Diskussion um Epstein-Files: Warum man die Pizzagate-Spuren unbedingt ernst nehmen muss
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„Pizzagate“ war eine 2016 im Umfeld des US-Wahlkampfs verbreitete Theorie, derzufolge ein Pädophilenring aus einem Pizza-Restaurant in Washington betrieben worden sei, und das im weiteren Umfeld der US-Demokraten. Mit der Veröffentlichung der Epstein-Files kehrt diese von vielen als erledigt betrachtete Diskussion nun zurück. Denn: In den nun veröffentlichten Files taucht wieder eine offenkundig codierte Sprache zurück, in deren Zentrum das Wort „Pizza“ steht. Damit kommen begründete Zweifel daran auf, was seit 2016 in den meisten Medien dogmatisch behauptet wurde: dass „Pizzagate“ ein Paradebeispiel einer digitalen Verschwörungserzählung ist, die man angeblich nicht ernst nehmen muss.
Auch in den nun veröffentlichten E-Mails taucht immer wieder der Code „Pizza“ auf, wie die nachfolgenden Beispiele zeigen. In einer heißt es: „Alarm – bestell eine Pizza für Bobby Slayton.“

Um Pizza wird es hier wohl kaum gehen.
In einem weiteren aktuellen Beispiel gibt der Verfasser indirekt zu, dass hier Codewörter verwendet werden: „Lass uns wieder Pizza essen und Traubenlimonade trinken gehen. Niemand sonst kann es verstehen.“

Für was steht „Chinese cookie“?
Häufig geht es auch um ganze „Pizza Partys“:

Was ist eine Pizza-Party? Geht es hier wirklich um Essen?
Die folgende E-Mail gibt einen Hinweis darauf, worum es dabei tatsächlich gehen könnte. Man beachte die Betreffzeile: Erst geht es um ein „tolles kleines Mädchen“, das „tanzt“, anschließend um eine „großartige Pizza Party“, nach welcher der Absender ausschlief – und dann fragt: Wie war deine Nacht?

„Die Pizza Party war großartig! Wir hatte eine Menge Spaß.“
Um diese neu aufgetauchten E-Mails soll es im folgenden Dossier aber nicht gehen. Sie belegen lediglich, dass der Pizza-Code virulent bleibt. Stattdessen geht NIUS der ursprünglichen Pizzagate-Theorie aus dem Jahr 2016 nach, also allen Indizien, die seinerzeit diskutiert wurden.
Aus der Luft gegriffen war es nie
Dass organisierte sexuelle Gewalt gegen Kinder und verdeckte Netzwerke keine bloßen Hirngespinste sein müssen, zeigt die Geschichte realer Kriminalfälle. Der belgische Fall Marc Dutroux in den 1990er Jahren offenbarte ein Milieu aus einem Mix versagender staatlicher Behörden, möglichen mächtigen Mitwissern und bis heute umstrittenen offenen Fragen.

Bleistiftzeichnung des verurteilten Kinderschänders Marc Dutroux
Rund um den Prozess kursierten zahlreiche Berichte über ungeklärte Todesfälle – das ZDF spricht von 27 während des Prozesses verstorbenen Zeugen – sowie von Verdachtsmomenten finanzieller und organisatorischer Hintermänner: Behauptungen, die teils dokumentiert, teils bestritten, aber nie vollständig aus dem öffentlichen Diskurs verschwanden.
Der folgende Text breitet die damalige Pizzagate-Indizienlage aus. Dabei wird in großen Teilen auf Recherchen des Youtubers Chayse zurückgegriffen.
Wie alles begann
Der Ausgangspunkt der damaligen Debatte waren die auf WikiLeaks veröffentlichten E-Mails aus dem Umfeld von John Podesta. Mehrere Nachrichten fielen Beobachtern wegen ihres ungewöhnlichen Sprachgebrauchs auf. Besonders häufig zitiert wird eine E-Mail, in der es heißt: „The realtor found a handkerchief. I think it has a map that seems pizza related. Is it yours?“ Später folgt die Ergänzung: „I just came from checking the field house and I have a square cloth handkerchief, white with black, that was left on the kitchen island. Happy to send it via the mail if you let me know where I should send it.“

Was könnte eine „pizza-assoziierte Karte“ sein?
Weitere E-Mails sorgten damals für ähnliches Stirnrunzeln. In einer Nachricht heißt es zunächst noch harmlos: „Lo and behold, instead of pasta and wonderful sauces, it was a lovely, tempting assortment of cheeses. Yummy.“ – also: Statt Pasta und Soßen habe es eine verlockende Käseauswahl gegeben. Der eigentliche Irritationsmoment folgt jedoch im Nachsatz: „P.S. Do you think I’ll do better playing dominos on cheese than on pasta?“

