VIPs, Macht, Angst – wie ein Netzwerk Schweigen kaufte und warum das nach Spionage riecht
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Hier kommen Sie zum zweiten Teil der Epstein-Serie
Nach Monaten der Verzögerungen und Ausflüchte hat Präsident Donald Trump die sogenannten „Epstein Files“ veröffentlicht – oder zumindest einen beträchtlichen Teil davon. Die jüngste Veröffentlichung des U.S. Department of Justice umfasst mehr als drei Millionen Seiten, darunter viele E-Mails von und an Jeffrey Epstein, den wohlhabenden Pädophilen, der 2019 in Bundesgewahrsam unter bis heute rätselhaften Umständen starb.
Die umfangreichen Schwärzungen in den Dokumenten werfen zwangsläufig Fragen auf – auch deshalb, weil solche Auslassungen eher den Schutz reicher und mächtiger Täter zu bezwecken scheinen als den der Opfer. Politischer Druck hat die Trump-Regierung dazu gebracht, Mitgliedern des Kongresses Einsicht in ungeschwärzte Akten zu gewähren. Wann und ob die Öffentlichkeit diese Versionen zu sehen bekommt, ist hingegen völlig offen.
Unabhängig davon liefert dieser riesige Aktenberg in schmutzigen Details das, was im Kern bereits bekannt war. Die grundlegende Geschichte bleibt dieselbe: Jeffrey Epstein, ein extrem wohlhabender Mann mit Kontakten zu Spitzen-VIPs weltweit, verschleppte und missbrauchte über längere Zeit hinweg junge Frauen sexuell, viele von ihnen minderjährig. Einige sollen erst neun Jahre alt gewesen sein. Das war Kindesmissbrauch im industriellen Maßstab – begangen mit Unterstützung von Ghislaine Maxwell, Epsteins Freundin und rechter Hand, die bis heute die einzige Person ist, die wegen ihrer Rolle in diesem Skandal im Gefängnis sitzt. Die Zahl der Opfer geht mindestens in die Hunderte; die Akten deuten zudem auf besonders enthemmte Sexualverbrechen hin, die Epstein, Maxwell und Leute aus ihrem Umfeld begangen haben sollen.

Epstein mit seiner „rechten Hand“ Ghislaine Maxwell
Die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich vor allem auf diese abscheulichen Taten, während die politischen Folgen von Epsteins Machenschaften erst anfangen, spürbar zu werden. Präsident Donald Trump wird den Skandal trotz früherer freundschaftlicher Kontakte zu Epstein überstehen – manche seiner Vertrauten möglicherweise nicht. Es ist inzwischen ein globaler Skandal. In Großbritannien gerät die Regierung von Premierminister Keir Starmer wegen Verbindungen mehrerer Labour-Größen zu Epstein unter Druck. Andrew Mountbatten-Windsor, früher Prinz Andrew, wurde wegen seiner verächtlichen Beziehung zu Epstein nicht nur aus dem engeren Kreis der Royals verbannt; er sieht sich nun auch polizeilichen Ermittlungen gegenüber – und sein Bruder, King Charles III, scheint ihn nicht länger zu schützen.

In den Akten: Fotos des früheren britischen Prinzen Andrew mit einer unkenntlich gemachten, auf dem Boden liegenden Person.
Der Epstein-Skandal wirft ein unangenehmes Licht auf die kriminellen Exzesse von Eliten weltweit – von Europa über Asien bis in den Nahen Osten. Epstein bewegte sich in einem riesigen Kreis von Freunden und Kontakten, einem Who’s who globaler VIPs. Viele von ihnen hatten mit den Sexualverbrechen des toten Mannes nichts zu tun – aber einige offenbar schon. Und mehr als nur wenige müssten gewusst haben, was lief.
Das Rätsel um Epsteins Vermögen
Doch das zentrale Rätsel, das über dem Epstein-Komplex schwebt, betrifft weniger die Sexualverbrechen als die Frage, wie Epstein – ein Mann aus eher bescheidenen Verhältnissen – scheinbar aus dem Nichts in die abgeschotteten Zirkel der Superreichen aufstieg. Die erste Frage lautet deshalb: Woher kam Epsteins riesiges Geld? Er gab sich als Milliardär oder Fast-Milliardär aus, mit palastartigen Immobilien in Manhattan und in der Karibik, Privatjet und allem, was dazu gehört. Gleichzeitig hatte er keinen klar erkennbaren Beruf – und offenbar unbegrenzt Zeit, um Mädchen zu vergewaltigen und mit Oligarchen über Wissenschaft zu reden.
Epstein stellte sich der globalen Elite als Finanzgenie dar. Bekannt ist jedoch nur ein einziger großer Kunde: der Milliardär und Mode-Magnat Les Wexner, zu dem er ein sehr enges Verhältnis gehabt haben soll. Epstein hatte seit Mitte der 1980er Jahre keine Broker-Lizenz mehr – und hinterließ an der Wall Street praktisch keine Spuren. Wie er zu seinem Vermögen kam, bleibt ein Rätsel. Eine jüngere Tiefenrecherche der New York Times liefert Hinweise: Sie zeichnet Epstein in den 1980ern als hungrigen Aufsteiger, als geschickten Betrüger, der sich mit fragwürdigen Methoden in die Finanzelite hineingearbeitet habe.

