Kanzlerrede beim DGB: Was wissen Sie von unserem Lebensgefühl, Herr Merz?
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Der Satz des Kanzlers am Ende seiner Rede beim DGB ging fast unter: Unruhe im Saal, Pfiffe, Zwischenrufe. Es war kein guter Moment für große Gedanken. Merz sagte: „Ich will unser Land mit allen, mit Ihnen, in eine Zukunft führen, in der das Lebensgefühl wieder stimmt.“
Dieser Satz war nicht exklusiv für den Deutschen Gewerkschaftsbund. Merz hatte ihn so ähnlich schon am 6. Mai beim Unternehmertag in Nordrhein-Westfalen gesagt.

Am Dienstagmorgen sprach Friedrich Merz beim DGB-Bundeskongress in Berlin. Während seiner Rede wurde Merz an mehreren Stellen ausgebuht.
Es ist ein schwerer Satz, ein Satz, der nachhallen sollte. Es ist nichts für den flüchtigen Tag. „Das Lebensgefühl“, so definiert es das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, „beschreibt die innere, oft kollektive Grundstimmung einer Person oder Generation gegenüber ihrem eigenen Dasein.“ Und weiter: „Es ist kein flüchtiges Gefühl, sondern eine dauerhafte innere Haltung, die den persönlichen Alltag, Werte und den eigenen Platz in der Welt prägt.“
Das Lebensgefühl der Deutschen wird schlechter, nicht besser
Man könnte es als Tragödie bezeichnen, dass der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland diese Definition wohl teilen würde, aber selber nicht in der Lage ist, das Lebensgefühl der Deutschen positiv zu verändern. Im Gegenteil: Er tut alles, um den Menschen ihr Lebensgefühl zu vermiesen, ich muss es so direkt sagen. Ich nenne zwei Beispiele.
Beim Bankenverband sagte er ungefragt einen Satz, der eine ganze Generation erschütterte: „Die Rente ist allenfalls noch eine Basisabsicherung.“ Diese Aussage, die keinen aktuellen Bezug auf irgendwas hat, explodierte noch im Saal. Und irgendwie zündelt diese Aussage immer noch, obwohl Merz danach versucht hatte, seinen Satz zu relativieren. 21 Millionen Rentner (gezählt 2024), eine ungeheuer große bedeutende Gruppe, ließ und lässt sich nicht so einfach beschwichtigen und wieder einfangen. Merz hat mit diesem Satz tatsächlich das Lebensgefühl von Millionen Menschen getroffen – und zwar mitten ins Herz. Dabei ist nicht die Frage, ob man die Rente reformieren soll. Es ist die Frage, wie man was wann den Betroffenen mitteilt.
Beschimpfung der USA macht auch Deutschen Angst
Der andere überflüssige und auch dumme Satz betrifft das Sicherheitsgefühl von Millionen Deutschen und macht ihnen Angst, obwohl er eigentlich an die Amerikaner gerichtet war. Vor Schülern dozierte Merz, der Iran habe das amerikanische Volk gedemütigt. Bevor man einen Krieg anfange, müsse man wissen, wie man ihn beenden kann. Die Reaktion von US-Präsident Donald Trump ließ nicht lange auf sich warten: Merz soll erstmal sein eigenes Land in Ordnung bringen, bevor er uns Ratschläge erteilt. Trump kündigte den Abzug von US-Truppen aus Deutschland an. Und: In den Medien wird wieder diskutiert, wie verlässlich die USA in Bezug auf die Nato ist.

Trump und Merz Anfang März in Washington. Mittlerweile ist das Verhältnis der beiden eher getrübt.
Das alles, weil Friedrich Merz vor Schülern unsinnige Thesen über unseren wichtigsten Partner verbreitete – über die USA und ihren Präsidenten. Das Lebensgefühl der Sicherheit – mindestens eine Generation fühlt sich unter dem militärischen Schutz der USA eingebettet – ist erschüttert. Und zwar nachhaltig.
Lebensgefühl ist kein Wort, es ist eine Haltung. Es ist ein Fundament an Werten, das sich nicht verändert oder verändern sollte. Es ist kein Versatzstück einer Rede, es ist eine innere Einstellung.
Was wissen Sie von unserem Lebensgefühl, Herr Merz?
Antwort: Der Bundeskanzler kennt das Wort „Lebensgefühl“, aber er kann es nicht mit Leben erfüllen. Leider.
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