Besonders der letzte Satz wirft Fragen auf.
Wörtlich übersetzt lautet die Frage: „Glauben Sie, ich spiele Domino besser auf Käse als auf Pasta?“ Leser fragten sich, was dieser Satz konkret bedeuten soll. Die Kombination aus Essen und Domino-Spiel ergibt im Alltagsenglisch keinen klaren Sinnzusammenhang. Es wird nicht der einzige Satz bleiben, der nach Code klingt.
„Willst du eine Stunde lang Pizza essen gehen?“
In einer weiteren E-Mail taucht erneut eine Formulierung auf, die im Alltagsgebrauch ungewöhnlich wirkt. Ein Absender fragt John Podesta: „Would you love to get a pizza for an hour?“ Wörtlich übersetzt hieße das: „Möchtest du für eine Stunde eine Pizza kriegen?“ oder freier: „Willst du eine Stunde lang Pizza essen gehen?“ Auch im Deutschen wäre eine solche Zeitangabe in Verbindung mit einer Pizza ein merkwürdiger Zusatz. Man verabredet sich zum Essen – aber man quantifiziert selten die Dauer des Pizzaessens.

Immer wieder begegnet einem ein merkwürdiger Sprech im Zusammenhang mit Pizza.
Tamera Luzzatto, um die es nachfolgend gehen wird, steht in engem Zusammenhang mit Hillary Clinton. Luzzatto ist Parteispenderin der Demokraten und Aktivistin und sozial mit John Podesta und dessen Umfeld verbunden. Podesta hatte wiederum die erklärungsbedürftigen E-Mails bekommen, die oben bereits beschrieben wurden, etwa mit der Formulierung „pizza-related map“. In der folgenden E-Mail geht es nun um die Ankündigung eines möglicherweise harmlosen, möglicherweise erklärungsbedürftigen Badens.
Luzzatto schreibt: „Our Gang's visit to the farm in Lovettsville. And I thought I'd share a couple more notes: We plan to heat the pool, so a swim is a possibility. Bonnie will be Uber Service to transport Ruby, Emerson, and Maeve Luzzatto (11, 9, and almost 7) so you'll have some further entertainment, and they will be in that pool for sure.“

7- bis 11-jährige Kinder im Pool: „für eure Unterhaltung“.
Kritiker der Pizzagate-Deutung weisen allerdings darauf hin, dass private E-Mail-Kommunikation oft einen eigenwilligen, scherzhaften oder gruppenspezifischen Ton annimmt. Freundeskreise entwickeln interne Running Gags, absurde Metaphern oder absichtlich kryptische Ausdrucksweisen, die Außenstehenden sinnlos erscheinen. Linguisten sprechen hier von „ingroup language“ – einer sozialen Codesprache, die nicht notwendigerweise eine kriminelle Bedeutung hat, sondern Zugehörigkeit signalisiert.
Die entscheidende Frage ist daher: Handelt es sich um einen harmlosen privaten Individualsprech – oder um systematisch wiederkehrende Begriffe, die eine zweite Bedeutungsebene haben? Der Text der E-Mails allein liefert darauf keine eindeutige Antwort. Doch er steht nicht für sich allein.
„Raw and uncut“: Bilder bei Evie’s Crib
In ein dubioses Licht geraten diese Zeilen vor allem aufgrund einer Website, die Luzzatto offenbar betrieben hatte. Sie trug den Titel „Evie’s Crib“ und die Überschrift: „Evelyn wird groß, bald ist sie die Königin der gesamten USA. Jetzt, nur für kurze Zeit, können Sie Zeit mit ihr online verbringen – unverfälscht und ungeschnitten [raw and uncut]. Nutzen Sie diese Gelegenheit, denn in Zukunft wird sie über Leben und Tod entscheiden.“ Es ist eine Sprache, die eher an Pornografie erinnert und die man nicht bei einem Album voller Familienfotos erwarten würde. Gezeigt wurde ein Foto von Luzzatto mit vier Kindern.

