Er rettete Europa vor den Osmanen: Wiener Sozialdemokraten gegen Sobieski-Statue wegen „Islamfeindlichkeit“
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Amir MakatovDie Debatte um ein Denkmal für den polnischen König Jan III. Sobieski spitzt sich in Wien erneut zu. Im Wiener Gemeinderat prallten am Mittwoch zwei Sichtweisen auf Erinnerungskultur aufeinander: Während ÖVP und FPÖ die zugesagte Errichtung einer Statue am Kahlenberg einfordern, warnen Politiker der SPÖ und der Grünen vor einer „heroisierenden“ Darstellung, die als islamfeindliches Signal missverstanden oder gar von Rechtsextremen vereinnahmt werden könne.
Ausgangspunkt ist ein seit Jahren geplantes Denkmal für Sobieski, den entscheidenden Befehlshaber des polnischen Entsatzheeres, das am 12. September 1683 die Zweite Wiener Türkenbelagerung mit einem Kavallerieangriff von „Flügelhusaren“ löste und somit die Invasion der Türken in Europa stoppte. Sobieski gilt als Verteidiger Europas und wird in Polen verehrt, aber auch in zahlreichen anderen Ländern Europas gewürdigt.

Ein Gemälde zeigt den polnischen Kavallerie-Angriff bei der Schlacht um Wien.
Schon 2013 tauchten erstmals Überlegungen auf, ihm eine Statue zu errichten. 2018 erhielt das Vorhaben dann grünes Licht, wurde später aber wieder ausgebremst, berichtet das Onlineportal heute.at. Ende 2024, nur wenige Monate vor der Wien-Wahl im April 2025, folgte schließlich die vorerst endgültige Absage: Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) stoppte das Denkmalprojekt.
Zur Begründung verwies die Stadtregierung auf die Gefahr politischer Instrumentalisierung. Wien werde „keine Bühne errichten, die für ausländerfeindliche Hetze sowie islamfeindliche oder antitürkische Ressentiments instrumentalisiert werden kann“.
Stalin ja – Sobieski nein
Wie in der Wiener Rathauskorrespondenz notiert, kritisierte Gemeinderätin Judith Edelmann (ÖVP) am Mittwoch, die Stadt habe die Errichtung am Kahlenberg „einfach abgesagt“ und damit Verstimmung in der polnischen Community ausgelöst. Edelmann stellte den historischen Rang Sobieskis heraus: Ein „Verteidiger“ Wiens werde aus Rücksicht auf mögliche Fehlinterpretationen gecancelt, während es in der Stadt Gedenkzeichen für politisch hoch umstrittene Figuren gebe – etwa die Stalin-Denktafel im 12. Bezirk.

Die Stalin-Gedenktafel in Wien.
FPÖ-Gemeinderat Lukas Brucker knüpfte die Sobieski-Frage an eine grundsätzlichere Kritik: Die Stadt messe „nach zweierlei Maß“ und sei „auf dem linken Auge blind“, wenn es um problematische historische Bezüge gehe. Er forderte erneut die Entfernung der Stalin-Gedenktafel. Aus seiner Sicht sei es umso weniger nachvollziehbar, ausgerechnet ein Denkmal für den „Verteidiger Wiens“ zu verhindern.
SPÖ: Würdigung ja, aber nicht als Heldendenkmal
SPÖ-Politikerin Safak Akcay verwies auf bestehende Benennungen wie Sobieskigasse und Sobieskiplatz und argumentierte, diese würden Sobieski bereits ausreichend würdigen. Entscheidend sei bei Erinnerungskultur oft das „wie“: Eine heroische Statue im Stil des 19. Jahrhunderts passe nicht mehr zu einem europäischen Verständnis des Miteinanders.
Damit verschob die SPÖ die Frage weg vom „ob“ hin zum Format. Der Kern der Position: Sobieski soll nicht „abgeräumt“ werden, aber eine monumentale Siegerikonografie sei nicht zeitgemäß.

SPÖ-Politikerin Safak Akcay
Kein „Christentum gegen Islam“
Die Grünen gingen noch einen Schritt weiter. Gemeinderätin Ursula Berner verwies auf die konkrete geplante Darstellung: ein Reiter, der andere Menschen niederreite. In diesem Motiv sah Berner ein Anziehungssignal für rechtsextreme Milieus, die Sobieski als Projektionsfläche eines angeblichen Abwehrkampfs „Christentum gegen Islam“ nutzten. Zudem argumentierte sie, die Schlacht von 1683 sei kein Religionskrieg gewesen, sondern ein Machtkampf zweier Großmächte. Wer das ausblende, betreibe Geschichtspolitik statt Erinnerungskultur. Berner plädierte für Denkmäler, die Frieden und Allianz betonen, statt ein Heldendenkmal zu errichten, das als Kulisse für islamkritische Aufmärsche dienen könne.
Dass in einer europäischen Metropole eine Gedenktafel für den genozidalen Massenmörder Stalin, nicht aber ein Denkmal für den Retter Europas Sobieski existieren kann, spricht Bände über das historische Narrativ der SPÖ – zumal die Zusage für das Denkmal bereits bestand. Der polnische Botschafter kommentierte bei heute.at bezüglich der Zusage: „Die Stadt Wien hat uns das Denkmal versprochen.“
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