Krieg im Iran: Warum die Hoffnung auf einen glückenden Regime Change nicht naiv ist
Ein Beitrag von
Felix PerrefortOb die Operation „gewaltiger Zorn“ erfolgreich sein wird, der Iran also in eine friedliche, säkulare Gesellschaft übergehen kann, ist ungewiss. So wenig hier ein blauäugiger Optimismus angebracht ist, so wenig spricht allerdings für pauschalen Pessimismus. Die Gründe dafür liegen in der spezifischen Verfasstheit des Iran, der auf eine über 2000 Jahre alte Zivilisationsgeschichte zurückblickt. Die reformbedürftige Monarchie, die 1979 durch eine Schreckensherrschaft ersetzt wurde und nach einer Entmachtung der Mullahs rekonstituiert werden könnte, ist mit einer säkularen Demokratie grundsätzlich vereinbar.
Wer dem Wort „Regime Change“ misstraut und dessen militärische Initiierung auch im Fall des Iran ablehnt, hat Argumente, die nicht völlig von der Hand zu weisen sind. Libyen, Irak, Afghanistan – die Geschichte amerikanischer Interventionen im Namen von Freiheit und Demokratie ist leider nicht arm an Beispielen, die dem Misstrauen gegenüber „bombing for democracy“ Gründe liefern. Dieser Pessimismus bleibt jedoch zu abstrakt, um beim Iran eine vernünftige Einschätzung zu sein. Er ignoriert die spezifischen Konstellationen und betrachtet sehr unterschiedliche Gegenstände durch ein und dieselbe Brille. Die politischen Ausgangslagen unterscheiden sich jedoch grundlegend.
Warum Libyen-Vergleiche an der Sache vorbeigehen
Saddam Hussein (Irak) und Muammar al-Gaddafi (Libyen) waren säkulare Diktatoren, deren Entmachtung ein Machtvakuum hinterließ, das Islamisten füllen konnten. Im Irak, wo ein hybrides System zwischen Staat und schiitischer Milizmacht herrscht, ist der Islamismus nicht nur Gegner des Staates, sondern Teil des Staates. Libyen ist ein Failed State ohne klares Machtzentrum, in dem rivalisierende Clans und islamistisch geprägte Milizen um die Macht ringen.
Im Iran verhält es sich gerade umgekehrt: Dort herrschen Islamisten, deren Entmachtung ein Machtvakuum hinterlassen würde, das von Persern durch eine säkular-demokratische Monarchie gefüllt werden könnte – unter der Führung von Kronprinz Reza Pahlavi. Dieser hatte bereits vor 25 Jahren in seinem Buch „Winds of Change“ – und seitdem immer wieder – ein Referendum über eine säkulare Staatsform und freie demokratische Wahlen gefordert.

März 2026, Los Angeles: Viele Iraner befürworten eine „Rückkehr des Schahs“.
Was die Geschichte der iranischen Flagge verrät
Sie würde an das anknüpfen, was im Jahr 1979 gestürzt wurde: den monarchisch-demokratischen Verfassungsstaat, dessen Erbe heute Kronprinz Reza Pahlavi verkörpert. Sein Vater, der „Schah von Persien“, vertrat einen zweifellos reformbedürftigen, aber modernen Verfassungsstaat. Die absolute Monarchie, für die es unter Iranern auch gegenwärtig keine nennenswerte Unterstützung gibt, war bereits in der Konstitutionellen Revolution von 1906 bis 1911 gebrochen worden.
Infolge der Verfassungsrevolution von 1906/07 wurde die Trikolore mit Löwe und Sonne zur Flagge des konstitutionellen Iran, der erstmals ein gewähltes Parlament – das Majles – erhielt. Nach der islamischen Revolution von 1979 wurde das traditionelle Emblem entfernt und die Flagge um die 22-fach wiederholte Inschrift „Allahu akbar“ ergänzt – eine dezidiert arabische Glaubensformel. Die Staatssprache Irans ist jedoch Persisch. Die Verunstaltung der Flagge versinnbildlicht den Gang der Geschichte anschaulich: Die Mullah-Diktatur steht nicht in persischer, sondern in arabisch-muslimischer Tradition. Deshalb ist die Islamische Republik Iran eine Diktatur gegen die eigene Bevölkerung.
