„13 Fragen“ und ein Außenseiter: Wie der Podcaster Ben Ungeskriptet in einem ZDF-Format gegen die Feinde der Meinungsfreiheit kämpfte
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Eric SteinbergIn der jüngsten Folge des ZDF-Diskussionsformats „13 Fragen“ sollte es eigentlich um das Thema Meinungsfreiheit gehen. Statt einer echten Debatte musste sich der Podcaster Ben Ungeskriptet jedoch einem Tribunal der Debattenfeinde stellen – und erklärte seinen Anklägern mit Leichtigkeit, warum Bürger mit unliebsamen Thesen besser nicht aus Debatten ausgeschlossen werden sollten.
Zwei Positionen trafen am Mittwoch in der ZDF-Show aufeinander, als es um das Thema Meinungsfreiheit ging. Die übergeordnete Frage: „Darf man heute gar nichts mehr sagen?“
In dem Format geht es in der Theorie darum, am Ende möglichst einen gemeinsamen Konsens zu finden. Innerhalb von 13 Leitfragen, meist zu polarisierenden Themen, haben die Teilnehmer Zeit, sich zu positionieren. Sie bewegen sich dazu sichtbar im Raum und rücken jeweils vor oder zurück, wenn sie die Redebeiträge der anderen Teilnehmer unterstützen beziehungsweise kritisieren. Sechs Gäste werden in jede Folge geladen, jeweils aufgeteilt in Pro- und Contra-Positionen.
Dieses Mal zu Gast: der Rapper Abbude, Content-Creator und ehemaliger Rechter Vincent, Jurastudentin Carolin Hochstrat, Journalist Constantin Schreiber, Rechtswissenschafts-Professorin Susanne Beck und zu guter Letzt Benjamin Berndt alias Ben Ungeskriptet.

Das „Spielfeld“ bei „13 Fragen“
Einer, der mit allen redet
Der Podcaster und YouTuber wurde vor allem deshalb bekannt, weil er ungeschnittene Interviews mit kontroversen Gästen führt, teilweise stundenlang. Zu Gast waren in der Vergangenheit bereits Salafist Pierre Vogel, der ehemalige Rechtsextremist Erik Ahrens oder der Ex-Hells Angel Fernando S.
Seinen Gästen lässt er dabei den Raum, ihre Thesen ununterbrochen vorzutragen. Die eigene Kritik äußert er meist im Anschluss. Mit seinem Podcast erreicht er ein Millionenpublikum, allein auf seinem YouTube-Kanal kann er knapp 700.000 Abonnenten hinter sich vereinen. Mit der Offenheit des YouTubers kommt allerdings nicht jeder klar – wie sich in der Debattenrunde eindrucksvoll herausstellt.
Schnell geht es in der Sendung um die Herangehensweise von Ben Berndt. Der Moderator will wissen, warum er überhaupt mit allen spricht. Seine Antwort: „Weil ich verstehen will, wie die Welt ist. Ich versuche ständig, aus meiner eigenen Bubble herauszukommen, und nur wenn ich Leute habe, die möglichst weit anders denken als ich, kann ich verstehen, was real ist, was wirklich wahr ist. Jeder Mensch hat irgendwas, was ich von ihm lernen will.“
Austausch als „Radikalisierungseinstieg“
Content-Creator Vincent weicht zurück und warnt vor dieser offenherzigen Art: „Dass das Radikalisierungseinstiege sein können, das sehe ich auf jeden Fall.“ Der Tenor: Was ich schaue, das werde ich. Susanne Beck legt nach: „Man muss berücksichtigen, dass Plattform auch Macht ist. Und immer, wenn man eine Macht hat, geht damit Verantwortung einher. Da bin ich sehr skeptisch, dass man das nutzt, um Radikalisierung zu ermöglichen.“
Zur Verantwortung entgegnet Ben daraufhin: „Wie führen wir die denn aus? Ich glaube, dass die Menschen da draußen klüger sind, als wir denken. Wenn ich denen sage: Das ist falsch und das ist richtig, dann heißt das noch lange nicht, dass die das auch annehmen.“

