Neuer Trend „nonna maxxing“: Wenn junge Menschen plötzlich wie italienische Omas sein wollen
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Pasta statt McDonald’s, „Dolce far niente“ statt Hamsterrad: In den sozialen Medien feiern junge Menschen den Lebensstil italienischer Omas. Doch hinter dem Trend steckt eine echte Sehnsucht nach dem „echten“ Leben jenseits des Smartphones.
Junge Menschen wollen auf einmal so sein wie eine italienische Oma. Der neueste Trend hat auch schon einen passenden Namen: „Nonna Maxxing“. Der italienische Begriff „Nonna“ bedeutet „Großmutter“. „Maxxing“, abgeleitet vom englischen „maximize“, bedeutet, in einem Bereich extrem optimieren zu wollen. Der Begriff hat sich in den sozialen Medien etabliert und wird meist als Suffix verwendet. Am bekanntesten ist wohl „Looksmaxxing“. Unter diesem Internet-Beauty-Trend posten vor allem junge Männer Fotos von sich, die sie auf dem Laufband, beim Hantelnstemmen, Eincremen oder Gesundessen zeigen.
„Umarme deine innere italienische Großmutter“
Fans dieses neuen Trends rufen auf Instagram und TikTok dazu auf, die „innere italienische Großmutter zu umarmen“. Doch wie sieht es aus, das Idealbild einer Nonna? Sie ist eine circa 70-jährige Frau, die mit einem Glas Rotwein und einer Zigarette in der Hand in einem süditalienischen Gässchen auf einem Stuhl sitzt, sich von der Sonne bescheinen lässt und das Leben in vollen Zügen genießt. Später geht sie gut gekleidet auf den Markt, kauft Weißbrot und frisches Gemüse. Daraus wird sie abends Spaghetti al pomodoro zubereiten. Vorher knetet sie noch rasch und liebevoll einen Teig, um daraus Amaretti, typisch italienisches Mandelgebäck, zu formen. Wenn die Sonne untergeht, wird sie wieder auf der Straße sitzen und sich zusammen mit den Nachbarn in ein Kartenspiel vertiefen. So wird die typische Nonna zumindest auf unzähligen Instagram- und TikTok-Bildern gezeigt.

Gut angezogen sein, Sekt oder Aperol schlürfen und das Leben genießen: So stellt sich ein Teil der Generation Z das Leben als italienische Großmutter vor.
Männliches Vorbild: der italienische Nonno
Es gibt aber auch das männliche Pendant zur italienischen Nonna. Nonno sitzt am Strand und genießt sein Bier. Seine Haut ist ledrig von der Sonne, sein Bauch etwas gewölbt von zu viel guter Pasta und auf seiner Brust trägt er stolz ein Tattoo mit der Aufschrift „tutto passa“. „Alles vergeht“ scheint auch der Vibe der Anhänger von „nonna maxxing“ zu sein. Weshalb sich hetzen, optimieren, stressen, permanent online verfügbar sein, wenn das Leben ohnehin schnell vorbei ist?

Der männliche Partner der Nonna: Nonno mit Zigarette und „Alles vergeht“-Tattoo.
Alte Rezepte, zu Fuß gehen, beten
„Tallow Twins“, eine Marke, die Hautpflegeprodukte aus Rindertalg verkauft, postete im Februar ein Bild, das das Lebensgefühl von „Nonna Maxxing“ einfängt. „Du musst Nonna Maxxing betreiben“, steht in dem Instagram-Post. Dazu eine Aufzählung, was zu diesem Lifestyle dazugehört: etwa ein weißes Oma-Baumwoll-Nachthemd, eine alte Rezeptesammlung, selbst gekochtes Essen für Familie und Freunde, Handy-Abstinenz, Gebet, zu Fuß gehen. Der Post hat fast 60.000 Likes. Die Kommentare darunter drücken Begeisterung aus. „Ich liebe die Nonna-Vibes“, schreibt eine Nutzerin. Eine andere sagt: „Ich habe schon begonnen, mein eigenes Kochbuch für die Generationen nach mir zu verfassen.“

