturindustrie“, mit dem dieser „prognostiziert“ habe, „dass alles am Ende in einem trivialen Ramschladen der Warenhaftigkeit endet“. Adorno, so Weimer, habe zwar Unrecht gehabt, aber doch einen Punkt gehabt. Denn die KI-Entwicklung, so Weimer weiter, „vernichtet den Gestus der individuellen künstlerischen Selbstvergewisserung“, indem sie das Individuelle „einebnet und auswertet“. Dadurch würden „wir vielleicht nur noch affirmative Werke lesen, oder sie werden zumindest den Markt dominieren – und das erzeugt einen Fortschritt der Dialektik, der Probleme aufwirft.“
Nun ist Adorno der Autor der Dialektik der Aufklärung, nicht der Aufklärung der Dialektik. Weimer meint vermutlich eine „Dialektik des Fortschritts, die Probleme aufwirft“. Im Geiste Adornos wäre es immerhin, den technologischen Fortschritt selbst zu problematisieren – als einen, dessen innere Widersprüche (seine Dialektik) Rückschritte hervorbringen, die gerade nicht fortschrittlich sind. Weimars Kulturpessismus und Technikfeindlichkeit liegen dagegen eher in der Tradition Heideggers – auf ihn hätte er sich beziehen sollen.
Dass Weimer sich mit Denkern schmückt, in deren geistige Heimat er sich kaum auskennt, zeigt sich auch an seinem Kunstbegriff – der Adornos Denken geradezu widerspricht. Wenn Weimer schwärmt, in der „Schönheit der Sprache“ liege „die Magie der Kunst, der Eigentlichkeit“, dann scheint ihm entgangen zu sein, dass Adorno ein Buch mit dem Titel Jargon der Eigentlichkeit schrieb – eine Kritik genau jener Sprache, in der auch Weimers Rede gehalten ist.

Adorno war kein Ideologe, sondern Kritiker der Eigentlichkeit.
Unter „Eigentlichkeit“ versteht Adorno das Zelebrieren des Echten, Authentischen, Innerlichen gegenüber dem als bloß scheinhaft, künstlich oder oberflächlich Abgewerteten. Adorno war kein Ideologe des Authentischen, sondern Kritiker dieser Haltung. Wer Adorno anführt und zugleich in Pathos badet, vereinnahmt ihn. Weimer schreibt von „Autoren, die um jede Zeile gerungen haben, deren gesamte Existenz manchmal um das geschriebene Wort kreiste. Die sich selber eingebracht haben, ihre Lebensleistung, ihre kreative Energie, auch ihre Krisen und Zweifel.“
Für Adorno jedoch war das Kunstwerk gerade nicht Ausdruck individueller Leidenschaft. In seiner Ästhetik spielt die Selbstverwirklichung des Künstlers keine Rolle. Die „Autonomie des Kunstwerks“ liegt für ihn nicht in seiner „Eigentlichkeit“, sondern in seiner Eigengesetzlichkeit (Synonym von „Autonomie“).
Ein Kunstwerk, so Adorno, hat eine eigene Formsprache zu entwickeln, die die Wirklichkeit nicht bloß verdoppelt, sondern ihr etwas entgegensetzt, das über sie hinausweist. Nach diesem Maßstab wäre die heutige Buchmesse für Adorno wohl ein einziges Spektakel des Konformismus.
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Felix Perrefort
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