„Unterwanderung der gutbürgerlichen Vereinskultur”: Heimatverein „Ratinger Jonges” schließt AfD-Stadtratspolitiker aus
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Weil er für die AfD im Stadtrat sitzt, ist der Politiker Bernd Ulrich aus dem Heimatverein „Ratinger Jonges“ ausgeschlossen worden – obwohl er dort lediglich einfaches Mitglied ohne Funktion war und sich der Verein selbst eigentlich als gänzlich unpolitisch versteht. Ulrich sagt, er sei Opfer einer Kampagne von Medien und anderen Parteien geworden, und erklärt gegenüber NIUS: „Die ‚Jonges‘ sind ein reiner Heimatverein ohne politischen Anteil.“
Es war Anfang März, als Edgar Dullni, Vorsitzender der Ratinger Jonges, bekanntgab, man habe die Mitgliedschaft des AfD-Politikers Bernd Ulrich beendet und damit auf die anhaltende Kritik innerhalb und außerhalb des Vereins reagiert. In einer schriftlichen Stellungnahme betonte Dullni damals, er bedaure es „zutiefst“, das Empfinden der Mitgliedschaft durch die Aufnahme verletzt zu haben.
Allerdings widerspreche es seinem ethischen Verhalten und demokratischen Verständnis, jemanden allein aufgrund der Parteizugehörigkeit auszuschließen. Trotzdem habe er sich nun einvernehmlich mit dem Vorstand zu einem Schritt entschlossen, um weiteren Schaden abzuwenden.
„Es war eine regelrechte Kampagne“
Ulrich selbst berichtet gegenüber NIUS, die Lokalpresse habe sich regelrecht auf ihn gestürzt: „Es war eine regelrechte Kampagne“. Auch andere Parteien im Stadtrat hätten in der privaten Causa gegen ihn agitiert. „Nur die CDU und die FDP haben sich rausgehalten“, so der 76-Jährige.

Bernd Ulrich 2018 in Mettmann
Die Ratinger Jonges sind ein Heimat- und Brauchtumsverein mit über 800 Mitgliedern, der sich der Pflege lokaler Geschichte, Kultur und Gemeinschaft widmet. Als solcher versteht er sich ausdrücklich als überparteilich und gesellschaftlich verbindend – ein Anspruch, der durch die Debatte um Ulrich nun allerdings bröckelt.

Der Heimatverein Ratinger Jonges e.V. gibt sich auch auf seiner Website gänzlich unpolitisch.
„Das betrifft auch den Breitensport, das Brauchtum und die Eckkneipe“
In den Wochen vor seinem Ausschluss hatte es im Verein bereits mächtig gebrodelt: Mitglieder hatten die kürzliche Aufnahme Ulrichs scharf kritisiert und eine klare Abgrenzung gefordert. Einer der vehementesten Agitatoren gegen Ulrich war Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte in Düsseldorf, der nach fast zwei Jahrzehnten Mitgliedschaft aus dem Heimatverein austrat. Ulrich erzählt, er habe in der Vergangenheit bereits versucht, mit Fleermann ins Gespräch zu kommen, dieser habe einen Austausch aber komplett abgelehnt und mitgeteilt, er wünsche keinen Kontakt.
Auf Facebook schrieb Fleermann, einem Verein, der einen führenden AfD-Funktionär und Fraktionsvorsitzenden in seine Reihen aufnehme, „ohne das irgendwie komisch oder kritisch zu finden“, wolle er nicht mehr angehören. „Das übergeordnete Thema ist die grundsätzliche Frage, ob wir die Unterwanderung der gutbürgerlichen Vereinskultur durch solche Leute zulassen und unkommentiert geschehen lassen – oder eben nicht. Das betrifft auch den Breitensport, das Brauchtum und die Eckkneipe.“

Ein weiteres Vereinsmitglied, das namentlich nicht genannt werden möchte, kritisiert gegenüber NIUS: „Der Witz ist ja: Ein Großteil der Mitglieder hätte überhaupt nichts davon erfahren, dass Ulrich ein popeliges Mitglied ist, weil er weder Vorstandsarbeit gemacht hat, noch anderweitig mit Partei-Inhalten in Erscheinung getreten ist.“ Er selbst sei kein AfD-Anhänger, trotzdem halte er den ganzen Vorgang für überzogen und grotesk. „Der Fall wurde derart aufgeblasen, das ist irre. Wenn in meinem Heimatverein solche Mechanismen greifen, dann bin ich an einem Punkt, an dem ich sage: bis hierhin und nicht weiter.“
Dullni selbst geriet in der Folge dann ebenfalls unter Druck und räumte schließlich ein, man habe mit der Aufnahme Ulrichs „einen großen Fehler“ gemacht. Ende März stellte er auf der Jahreshauptversammlung die Vertrauensfrage, bei der er schließlich im Amt bestätigt wurde. Ulrich erzählt, ihm habe Dullni in der ganzen Angelegenheit leidgetan. „Er hat versucht, überparteilich zu wirken, konnte sich aber am Ende nicht durchsetzen.“

Edgar Dullni ist Vorsitzender des Vorstands der Ratinger Jonges.
Künftig sollen sich keine AfD-Mitglieder mehr im Verein betätigen
Die Jonges gehen nun sogar noch einen Schritt weiter und wollen ihre Grundsätze schärfen: Ein geplanter Unvereinbarkeitsbeschluss stellt klar, dass AfD-Mitglieder in Zukunft nicht mehr im Verein geduldet werden.
Ulrich ist es gewohnt, wegen seines politischen Engagements gecancelt zu werden, die selbstausgegebene Brandmauer reicht bis in sein Privatleben: „Der Bruch, den meine Frau, die ebenfalls für die AfD im Stadtrat sitzt, und ich erleben, geht mitten durch die Familie und durch den Freundeskreis, wir haben die meisten unserer Freunde verloren.“ Früher sei er in einem Sportverein aktiv gewesen, dort habe der Chef die Order ausgegeben, dass keine Fotos veröffentlicht werden sollten, auf denen er zu sehen gewesen sei.
„Die Argumentationskette ist immer die gleiche: Wenn man skeptisch gegenüber Zuwanderung ist, ist man fremdenfeindlich. Wenn man fremdenfeindlich ist, ist man Nazi. Wenn man Nazi ist, will man Konzentrationslager wieder öffnen und Massenmord an unliebsamen Menschen durchführen.“ Der Chef der Bürgerunion, der sich ebenfalls heftig für Ulrichs Ausschluss einsetzte, habe gesagt, man dürfe angesichts des Holocausts auf keinen Fall die AfD wählen. „Mit der Nazi-Keule wird hier jede inhaltliche Auseinandersetzung abgewürgt.“
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Janina Lionello
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