Milliardär und Mode-Magnat Les Wexner
War Epstein ein Geheimdienst-Agent?
Aus dieser offenen Finanzfrage ergibt sich die zweite, noch größere Frage: Für wen arbeitete Epstein? Ein zentraler Punkt in diesem Skandal ist, dass Epstein nicht nur eine Person war, sondern eine Art Organisation. Wer über längere Zeit viele junge Frauen missbraucht und verschleppt, macht sich Feinde. Nicht jedes Opfer bleibt still. Vergewaltigte Mädchen haben Familien und Freunde. Wer hielt sie jahrzehntelang ruhig? Das kann kein einzelner Mann allein – selbst wenn er reich ist. Solche Verbrechen dauerhaft zu vertuschen, braucht Helfer. Helfer, die bereit sind, Gewalt anzuwenden. (An dieser Stelle sei angemerkt, dass einige von Epsteins Opfern verschwunden zu sein scheinen; außerdem halten sich Gerüchte, Epstein habe Foltervideos gesammelt und sogar Snuff-Filme mit sexuellen Morden.) Den Opfern ist klar gewesen, dass ihnen schlimme Konsequenzen drohen würden, wenn sie gegen Epstein und Maxwell aussagten.
Der „Elefant im Raum“ ist dabei die Rolle von Geheimdiensten. Weil die meisten Menschen nicht wissen, wie die Welt der Spione im echten Leben funktioniert – jenseits von Filmen –, erkennen sie nicht, was für Insider offensichtlich ist. Das entscheidende fehlende Puzzleteil im Epstein-Skandal ist Spionage, und man braucht den Blick der Spionageabwehr, um das zu erkennen.
Ich habe im Bereich der Spionageabwehr – also der Aufdeckung und Bekämpfung feindlicher Spionage – für die National Security Agency (NSA) und andere US-Geheimdienste gearbeitet, unter anderem bei sensiblen NATO-Geheimdienstmissionen. Von dem Moment an, als Mitte 2019 der Epstein-Skandal bekannt wurde und er wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger festgenommen wurde, war der Geruch von Spionagespielen deutlich wahrzunehmen.
Fast unmittelbar darauf trat der damalige Arbeitsminister Alexander Acosta zurück, nachdem bekannt wurde, dass er 2008 als führender Bundesstaatsanwalt in Florida einen extrem milden Deal für Epstein in einem Sexualstrafverfahren eingefädelt hatte. Ein solcher „Sweetheart Deal“ war erstaunlich – auch, weil Acosta angeblich gesagt haben soll, er sei deshalb so nachsichtig gewesen, weil ihm hochrangige Justizbeamte in Washington mitgeteilt hätten, Epstein „gehöre zum Nachrichtendienst“. Acosta bestreitet diese Aussage inzwischen, doch nur die wenigsten finden seine Kehrtwende überzeugend.

Der frühere US-Arbeitsminister Alexander Acosta
Epstein genoss das Vertrauen der Mächtigen
Zu welchem Nachrichtendienst gehörte Epstein? Um das zu erklären, muss man reale Spionage verstehen – und zuerst die James-Bond-Fantasien entsorgen. Epstein war kein „Spion“ im 007-Sinn. Er nahm nicht an konspirativen Treffen unter dunklen Brücken oder heimlichen Übergaben beim Joggen teil. Er war vielmehr das, was Profis einen „Access Agent“ nennen: jemand, der Beziehungen zu hochrangigen Zielpersonen herstellt. Epsteins Wert für jeden ernstzunehmenden Geheimdienst war enorm – angesichts seiner freundschaftlichen Kontakte zu hunderten globalen VIPs aus allen Bereichen, darunter Prinzen, Premierminister und Präsidenten. Er konnte Menschen leicht um den Finger wickeln – und falls das nicht reichte, griff er auf kompromittierendes Videomaterial zurück, das er bei sexuellen Eskapaden in seinen Häusern aufgenommen hatte.
Mit den Augen der Spionageabwehr tritt Epsteins Netzwerk klarer hervor: Er war ein verdorbener Mann, der sich bei den Reichen und Mächtigen der Welt einschmeichelte – im Dienst mehrerer Geheimdienste aus verschiedenen Ländern. Ein Unternehmer mit Geheimnissen von besonders verstörendem Ausmaß.
Der derzeitige Fokus auf Epsteins sexuelle Abgründe sollte nicht darüber hinwegtäuschen, wie einflussreich er im Hintergrund war. Der Studienabbrecher Jeffrey Epstein hatte ständig VIP-Besuch und schien jeden zu kennen. Als Bill Burns, einer der wichtigsten US-Diplomaten, 2014 aus dem Außenministerium ausschied und Karriereberatung suchte, wandte er sich ausgerechnet an Epstein. Burns wurde später unter Präsident Joe Biden Direktor der Central Intelligence Agency (CIA). 2015 benötigte auch der Sohn des ehemaligen Präsidenten des Senegal, der wegen Korruption mit Haft bedroht war, Hilfe – und wandte sich statt an klassische Lobbyisten lieber an Epstein.
Wie Epstein auf so unwahrscheinliche Weise zum bevorzugten Problemlöser globaler Eliten werden konnte, während er gleichzeitig in großem Stil Sexualverbrechen beging, lässt sich anhand seines offiziellen Lebenslaufs kaum erklären. Eine Erklärung dafür liefert nur sein verborgenes Leben im Bereich der Geheimdienste. Genau das wird diese Serie erstmals näher beleuchten.
John R. Schindler diente bei der NSA als Senior Intelligence Analyst und Counterintelligence Officer.
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