Scheitern von Politik und Fußball-Nationalelf: Der deutsche Abschied vom Leistungsgedanken
Ein Beitrag von
Deutschland rauscht auf allen Ebenen südwärts, politisch, wirtschaftlich und sportlich. Weil Leistung nicht mehr gefordert und Verantwortung nicht übernommen wird. Früher oder später kommt die Quittung.
Am späten Montagabend mitteleuropäischer Zeit erlebte das Land den Tiefpunkt des deutschen Fußballs. Zum dritten Mal nach 2018 und 2022 hat die Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft nicht die Runde der letzten 16 erreicht, sie verlor gegen Paraguay 4:5 im Elfmeterschießen. Nicht einmal das konnten sie – erstmals in der WM-Geschichte – nicht für sich entscheiden.
Die Krise des einst so erfolgreichen Nationalteams spiegelt den Abstieg des ganzen Landes wider. Deutschland sitzt am Katzentisch der Weltpolitik, ein Platz im UN-Sicherheitsrat konnte nicht ergattert werden, stattdessen nehmen Österreich und Portugal dort einen Sitz ein. Wirtschaftspolitisch büßen wir weiter an Bedeutung ein. Ein einst wohlhabendes Land ist mit Billionen Euro verschuldet, das Geld reicht hinten und vorne nicht mehr.
„Wir sind stolz auf euch“? Nee.
Dennoch redet die Politik von einer „Führungsrolle“, die wir einnehmen müssten. Sie tut so, als hätten wir nicht schon ein Jahrzehnt des stetigen und sich beschleunigenden Niedergangs hinter uns. Ganz ähnlich im Fußball: Als läge die WM 2014 nicht schon lange zurück, berauscht man sich beim DFB immer noch am vierten Titel, an den Niederlagenserien bei großen Turnieren sind immer andere schuld. Eine gefühlte Ewigkeit regte man sich über den Schiedsrichter auf, der bei der EM 2024 keinen Handelfmeter pfiff, als Spaniens Marc Cucurella den Ball an den Arm bekam.
Deutschland verlor und verpasste so das Halbfinale. Jetzt ereifert sich Ex-Minister Karl Lauterbach bei X über ein nicht gegebenes Tor gegen Paraguay: „Unverdient. Deutschland war das gesamte Spiel über besser und hat durch einen Schiedsrichterfehler verloren. Das verdient das Team nicht.“ Tatsache aber ist: Das 7:1 gegen Fußballzwerg Curaçao (160.000 Einwohner) ist bedeutungslos. Denn gegen die Elfenbeinküste (Siegtor in der Nachspielzeit), Ecuador (verloren) und Paraguay (ebenfalls verloren) spielte das Team eben nicht so, dass es irgendwas verdient gehabt hätte.
Bundeskanzler Friedrich Merz machte sich mit einem Post bei X lächerlich: „Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel! Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“ Womit Merz einmal mehr pure Realitätsverleugnung betrieb und an den Empfindungen der Leute vorbeischrieb. Die nämlich sind wütend und enttäuscht über das ambitionslose Gekicke der Nationalmannschaft und alles andere als „begeistert“. Statt Stolz herrscht Frustration vor, und das Schönreden schlechter Leistungen und miserabler Ergebnisse inspiriert die Menschen eher zu Vergleichen mit der überaus schlechten Performance der Bundesregierung.

Lob des Versagens: Mit diesem Tweet brachte Merz auch sein Problem auf den Punkt.
Überheblichkeit, die man sich schon längst nicht mehr leisten kann
Auch diese versucht ständig, Erfolge hervorzuheben, wo niemand sonst sie sieht. Und während man sich in der Koalition auf nichts einigen kann außer auf SPD-Forderungen, die Merz‘ Abhängigkeit vom Koalitionspartner geschuldet sind, loben sich Merz und seine Minister selbst für das, was man schon „erreicht“ habe und alles noch erreichen werde.
Dabei ist unser Ruf längst hinüber, denn die Zeiten der wirtschaftlichen Erfolge sind vorbei, so wie die der sportlichen. Ohne klaren Kurs und die Bereitschaft, selbst gesteckte Ziele auch unter Entbehrungen zu erreichen, lebt man nur noch von der Substanz und verwaltet die Konkursmasse. Das auch noch mit einer Überheblichkeit, die man sich schon längst nicht mehr leisten kann.