Glaubt nicht, dass seine Zuschauer automatisch die Meinungen seiner Gäste adaptieren.
Dann weitet er den Blick und greift auch die traditionellen Medien an – vor allem für ihren Umgang mit der AfD. Sie „haben seit der Gründung der AfD sinngemäß gesagt: Die sind so schrecklich, sie sind so schrecklich, sie sind so schrecklich. Und die wachsen ständig. Was wäre passiert, hätte man die der Reihe nach vor die Kamera geholt?“
AfD in jeder Talkshow?
Vincent reagiert sofort: „Aber das passiert doch. Die sind doch in jeder Talkshow“, ist der Content-Creator überzeugt. Beck ergänzt: „Genau, das wird doch gemacht. Du zitierst ein Beispiel, was nicht stimmt. Der Punkt ist ja: Das wurde ja normalisiert.“ Ben: „Nein, das stimmt nicht.“ Beck: „Doch.“ Hier fehlt eigentlich nur noch Louis de Funès’ „Ohhh“, um die Absurdität der Szene zu perfektionieren.
Aber nicht nur Susanne Beck und Vincent argumentieren gegen ihn – auch der Moderator Jo Schück greift später ein: „Also die Studienlage ist ja tatsächlich relativ eindeutig. Je mehr man extreme Meinungen in den bürgerlichen Meinungskorridor einlädt, desto mehr werden extreme Meinungen normalisiert. Du sagst, du hast ein anderes Menschenbild, aber du kannst ja nicht einfach gegen die Wissenschaft sagen: Ne, glaube ich nicht.“
„Es gibt nicht DIE Wissenschaft“
Ben schaut ihn skeptisch an, lacht und sagt: „Ja, doch. Weil es nicht DIE Wissenschaft gibt. Wissenschaft ist im Kern die Neugier: Was wissen wir nicht? Und was glauben wir heute, was richtig ist, was aber in Wirklichkeit falsch ist? Und wenn jemand sagt ‚follow the science‘, hat er Wissenschaft einfach nicht verstanden.“
Er geht weiter in die Gegenrede: „Was ist denn überhaupt eine extremistische These? Ist es zum Beispiel die These: ‚Die Corona-Impfung schützt nicht vor der Ansteckung‘? Das war vor fünf Jahren eine hochdramatisch weggecancelte These. Extremistisch. Heute wissen wir, die ist tendenziell wahr.“
Der Moderator fragt: Wenn man der Wissenschaft nicht mehr vertraue – wem dann? Ben erklärt, in der Schule habe er gelernt, alles erst einmal zu hinterfragen. Er habe noch nicht erlebt, dass sich ein Wissenschaftler hinstellt und sagt: „Das ist einfach eine perfekte Studie.“
Als gefordert wird, man müsse „außen rechts“ und „außen links“ bekämpfen, widerspricht er erneut: „Das glaube ich überhaupt nicht, sondern wir müssen denen zuhören, um einen vernünftigen Konsens zu finden.“ Beck entgegnet, es gebe extremistische Meinungen, und denen müsse man eben nicht im Gespräch begegnen.
Ben fragt erneut: „Wer sagt denn, dass sie extremistisch sind?“ Beck: „Die Verfassung.“ Vincent: „Betroffene.“ Zustimmung bei der Rechtsprofessorin.

Will von „Betroffenen“ entscheiden lassen, was Extremismus ist: Content-Creator Vincent.
Das lässt der Podcaster nicht gelten: „Wenn ich sage, die Erde ist rund und irgendjemand sagt, das verletzt mich total, weil ich glaube an Flat Earth …“ Weiter kommt er nicht. Er wird unterbrochen, das Thema auf Rassismus-Erfahrungen geschwenkt – da gibt es schließlich keine zwei Meinungen und für Ben Berndt keine Möglichkeit zur Gegenrede.
Auch zu „Body Positivity“ wurde es bei „13 Fragen“ absurd
Es ist nicht das erste Mal, dass einzelne Gäste in dem Format an den Pranger gerieten. Zum Thema „Body Positivity“ musste sich in der Vergangenheit etwa der Mediziner Felix M. Berndt rechtfertigen, weil er in der Sendung die These unterstrich, dass Fettleibigkeit ungesund ist und zu schweren Erkrankungen führen kann – sowohl physischer als auch psychischer Art.
Er habe sogar überlegt, überhaupt in die Sendung zu kommen, „weil ich hatte wirklich Angst, das den Menschen zu sagen“. Und seine Sorge blieb nicht ganz unberechtigt: In der Sendung führt er das Argument aus, dass gesunde Ernährung und viel Sport in manchen Fällen zu einem besseren Aussehen führen könnten. Der Vorwurf, den er sich danach von einer Plus-Size-Influencerin anhören muss: „Das ist internalisierte Fettfeindlichkeit.“
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Eric Steinberg
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