Diese Seite verschwand schnell von der Bildfläche.
Doch das waren nicht die einzigen verstörenden Elemente. Die einzelnen Bereiche waren mit Unterkategorien versehen, etwa:
- „malpractice“ – Fehlverhalten, Missbrauch
- Parental Manipulation – Manipulation durch Eltern
- Psychopath
- Public intoxication

Seltsame Kategorien für eine Seite für Baby-Fotos.
Weitere Bilder sind bestenfalls geschmacklos, wenn nicht an der Grenze zur Illegalität. Auf einem heißt es „Naked Time!“ Und im Bildkommentar: „Die ungeschnittene Version dieses Fotos ist nur für Premium-Abonnenten verfügbar.“
Wem möchte man es verdenken, da ernsthafte Fragen zu stellen?

„Unzensierte Version dieses Bildes“ heißt es in der Bildunterschrift.
Das creepy Instagram-Profil des Pizzaladen-Besitzers
Damit zum Zentrum der Pizzagate-Theorie, dem Comet-Pizzaladen, der von James Alefantis betrieben wird. Alefantis wird vom Magazin GQ unter den 50 mächtigsten Menschen Washingtons geführt. Wer die Beschreibung liest, erkennt schnell, dass er eine Art King of the Woke ist:
„Liberale Mittzwanziger in Khakihosen trinken Bier und essen Pizza im Comet Ping Pong, das Alefantis gehört. Etablierte Progressive speisen und trinken nebenan im ebenfalls von Alefantis betriebenen Buck's Fishing Camping. Alefantis ist außerdem Vorstandsvorsitzender von Transformer, der Galerie für zeitgenössische Kunst, die das Smithsonian für die Entfernung einer für Rechte anstößigen Installation in Verruf brachte. Wenn es um radikalen Chic in Washington geht, ist Alefantis unübertroffen. Wer ihn nicht kennt, hat etwas verpasst.“
Gleichwohl wirft sein Instagram-Profil viele Fragen auf. Zahlreiche Kinder tauchen darin auf, von denen niemand sagen kann, wo sie eigentlich herkommen; er lebt in einer homosexuellen Beziehung, Kinder haben sie keine adoptiert. Hinzu kommt, dass die Fotos auf fragwürdige Weise kontextualisiert sind. Das folgende Bild zeigt ein Foto eines Kindes, das man mit Klebeband gefesselt hat, während im Hintergrund Tischtennis gespielt wird. Versehen ist es mit dem Hashtag #carisjames.

Screenshot eines Posts aus Alefantis’ Instagram.
Der Hashtag #carisjames taucht auf einem weiteren Foto auf, das ein Baby zeigt, das in ein Bündel von Euroscheinen beißt.

Screenshot eines Posts aus Alefantis’ Instagram.
Es mag reiner Zufall sein, aber die Privatinsel von Jeffrey Epstein heißt Little Saint James. Epstein wurde zwar nicht wegen pädophiler Handlungen, also – der medizinischen Definition von Pädophilie gemäß – Straftaten gegen vorpubertäre Kinder verurteilt, sondern wegen Sex Trafficking (sexueller Ausbeutung und Handel) mit minderjährigen Mädchen, die bereits die Pubertät erreicht hatten – soweit das öffentlich zugängliche Bildmaterial und die Gerichtsakten dies erkennen lassen. Dennoch ergibt sich hier eine Spur. Hinzu kommt, dass erst kürzlich ein Foto aufgetaucht ist, auf dem neben der verstörenden Darstellung einer jungen Frau auch ein nacktes Baby auf einem Gemälde zu sehen ist.

Aus den Epstein-Files – oben links ein Gemälde mit einem nackten Kind: U.S. Department of Justice.
Für sich genommen mögen solche Einzelfunde wenig aussagekräftig oder erklärungsbedürftig wirken – in der Gesamtschau jedoch werfen sie durchaus Fragen auf. Wie das folgende Bild, das sich ebenfalls auf James Alefantis’ Instagram-Seite fand. Es zeigt eine Babypuppe, auf der steht: „Deutsches Baby 1.200 Dollar – bitte nicht berühren.“ Alefantis kommentiert dazu: „Viel zu überteuert.“

Screenshot eines Posts aus Alefantis’ Instagram.
Ein weiteres Foto zeigt einen jungen Mann mit einem kleinen Kind. Durch den Hashtag #chickenlovers verlieh Alefantis dem Bild eine sexuelle Note.
Im schwulen Slang bezeichnet „chicken“ junge Männer – oft sehr junge –, die als Objekt sexueller Anziehung gesehen werden. Die Anspielung könnte sich auf den jungen Erwachsenen beziehen und nicht auf das Kind; eindeutig ist das nicht. Unabhängig davon fällt auf: Der „woke“ Inhaber des Comet Ping Pong spielt auf eine auffallend sorglose und fragwürdige Art mit solchen sexuell aufgeladenen Andeutungen.