Um den Staat, der 1979 von den Islamisten gestürzt wurde, zu diskreditieren, wird immer wieder Mohammed Mossadegh angeführt, der einstige Premierminister Irans. Dieser war zwar demokratisch legitimiert, sein Sturz wurde tatsächlich von außen beeinflusst (Operation Ajax), doch spielten die inneriranische Krise und sein eigenes zunehmend autoritäres Vorgehen – 1953 setzte Mossadegh ein Referendum durch, das das Parlament auflöste – ebenfalls eine Rolle.

Die Regierung Mossadegh führte eine breite Palette sozialer Reformen ein, wurde jedoch vor allem durch die Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie bekannt, die seit 1913 über die Anglo-Persian Oil Company unter britischer Kontrolle gestanden hatte.
Während vereinfachte Propaganda behauptet, der US-Imperialismus habe seinerzeit einen demokratischen Helden gestürzt, erzählt die realistischere Version von einem Machtkampf zwischen Monarchie, Nationalisten, Militär und ausländischen Interessen. Ebenfalls relevant: Mossadegh, der ethnisch aserbaidschanische Wurzeln hatte, war ein Abkömmling der Kadscharen-Dynastie, die ihrerseits nicht die genuin persische Zivilisationslinie vertritt. Wer diese Aspekte betont, denkt nicht biologistisch-rassistisch, sondern begreift die iranische Gesellschaft in ihrer Komplexität, die selten verstanden wird.
Antiwestliche Propaganda: „Mongolensturm des Abendlandes“
Diese Haltung des Nichtverstehens lässt sich exemplarisch an einem Kommentar von Roger Köppel, Chefredakteur der Weltwoche, ablesen. Er verurteilt die von großen Teilen der iranischen Zivilbevölkerung erhofften Angriffe ernsthaft als „Mongolensturm des Abendlandes“, das einmal mehr das Völkerrecht zertrümmert habe. Köppels Einlassungen sind nicht nur beispielhaft für Standardargumente, wonach sich die Legitimität militärischer Intervention allein nach ihrer Völkerrechtskonformität entscheide – als wäre es denkbar, dass China und Russland je einem Militärschlag gegen den Iran zustimmen würden. Sie zeugen auch von historischer und gesellschaftspolitischer Unkenntnis und zeigen, wie verblendet der (anti-)westliche Blick auf das Land ist.
Wenn Köppel davon spricht, dass „die Perser eine alte Kulturnation, kein Verbrechersyndikat“ seien, subsumiert er die Ayatollahs – von denen viele, wie der getötete „Führer“ Ali Khamenei, überproportional aserbaidschanischer Herkunft sind – schlicht unter „die Perser“. Das ignoriert die tatsächliche Verfasstheit der iranischen Gesellschaft: Rund 50 bis 60 Prozent der Bevölkerung sind persisch, der Rest besteht aus Minderheiten wie Aserbaidschanern (ca. 15–25 Prozent), Kurden (ca. 7–10 Prozent), Luren, Arabern, Turkmenen und Belutschen. Während die überwältigende Mehrheit offiziell schiitisch ist, bekennen sich nur rund 32 Prozent ausdrücklich zu dieser Strömung des Islam.
In dieser Konstellation spiegelt sich die über zweitausend Jahre alte Geschichte Persiens wider – eine Geschichte, die älter ist als der Islam selbst und erst in ihrer Spätphase islamisiert wurde. Erst 1501 erklärte die safawidische Dynastie, eine Herrscherfamilie türkisch-aserbaidschanischer Herkunft, den schiitischen Islam zur Staatsreligion Irans. In der Tat sind die Perser eine Kulturnation – doch zu dieser Kultur gehört nicht die islamistische Unterdrückung und Brutalität, die die Mullahs repräsentieren. Deshalb wird das Regime und die Ideologie, die es trägt, von vielen Iranern als Fremdherrschaft empfunden – als Ergebnis einer Invasion, auch wenn diese Jahrhunderte zurückliegt.
