„Wir vergessen, was Freiheit ist“ – Ferdinand von Schirach im Podcast „Hotel Matze“
Ein Beitrag von
Er schrieb die Bestseller „Verbrechen“ und „Schuld“ und Romane wie „Der Fall Collini“, dazu Theaterstücke und das biografische Buch „Kaffee und Zigaretten“. Ferdinand von Schirachs Werke wurden in über 40 Sprachen übersetzt. Jetzt war der 61-Jährige zum zweiten Mal im Erfolgspodcast „Hotel Matze“. Dort sprach er über das Dilemma von Kanzler Friedrich Merz, gerechte Steuermodelle und Freiheit.
Dass sich der Enkel von Hitlers Reichsjugendführer Baldur von Schirach 2025 bei Caren Miosga gegen ein AfD-Verbot aussprach, nehmen ihm Kritiker übel. Dabei ist der Strafverteidiger, der erst mit 45 Jahren angefangen hat, zu schreiben, ein entschiedener Kämpfer für die Demokratie.
Vertrauensverlust durch komplizierte Gesetze
Doch wie lernt ein Volk, das seine Regierung in weiten Teilen als handlungsunfähig wahrnimmt, wieder zu vertrauen? Ein gerechtes und verständliches Steuerrecht wäre ein Anfang, so Schirach. „Wir sind von den 240 Steuersystemen, die mal gemessen worden sind, auf Platz 240, also tatsächlich das komplizierteste der Welt. Und das führt dann wiederum, und das ist das Seltsame, zu Ungerechtigkeit.“
Soeben hat Ferdinand von Schirach sein erstes Kinderbuch herausgebracht. Es heißt „Alexander“ und handelt von einem Jungen, der in einer antiken Stadt den Auftrag bekommt, gute Gesetze zu erschaffen. Und an guten Gesetzen scheint es Deutschland aktuell zu fehlen. Vor allem an guten Steuergesetzen: „Es ist absurd bei uns: Wenn Sie in einem Kaffeehaus einen Kaffee bestellen, dann wird der unterschiedlich besteuert, je nachdem, wie viel Kaffeeprozent dort drin sind. Also ein Milchkaffee wird anders besteuert als ein normaler Kaffee. (…) Es ist ein vollkommenes Chaos, aber wir können es regeln.“
Nur wie? Von Schirach spricht sich für ein steuerfreies Mindesteinkommen mit drei Steuerklassen aus: „Da würde der Staat erstmal sagen, um Gottes Willen, das können wir doch nicht machen. Aber es wurde ausgerechnet, dass das funktionieren würde. Und Sie hätten vor allen Dingen plötzlich sehr viele Leute, die sagen würden: Jetzt lohnt es sich wieder, zu arbeiten, und jetzt hab‘ ich das Geld, was ich dort verdiene, als Kellner, als Aushilfe in einer Boutique, was weiß ich wo. Das kann ich jetzt behalten.“
Ein radikaler Steuer-Reset wäre also notwendig. Einfache Modelle dafür existierten sogar schon. An die festgefahrene Politik appelliert Ferdinand von Schirach: „Sie können unser Steuersystem, was wir jetzt haben, nicht mehr reparieren. Sie können nicht irgendwo rumschrauben und hoffen, dass das besser wird. Sie müssen es wegschmeißen und ein neues Steuersystem etablieren, das wird nicht anders gehen.“

Schirach bei „Matze“ (Quelle: https://www.youtube.com/@HotelMatze)
Der Kanzler steckt in der Koalitions-Klemme
Friedrich Merz liefert nicht: Was er vor der Wahl versprochen hat, kann er jetzt nicht mehr halten. Passiert das aus Unvermögen? Nein, sagt Ferdinand von Schirach. Es ist die Koalitions-Klemme, in der der Kanzler steckt: „Das Problem, das wir im Moment in den Demokratien haben: Wir haben keine absoluten Mehrheiten mehr, und wir werden sie auf lange Zeit auch nicht bekommen.“
Die Lösung? Der Autor schlägt ein Kanzlergesetz ohne Rücksicht auf Koalitionspartner vor. Das habe den Vorteil, dass die Regierung endlich wieder handlungsfähig werde. „Unsere Demokratie ist gerade mal 80 Jahre alt. Und es ist überhaupt nicht schlimm, dass wir an diesen demokratischen Systemen etwas reformieren. (…) Sonst wird die Verzweiflung über Politik immer größer.“
Mehr Kontrolle für oben, mehr Freiheit für unten
Laut aktuellen Umfragen sind 68 Prozent der Deutschen mit der Arbeit der Bundesregierung unzufrieden. Abhilfe könnte eine begrenzte Amtszeit schaffen, so Ferdinand von Schirach: „Wir haben jetzt das Problem, dass wir alle vier Jahre neu wählen. Ein Politiker ohne Erwerbsbiografie wie Jens Spahn beispielsweise, der kann gar nicht zurück, wohin denn auch? Es gibt keinen Beruf, wo er schon etwas geleistet hat, wo er wieder zurückkann. Das heißt, er muss alles dafür tun, dass er wiedergewählt wird nach vier Jahren, um sein Häuschen abzubezahlen.“
Politiker sollten in dieser begrenzten Amtszeit das tun, was richtig ist, und nicht das, was ihnen nützt. Mehr Kontrolle für oben, mehr Freiheit für unten – das könnte eine gute Tendenz sein. „Wir vergessen ja auch, was Freiheit ist. Sie vergessen auch Ihre Zähne, solange sie Ihnen nicht wehtun. Wir nehmen alle Dinge für selbstverständlich, mit denen wir uns täglich umgeben. Nur, wenn Sie uns genommen werden, wird es schwierig.“
Manchmal können Juristen und Schriftsteller die Welt besser erklären, als gewählte Politiker.
Lesen Sie auch:
Dreist ist geil? Vom arroganten Umgang mit Kunden
Mehr NIUS:
Plötzlich sollen diese Yogaklamotten rechts sein
Neue Studie: Deutschland verliert seine Besten
Polizei Brandenburg warnt Eltern vor „rechtsextremen Online-Strategien“
Trans-„Tochter” von Elon Musk in Dessous: „Trans-Körper werden angefeindet und dämonisiert”
Neue Oxford-Untersuchung zeigt: Über 90 Prozent aller Studien in den Sozialwissenschaften sind links
In Sachsen-Anhalt fordern selbst Linke Abschiebungen
Antisemit der Woche: UN-Generalsekretär António Guterres übt sich in Täter-Opfer-Umkehr und beschuldigt Israel sexueller Gewalt
„Omas gegen Rechts“ bringen neuen KI-Chatbot heraus
Mehr NIUS:
Trans-„Tochter” von Elon Musk in Dessous: „Trans-Körper werden angefeindet und dämonisiert”
Neue Oxford-Untersuchung zeigt: Über 90 Prozent aller Studien in den Sozialwissenschaften sind links
In Sachsen-Anhalt fordern selbst Linke Abschiebungen
Antisemit der Woche: UN-Generalsekretär António Guterres übt sich in Täter-Opfer-Umkehr und beschuldigt Israel sexueller Gewalt
„Omas gegen Rechts“ bringen neuen KI-Chatbot heraus
Gescheiterte Timmy-Rettung sorgt weltweit für Spott: „Deutschland hat den Verstand verloren“
#Männerhass: Wie ständig neue Internettrends Beziehungen schlechtreden
Nach „Lackaffe“-Strafbefehl: Drei weitere Merz-Beleidigungen werden von Staatsanwaltschaft Heilbronn verfolgt
Melanie Grün
Artikel teilen
Kommentare