Der Autor ist alt genug, um sich an alle Weltmeisterschaften seit 1974 erinnern zu können. Klar, schon damals war nicht alles eitel Sonnenschein, aber doch fast immer solide. Wo es an Eleganz fehlte, wurde das durch harte Arbeit wettgemacht. Über Jahre wurde gar schrecklicher Rumpelfußball gespielt, der kaum mitanzusehen war, aber immerhin gab es robuste Kämpfer wie den „Sensenmann“ Jürgen Kohler, die wenigstens noch Einsatz zeigten und alles gaben.

Früher wurde noch Einsatz gezeigt: Typische Grätsche von Jürgen Kohler.
Elitenhass und Gleichmacherei
Die sucht man heute fast vergeblich. Der Leistungsgedanke ist dieser Gesellschaft gründlich ausgetrieben worden. Ein Bezieher von Sozialleistungen braucht morgens gar nicht mehr aufzustehen, das Geld kommt auch so vom Amt – und er ist kaum schlechter gestellt als mancher, der um 6:00 Uhr bereitsteht, wenn die Werkssirene dröhnt. Der Bundeskanzler gibt sich sonst immer als Verfechter des Leistungsgedankens, geißelt Trägheit und pflegt mehr Einsatz einzufordern. Die deutsche Nationalmannschaft hat diesen Einsatz nicht gezeigt, bekommt aber trotzdem ihre Streicheleinheiten von Merz.
Dabeisein ist alles – dieses Motto hat den Ehrgeiz, das Beste zu geben, längst abgelöst. Seit dem Schuljahr 2023/24 sind die Bundesjugendspiele an Grundschulen nicht mehr als Wettkampf, sondern als Wettbewerb deklariert. Es geht nicht mehr um Leistung, sondern darum, Spaß an Bewegung zu haben. So erspart man Schülern mit schlechten Leistungen ein schlechtes Gefühl, wenn andere schneller laufen oder weiter springen und schließlich als Sieger geehrt werden.
Seit sich linke Sozialklempner mit ihrer Ansicht durchgesetzt haben, Leistung zu fordern, sei Folter, muss man sich nicht mehr anstrengen, weshalb man auch am Gymnasium das Abitur hinterhergeworfen bekommt, gern auch mit Einsernote. Das, was am Ende vorgewiesen wird, hat aber mit Leistung wenig zu tun, dafür umso mehr mit der Dominanz eines Milieus, das Eliten hasst und auf Gleichmacherei aus ist und Ehrgeiz und Anstrengung verteufelt.
Der Schiri ist schuld, oder der Ukraine-Krieg
So wie man im Fußball die Verantwortung für ein Debakel gern anderen in die Schuhe schiebt (wir erinnern uns an die Schiri-Schelte), macht man es auch in der Politik. Dort sind es nicht der Referee oder der unbespielbare Rasen, die schuld an der Niederlage sind, sondern andere externe Faktoren. Wir wären ja so erfolgreich, wenn es nicht so schreckliche Dinge gäbe wie ein Virus, den Klimawandel oder den Ukraine-Krieg!
Ansonsten wird der Zusammenhalt in der Niederlage beschworen. Bundeskanzler Friedrich Merz legte, nachdem über 10.000 Kommentare zu seinem Tweet gepostet worden waren, bei X nach: „Erfolge feiern wir gemeinsam. Und in der Niederlage stehen wir zusammen. Das macht uns stark. Wer den Adler auf der Brust trägt, hat unseren Rückhalt verdient und nicht unseren Spott.“ Dabei war gar nicht die Mannschaft verspottet worden, sondern er selbst für sein verheerendes Statement.
Die Bürger haben auch kein Interesse daran, ständig in ein „Wir“ eingespannt zu werden. Weder muss man sich mit Nationaltrainer Julian Nagelsmann solidarisieren noch mit dem Kanzler. Beide haben für ihr Scheitern Verantwortung zu tragen. Statt einzusehen, dass es ihnen an dem gebricht, was unser Land einst stark machte – Leistungswille, Disziplin, Bescheidenheit, Fokus auf das Wesentliche und ein gewisser Ehrgeiz –, und die Ursachen für den ausbleibenden Erfolg ehrlich zu analysieren, reagieren sie mit Trotz.
Kein Rücktritt, nirgends
Und der besteht aus einer unheilvollen Mixtur aus Herablassung, Kritikunfähigkeit und Larmoyanz. Früher trat ein DFB-Trainer noch zurück, wenn er ein Debakel zu verantworten hatte, heute sagt Julian Nagelsmann: „Ich stehe zur Verfügung. Wenn der DFB das möchte, mach’ ich die EM ’28, und wenn nicht, dann müssen sie’s mir sagen.“ Von allein zieht er keine Konsequenzen.

