Krieg der Hauptstadtjournalisten auf X: Gabor Steingart wirft Kult-Podcasterin „Prostitution“ vor
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Claudio CasulaVon zwei bekannten Podcastern eingesprochene Werbung nennt der Journalist Gabor Steingart „Prostitution“. Der Streit darüber wird öffentlich auf der Plattform X (früher Twitter) ausgetragen.
Wer hätte das gedacht: Die derbe, polemische Schmähvokabel „Presstituierte“, mit der das Protestmilieu zuweilen Journalisten bedenkt, die sich der Macht andienen und die Politik verteidigen, um auch im Regierungsflieger mitreisen zu dürfen, würden diese sich natürlich verbitten.
Doch jetzt hat Gabor Steingart, Gründer des Medienunternehmens Media Pioneer, das das Portal The Pioneer mit einem Redaktionsschiff betreibt, seinen Berufskollegen Robin Alexander und Dagmar Rosenfeld, die den sehr erfolgreichen Politik-Podcast „Machtwechsel“ verantworten, vorgeworfen, käuflich zu sein. Grund dafür ist, dass die beiden darin Werbetexte vorlesen.
Durch Host-Read-Ads unseriös und käuflich?
Diese „Host-Read-Ads“ sind eine Form der Werbung, die in den USA den Anfang der kleinen Radiostationen möglich gemacht haben und einen gewissen Retro-Charme besitzen, aber nicht unumstritten sind. Steingart knöpfte sich, ohne Alexander und Rosenfeld beim Namen zu nennen, die beiden vor:
„Renommierte Journalisten lesen in ihren Podcasts Reklametexte vor, die als sogenannte Host-Read-Ads besonders wertvoll sind“, meinte Steingart. „Man tauscht Glaubwürdigkeit gegen Geld, unter Beibehaltung der eigenen Stimme. In der Statistik firmiert das weiter unter ‚Publizistik‘. Ehrlicher wäre die Umbuchung zur Prostitution.”

Der Text von Gabor Steingart, der den Zoff auslöste.
Dagmar Rosenfeld, sonst bekannt für scharfe Analysen und kühles Auftreten, fühlte sich, wohl zu Recht, angesprochen und reagierte angefressen, weil sie sich als Journalistin (und Steingarts Kolumnistin) attackiert fühlte. Auf der Plattform X schrieb sie an Steingart:
„Lieber Gabor Steingart, mit Entsetzen lese ich, dass du meinen Journalismus ‚Prostitution‘ nennst. Wir sind uns unter diesen Umständen sicherlich einig, dass ich deiner Bitte, weiter als Kolumnistin für The Pioneer tätig zu sein, nicht mehr nachkomme.“

Dagmar Rosenfeld schießt scharf zurück.
Reaktionen auf den Journo-Beef
Auch Robin Alexander schaltete sich ein und keilte zurück: „Ein Lifetime-Abo bei The Pioneer kostet 5000 Euro. Stil und Anstand wird sich Gabor Steingart mit keinem Geld mehr kaufen können.“ Mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu verfolgen X-User den öffentlich ausgetragenen Beef zwischen renommierten Hauptstadtjournalisten, die sich sonst so viel auf ihre Seriosität zugutehalten und plötzlich um Host-Read-Ads zicken wie Marktfrauen um den letzten Spargel.
„Seltsam, warum wird dieser Disput über X ausgefochten? Können Sie nicht mehr miteinander sprechen?“, fragt ein Nutzer. „Was für eine Debatte in einem Gewerbe, in dem jeder weiß, wie wenig Abweichung schon für das Karriereende reicht und jeder bereit ist, sich für den nächsten Beitrag inhaltlich zu verkaufen“, schreibt ein anderer. „Wer im A350 der Regierung mitreist, bewahrt sich sicher eine gänzlich ungetrübte Sichtweise und berichtet frei von jeglicher Beeinflussung“, meldet sich ein weiterer ironisch zu Wort.
Interessant ist der Disput vor allem, weil Rosenfeld früher Mitherausgeberin von Steingarts Medienmarke The Pioneer war. Mit ihrem gemeinsamen Podcast „Machtwechsel“ wollen Rosenfeld und Alexander beweisen, „dass ruhiger und hintergründiger Journalismus auch und gerade in diesen aufgeregten Zeiten vermarktbar ist – von unabhängigen Journalisten, die auch unternehmerisch für ihr Produkt stehen“.