Weiter wird gegen den persischen Staat vor 1979 eingewendet, der Schah habe die demokratische Opposition brutal unterdrückt, tausende Menschen eingesperrt, gefoltert und getötet. Historisch belegt ist, dass der Schah die politische Opposition überwachen und unterdrücken ließ; Verhaftungen, Folter und politische Gewalt durch den Geheimdienst SAVAK, der 1957 mit amerikanischer und israelischer Unterstützung aufgebaut wurde, gab es. Die häufig genannten extrem hohen Opferzahlen gelten unter Historikern jedoch als übertrieben. Die Herrschaft des Schahs war autoritär – wie autoritär genau, darüber lässt sich streiten. Zu berücksichtigen ist dabei auch, womit der Staat es zu tun hatte: einer islamistisch-dschihadistischen Opposition, die selbst mörderisch war.
Was den Iranern nach ihrer Befreiung real droht
Zu den ideologischen Vorbildern von Ali Khamenei gehörte – neben Ajatollah Khomeini – der islamistische Agitator Navvab Safavi. Der Theologiestudent gründete 1945 die radikale Gruppierung Fedajin-e Islam („Die sich für den Islam opfern“), deren Ziel die „Reinigung“ des Islam durch die Ermordung von Personen des öffentlichen Lebens war – eine Praxis, die im Iran an die Tradition der Assassinen erinnert. Navvab Safavi stand mit dem späteren Revolutionsführer Khomeini in Kontakt; seine Ideen beeinflussten sowohl Khomeini als auch dessen Nachfolger nachhaltig.

Es ist barbarisch: Nach Navvab Safavi wurde im Iran eine U-Bahn-Station benannt.
Zwischen 1941 und 1979 wurden mehrere Anschläge auf Mohammad Reza Schah Pahlavi verübt. Zwei davon gelten als besonders bedeutsam, da der Monarch das Attentat nur knapp überlebte. Diese reale Gefahr gilt es zu begreifen, wenn man über das damalige Vorgehen gegen die „Opposition“ spricht.

Beinahe ermordet: Mohammad Reza Schah Pahlavi im Krankenhaus nach dem Attentat vom 4. Februar 1949.
Und diese Gefahr würde auch nach einem Regime Change fortbestehen. Sie ist das größte Hindernis seines Erfolgs. In ihren irreführenden Abstraktionen wird sie von Gegnern militärischer Intervention jedoch ausgeblendet, die weniger ein Problem mit dem Islam als vielmehr mit den USA und Israel haben, die sie ungerechtfertigterweise eines Genozids in Gaza bezichtigen.
Dass dabei Ressentiment im Spiel ist, zeigt nicht nur die Sprache – Köppel ereifert sich über Menschen, „die jetzt jubeln und die Yankee-Flagge schwenken“ –, sondern auch die Tatsache, dass arabische Staaten keineswegs durchweg gegen die Intervention sind. Nicht nur Israels Premier Benjamin Netanjahu, sondern auch Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman soll Donald Trump laut Washington Post zu einem Angriff auf den Iran gedrängt haben. Unterstützt wurde er demnach von seinem Bruder Khalid bin Salman, dem saudischen Verteidigungsminister, der bei einem Besuch in Washington im Januar für einen Angriff geworben haben soll.
Tanzende Revolution
Nicht zu erkennen, dass auch viele Iraner in bedeutsamer Zahl befreit werden wollen – dafür muss man sich die Fähigkeit, seinen eigenen Augen zu trauen, schon gründlich abtrainiert haben. Wie massenhaftes Foto- und Videomaterial zeigt, sehnten sie eine Intervention durch die USA und Israel keineswegs nur „vereinzelt“ herbei, wie im Deutschlandfunk zu hören war. Ein derzeit kursierendes Video verdeutlicht das auf eindrückliche Weise.
Es zeigt Iraner, die den Trump-Dance tanzen, mit dem der Präsident zu Y.M.C.A. Wahlkampf machte. Im Grunde reicht es bereits, um zu verstehen, dass der Iran keineswegs droht, zu einem zweiten Libyen zu werden. Es zeigt jene Erben einer Kulturnation, die den künftigen Verfassungsstaat tragen würden. Und von ihnen gibt es hinreichend genug.
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