Julian Nagelsmann „hat noch Vertrag“ bis 2028, warum sollte er zurücktreten?
Ganz ähnlich der Kanzler. Im Dutzend gebrochener Wahlversprechen, also der Lüge überführt, und angesichts von skandalösen Statements etwa seiner Arbeits- und Sozialministerin Bärbel Bas sieht er keine Veranlassung, irgendwelche personellen Konsequenzen zu ziehen, schon gar nicht bei sich selbst. Rücktritte waren gestern, heute klammern sich Bundeskanzler wie Bundestrainer bis zuletzt an ihre Posten. Und finden auch weiter nicht den Mut, etwas Substanzielles zu ändern. Kritiker kanzeln sie prinzipiell als Miesmacher ab, die alles schlechtreden und die man nicht ernst nehmen muss.
Stattdessen sollen wir alles so hinnehmen, wie es eben passiert. Uns mit dem Abstieg abfinden und „auch in der Niederlage zusammenstehen“, wie der Kanzler schrieb. Das große „Wir“ beschwören. In einer Instagram-Story vom Dienstag („Letzter Tag“) postet der Account @dfb_team gut 20 Bilder vom Spiel gegen Paraguay, auf den meisten sind Spieler zu sehen, einzeln oder als Mannschaft, keine Action. Stattdessen wirbt man um Empathie in schwerer Stunde, nachdem man sich bis auf die Knochen blamiert hat.

Dieser kurze Weg war steinig und schwer.
Fideln auf dem Deck der Titanic
„Danke, dass Ihr diesen Weg mit uns gegangen seid“, heißt es am Ende. Es war nur ein kurzer Weg, so es überhaupt einer war, wenn man sich direkt nach der Gruppenphase verabschieden muss. Aber der Weg zum Tiefpunkt war schon ein längerer, und es war ein schmerzhafter. So wie für Politik und Gesellschaft, wo man auf dem Deck der Titanic noch eine Weile fidelt, bis es auf einmal ganz schnell abwärts geht.
„Ohne Fleiß kein Preis“ – was wir Boomer schon als Kinder lernten, sagt heute niemandem mehr etwas. Im Schweiße seines Angesichts muss keiner mehr was erwerben. Schließlich gibt es Lob und Anerkennung auch ohne (große) Leistungen, wie die Urkunde bei den Bundesjugendspielen, das Einser-Abi, das Bürgergeld oder auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Man soll sich ja wohlfühlen.
Bis andere einem aufzeigen, dass nicht alles gratis sein kann. „There is no such thing as a free lunch“, sagt man in Amerika. Jeder Vorteil, jede Leistung oder jedes Geschenk hat letztendlich seinen Preis. Wenn Deutschland das nicht endlich zur Kenntnis nimmt, geht es weiter südwärts, nur noch schneller als bisher.
Lesen Sie dazu auch: Die Wirtschaftsnation liegt auf der Intensivstation – und damit ganz Deutschland
Haben Sie einen Hinweis zu diesem Thema? Hier können Sie uns schreiben.
Haben Sie Fehler entdeckt? Dann weisen Sie uns gern darauf hin.
Mehr NIUS:
Die Teufel sind unter uns
ZDF verschweigt 100. Geburtstag von Peter Alexander
„Weniger weiße Babys, mehr Migranten“: Weil Linke den Westen hassen, sollen wir keine Kinder mehr bekommen
Der Staat gegen Ben Ungeskriptet! Zensur-Angriff wegen Höcke-Interview
Wahlen zum Abgeordnetenhaus: In Berlin entscheidet mal wieder die Mauer
Fetisch, Hundemasken und „Furries” beim Münchner CSD
Deutschland schützt Schweine bei Hitze besser als alte und kranke Menschen
Warum ich als Frau den Männer-Hass von Campact verabscheue
Mehr NIUS:
Der Staat gegen Ben Ungeskriptet! Zensur-Angriff wegen Höcke-Interview
Wahlen zum Abgeordnetenhaus: In Berlin entscheidet mal wieder die Mauer
Fetisch, Hundemasken und „Furries” beim Münchner CSD
Deutschland schützt Schweine bei Hitze besser als alte und kranke Menschen
Warum ich als Frau den Männer-Hass von Campact verabscheue
Wer gegen Klimaanlagen ist, ist nicht fürs Klima, sondern gegen den Menschen
Mord an 17-Jährigem: Er könnte dein Sohn sein
Mehr Rente ab 2047 – ich freue mich schon
Claudio Casula
Artikel teilen
Kommentare