Dieser Instagram-Post zeigt, wie man zur italienischen Oma wird.
Parallelen zu „Tradwife“- und „Granny Lifestyle“-Trend
Das Bedürfnis, wie Oma zu kochen, ist nicht neu. Während der Corona-Pandemie kamen der „Tradwife“- und der „Cottagecore“-Trend auf. Auf einmal waren junge Leute ganz erpicht darauf, Sauerteigbrot zu backen, Keramikgeschirr anzufertigen, Gemüse, Kräuter und Blumen zu pflanzen oder Stricken zu lernen.
Hin und wieder trifft man in öffentlichen Verkehrsmitteln Frauen und Männer der Generation Z, die, statt Smartphone in der Hand, Wolle mit Stricknadeln bearbeiten. Stricken, Sticken, Häkeln kann auch Teil des „Granny Lifestyle“ sein. Anhänger dieses Lebensstils haben dem Partyleben, übermäßigem Alkoholkonsum, Fastfood und permanentem Onlinesein abgeschworen. Stattdessen zelebrieren die jungen Alten „Oma-Aktivitäten“ wie Gartenarbeit, frühes Schlafengehen, Backen oder Teetrinken.
Die Wiederentdeckung der Langsamkeit
All diese unterschiedlichen Trends und Ästhetiken haben einen gemeinsamen Nenner: die Sehnsucht nach Ruhe, Entschleunigung und dem „echten“ Leben fernab der Digitalisierung. Traditionen und Handwerk werden wiederentdeckt. In einer Zeit, in der man per Fingerklick Sushi, Schuhe und Blumensträuße geliefert bekommt, wollen junge Menschen wieder selbst Hand anlegen. Sie wollen die kalte Erde und den warmen Teig wieder unter ihren Fingern spüren – und sich an der vollbrachten Tat, etwa einem aufwändig zubereiteten Braten oder gestrickten Schal, erfreuen. Statt künstlicher Zusatzstoffe und hochverarbeiteter Lebensmittel haben Anhänger dieses Trends wieder Lust, frisches, unverarbeitetes Essen am Gaumen zu schmecken.
Studien bestätigen: Junge Menschen fühlen sich gestresst und unter Druck
Vor allem die Generation Z scheint müde zu sein von der sie umgebenden Hustle-Kultur. Viele leiden unter dem (gefühlten) Druck, ständig produktiv, beschäftigt und online sein zu müssen. Sie fühlen sich wie in einem Hamsterrad: Sie sollen Leistung bringen, erfolgreich sein, Nichtstun gilt als Zeitverschwendung.
Diese Gefühle bestätigen auch Studien. 29 Prozent der Teilnehmer der Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026 – Zukunft unter Druck“ gaben an, psychologische Unterstützung zu benötigen. In den letzten Jahren haben psychische Belastungen in Form von Stress, Erschöpfung und wachsender Perspektivlosigkeit zugenommen, sagt der Studienleiter Simon Schnetzer in einer Pressemitteilung der Universität Potsdam. Die Shell-Jugendstudie aus dem Jahr 2024 ergab, dass sich jede vierte junge Frau und jeder fünfte junge Mann einsam fühlen.
Auch gegen Einsamkeit hält das Konzept von „Nonna Maxxing“ eine Inspiration bereit. Eine italienische Signora würde sich niemals mit zwanzig Unbekannten aus unterschiedlichen Städten in Chats unterhalten und das „Freundschaften“ nennen. Ihre Beziehungen spielen sich in ihrer direkten Nachbarschaft ab und bleiben ein halbes Leben lang erhalten. Man trifft sich zum Baden im Meer, zum Kirchbesuch und zum Aperol-Trinken.
Mehr „Dolce far niente“ bitte!
Viele vom modernen Leben gestresste junge Leute suchen scheinbar Entlastung durch eine Rückbesinnung auf Traditionen und Lebensart aus Zeiten vor Lieferando, Fast Food und Fast Fashion. Sie wollen mehr „Dolce far niente“ statt „Hustle-Kultur“ in ihrem Alltag. Italienische Großmütter zelebrieren „das süße Nichtstun“. Und Nonnas Jüngerinnen möchten es ihnen gleichtun.
Wer könnte es ihnen verdenken?
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Emanuela Sutter
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