Erfolgreich mit ihrem Podcast „Machtwechsel“: Dagmar Rosenfeld und Robin Alexander.
„Entpört Euch!“
Die Unabhängigkeit spricht ihnen Steingart, dessen The Pioneer an Relevanz und Reichweite deutlich verloren hat, ab. Dafür muss er bei X heftig einstecken. Eine Reaktion:
„Wer 5000 Euro für ein Lifetime-Abo auf einem Redaktionsschiff verlangt, sollte zumindest die Grundregeln der zivilisierten Debatte beherrschen. Gabor Steingart demaskiert sein Verständnis von ‚unabhängigem Journalismus‘ als bloße Selbstherrlichkeit: Wer Kollegen als ‚Prostituierte‘ beschimpft, nur weil ihm die Berichterstattung missfällt, hat den moralischen Kompass längst gegen die eigene Eitelkeit getauscht. Dagmar Rosenfeld zeigt die nötige Konsequenz. Anstand lässt sich eben nicht crowdfunden, er ist eine Frage des Charakters – ein Konzept, das auf der Pioneer One wohl keinen Platz im Budget fand.“
Michael Bröcker, Chefredakteur von Table Briefings, bettete den Tweet von Rosenfeld ein und schrieb dazu sarkastisch: „Ein Gordon Repinski oder Rasmus Buchsteiner oder ich sind natürlich leicht zu ersetzen, aber diese Frau eigentlich nicht. Schade, The Pioneer!“
Steingart startete daraufhin einen Versuch, Druck aus dem Kessel zu nehmen, und schrieb:
„Entpört Euch! Ich habe keinen Journalisten namentlich angegriffen, sondern eine Werbeform im Podcast, die ich nicht für ehrenhaft, sondern für ehrenrührig halte. Die Trennung von Redaktion und Werbung (siehe Pressekodex Zif. 6 & 7 ) wird durch Host Read Ads verletzt. Dadurch, dass der Journalist gegen Bezahlung dem Werbekunden seine Stimme leiht, wird ein Vertrauenstransfer versucht. Das finde ich nicht modern, sondern klebrig. Der Vorleser/ehemals Journalist sollte offen legen, wie viel Geld er dafür bekommen hat. Zur Sache!“

Gabor Steingart (früher Spiegel, Handelsblatt) übt sich in Kollegenschelte.
Erhaben im Regierungsflieger, zickig bei X
Man muss sich angesichts des Beefs klarmachen, dass es hier nicht um drei x-beliebige Podcaster aus dem Home-Office handelt, sondern um bekannte Journalisten, die mit im Regierungsflieger sitzen. Die auf Auslandsreisen im Hinterzimmer mit Ministern tuscheln, die wissen, wer gerade wen im Kanzleramt nicht mehr grüßt, und die den Rest der Republik mit „Insiderwissen“ versorgen. Sie sind die moderne Version der alten Hofberichterstatter, nur mit Mikro statt Federkiel. Sie begleiten Politiker nicht nur – sie sind gewissermaßen ihr Schatten, ihr Spiegel, ihr manchmal etwas zu nah kommender Begleiter.
Und genau diese erlauchten Gestalten streiten sich jetzt öffentlich darüber, ob es ehrenrührig ist, wenn man im Podcast die Stimme für einen Werbekunden leiht. Statt Analysen über die große Politik und die Krisen dieser Welt zelebrieren sie albernen Zoff wie auf dem Pausenhof: „Du hast meine Glaubwürdigkeit beleidigt!“ – „Nein, nur deine Monetarisierungsstrategie! Das ist doch wie Prostitution!“ – „Ach ja?! Dann schreibe ich nicht mehr für dich, ätsch!“
Gutsituierte Journalisten, durch zahllose Talkshow-Auftritte längst zu Eigenmarken geworden, verlieren komplett die Contenance, sobald es um ein paar Euro Werbeeinnahmen geht. Möglicherweise repräsentieren diese Hauptstadtjournalisten doch ziemlich gut das Milieu, in das sie eingebettet sind, weil sie es eins zu eins spiegeln. Erhaben im Regierungsflieger, und auf der Timeline liefern sie sich ein Hauen und Stechen zum Fremdschämen. Immerhin, es gibt sie also doch noch, die streitbaren Journalisten.
Lesen Sie dazu auch: So bitterlich weinen Hauptstadt-Journalisten um ihren Robert
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