Screenshot eines Posts aus Alefantis’ Instagram.
Doch es wird noch beunruhigender. Im November 2016 wurde ein versteckter Online-Bereich auf der Seite von cometping Gegenstand von Online-Diskussionen.

Dieser Bereich war passwortgeschützt ...
Dieser fand sich in einem Bereich wieder, der reihenweise verschlüsselte Datenpakete zum Download bereithielt. Alle mit einem je eigenen Passwort versehen. Während sich die eine Seite fragte, wozu ein Pizzaladen einen Members-Only-Bereich benötigt, wiesen andere auf ein durchaus plausibles Erklärungsmodell hin: dass es sich schlicht um einen technisch schlecht abgesicherten Backend-Ordner handeln könnte – etwa einen internen Upload-Bereich eines Content-Management-Systems, einen Dateiablageordner eines Webdesigners oder ein automatisch erzeugtes Serververzeichnis für Kunden- oder Liefermaterial.

Was verbarg sich hinter diesen Datenpaketen?
Verteidiger Alefantis’ argumentieren, dass Social-Media-Accounts von Künstlern, Gastronomen und Galeristen häufig bewusst provokante, absurde oder geschmacklich grenzwertige Bilder zeigen. In subkulturellen Kunstmilieus wird Schockästhetik teilweise als Stilmittel eingesetzt. Was für Außenstehende sexualisiert wirkt, kann innerhalb bestimmter Szenen als ironisch, dadaistisch oder performativ gemeint sein. Eine Anfrage von NIUS, in der Alefantis Gelegenheit zur Stellungnahme zu seinem Instagram-Profil erhielt, blieb unbeantwortet.
Die Liste merkwürdiger Zufälle hat an dieser Stelle noch kein Ende gefunden. In unmittelbarer Nähe von Comet befand sich seinerzeit ein anderer Pizzaladen: Besta Pizza. Dessen Logo sorgte für Aufsehen, nachdem Internetnutzern aufgefallen war, dass es gravierende Ähnlichkeit mit einer Liste von Symbolen aufwies, die das FBI zuvor veröffentlicht hatte. Mit dieser Liste wies das FBI darauf hin, mit welchen Symbolen Pädophile miteinander kommunizieren. Mittlerweile scheint sie offline genommen zu sein, sie kursiert allerdings noch im Netz. Umstritten ist, ob die im Internet kursierende Symbol-Liste tatsächlich ein offiziell veröffentlichtes FBI-Dokument darstellt oder aus einem internen Schulungsmaterial stammt, dessen Kontext verloren ging.
Das Triangel-Symbol soll jedenfalls das Begehren nach Jungen symbolisieren.

Diese FBI-Klassifikationen kursieren heute noch.
Dieses Symbol fand sich nun – schräg versetzt, aber deutlich erkennbar – auf dem Logo von Besta Pizza. Der Laden änderte es später.

Das „Boy Lover“-Symbol im Markenlogo von Besta Pizza.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die „pizza-assoziierte Karte“ an Bedeutung, die laut den geleakten E-Mails auf ein Taschentuch gezeichnet gewesen sein soll. Es überrascht daher kaum, dass viele Menschen sich fragten, ob diese Pizzaläden in irgendeiner Form mit illegalen sexuellen Aktivitäten in Verbindung standen.
Zeit für einen neuen Blickwinkel
Zweifellos ist das Thema Kindesmissbrauch eines, das tiefste Ängste berührt und deshalb nicht selten zu irrationalen Überinterpretationen verleitet. Dennoch geschehen reale Verbrechen, und die Öffentlichkeit sollte wachsam bleiben. Im Fall von Pizzagate wurde das Thema dezidiert politisch; es fiel mitten in den Wahlkampf. Donald Trump kandidierte damals gegen Hillary Clinton, die über personelle Ecken mit ihm assoziiert war. Darum ist die Vermutung nicht weit hergeholt, dass politische Apparate in Bewegung gesetzt wurden, um das Thema als „rechtsextreme Verschwörungstheorie“ zu framen, an der nichts dran sei.
Zu bemerken bleibt: Es gab allerdings zahlreiche Spuren und offene Fragen, eine Unmenge an Material und an seltsamen Zufällen, die berechtigte Fragen aufkommen ließen. Im Zuge der veröffentlichten Epstein-Files könnte die Zeit gekommen sein, in der sie aus einem neuen Blickwinkel aufgearbeitet werden.
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Felix Perrefort
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