Welt-Bericht mitten im Wahlkampf: Die Manipulations-Affäre um den angeblichen AfD-Hitlergruß
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Mitten in einer heißen Wahlkampfphase taucht plötzlich ein Foto aus dem Jahr 2020 auf. Es zeigt den sachsen-anhaltischen AfD-Landeschef Martin Reichardt mit erhobenem linken Arm – zahlreiche Medien deuten die Geste als Hitlergruß. Doch was auf dem Bild tatsächlich festgehalten wird, ist unklar. Journalisten berufen sich auf anonyme oder nicht näher benannte Zeugen, deren mögliche Eigeninteressen für das Publikum nicht überprüfbar sind, und lassen entscheidenden Kontext weg.
Hat Martin Reichardt im Jahr 2020 tatsächlich einen Hitlergruß gezeigt? Eindeutig geklärt ist das bislang nicht. Dennoch berichten zahlreiche Medien über den Vorfall, als sei diese Frage bereits eindeutig beantwortet. Ein Foto zeigt Reichardt auf einer privaten Grillparty mit erhobenem linken Arm; unmittelbar vor ihm kniet Markus Motschmann, der an diesem Tag seinen Aufnahmeantrag für die AfD stellte. Reichardt selbst erklärte in einer Bundestagsdebatte auf Zwischenfragen der Union: „Dieses Foto stellt keinen Hitlergruß dar. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie irgendwo einen Hitlergruß gezeigt.“
Im Podcast von Politico und Welt erklären die Journalisten Frederik Schindler und Pauline von Pezold hingegen, es gebe zwei Zeugen, die die Geste als Hitlergruß beschreiben. Wer die Zeugen sind, bleibt jedoch offen. Für das Publikum ist daher nicht nachvollziehbar, wie belastbar ihre Aussagen sind, in welchem Verhältnis sie zu den Beteiligten stehen, und ob mögliche Eigeninteressen eine Rolle spielen könnten – Fragen, die gerade im Kontext eines laufenden Wahlkampfs von Bedeutung sind.
Bemerkenswert ist auch der Ort, an dem das Foto möglicherweise entstand. Focus-Redakteurin Antje Hildebrandt schreibt auf X: „Das Foto entstand auf dem Hof jenes MdB aus Sachsen-Anhalt, der im März aus der Fraktion flog, weil er die Vetternwirtschaftsvorwürfe publik gemacht hat. Noch Fragen?“

In einem weiteren Beitrag schreibt sie: „Aus der Thüringer AfD höre ich, es sei Björn Höcke gewesen, der diesen Whistle Blower dazu angestiftet habe, diese Vetternwirtschaftsaffäre richtig groß aufzublasen – um seinen größten Konkurrenten Ulrich Siegmund zu beschädigen. Der Beschuldigte dementiert das.“
War Jan Wenzel Schmidt der Zeuge?
Gemeint ist offenbar der Bundestagsabgeordnete Jan Wenzel Schmidt. Sollte einer der von Politico und Welt angeführten Zeugen tatsächlich aus dessen Umfeld stammen oder Schmidt selbst sein, wäre dies für die Einordnung der Zeugenaussagen durchaus relevant. Denn der Bundestagsabgeordnete hatte sich zuletzt selbst mit der AfD-Führung überworfen und Vetternwirtschaftsvorwürfe gegen die Fraktion öffentlich gemacht, nachdem gegen ihn seit Dezember 2025 ein Parteiausschlussverfahren läuft. Grund hierfür sind Vorwürfe der Erpressung und Untreue, aber auch fragwürdige Geschäfte im Zusammenhang mit Diamanten und E-Tabak. Dass das Foto nach Angaben Hildebrandts auf seinem Hof entstand, macht die parteiinternen Konfliktlinien und möglichen Interessenlagen für die Einordnung der Berichterstattung zumindest relevant.

Jan Wenzel Schmidt im Februar 2026 im Gespräch mit NIUS
Bildausschnitt manipulativ gewählt
Ein weiteres Indiz dafür, dass die Recherche von Beginn an auf die Bestätigung einer bereits feststehenden These ausgerichtet war, liefert der Bildzuschnitt. Sowohl die Welt als auch Frederik Schindler und Pauline von Pezold auf ihren X-Profilen zeigen das Foto in einer manipulativ beschnittenen Version. Dadurch bleibt ausgeblendet, dass sich unmittelbar vor Martin Reichardt eine kniende Person befindet – ein Detail, das für die Einordnung der Szene durchaus relevant sein kann. Potenziell entlastender Kontext wurde also weggelassen – und das in einer heißen Wahlkampfphase. Erst hinter der Paywall im Welt-Artikel kann der Leser das komplette Bild sehen.

Auch die „Bild“ wählte den Bildausschnitt zunächst so, dass entscheidender Kontext fehlte. Inzwischen ist der Fehler behoben.
Gegen die Deutung als Hitlergruß sprechen einige Auffälligkeiten: Reichardt hebt die linke statt der rechten Hand, außerdem sind die Finger nicht geschlossen. Das passt zumindest nicht zum typischen Bild eines Hitlergrußes.

Auch der Podcast selbst wirkt an dieser Stelle inkonsistent. Pauline von Pezold führt darin ein Gespräch mit Markus Motschmann, versucht, ihm auf den Zahn zu fühlen. In der Anmoderation stellt sie dabei zunächst fest, Motschmann bestreite, dass es sich um einen Hitlergruß gehandelt habe. Im Interview folgt dann jedoch dieser Austausch: Pezold: „Also, Sie finden, das kann man als Joke machen, so einen Hitlergruß?“ Motschmann: „Ja, ich mache Jokes, ohne dass mich in irgendeiner Weise interessiert, was die Political Correctness dazu sagt.“ Am Ende des Beitrags fasst Pezold das Gespräch mit den Worten zusammen: „Auch einen Hitlergruß zu machen, findet er in Ordnung.“
Laut Landesvorstand handelte es sich um einen symbolischen „Ritterschlag“
Der AfD-Landesvorstand weist den Vorwurf eines Hitlergrußes zurück. Nach seiner Darstellung zeigt das Foto einen symbolischen „Ritterschlag“ für Markus Motschmann. Auch Motschmann selbst vertritt diese Version, erklärt gegenüber der Jungen Freiheit, er habe auf der Grillfeier des AfD-Kreisverbands einen Mitgliedsantrag ausgefüllt.
Das Formular habe er an den stellvertretenden Landesvorsitzenden Hans-Thomas Tillschneider übergeben, woraufhin dieser vorgeschlagen habe: „Moment mal, unser Landesvorsitzender Martin Reichardt ist doch auch hier. Der kann daraus ein kleines Ritual machen.“ Daraufhin habe Reichardt gesagt, er wolle ihn aus Scherz zum Ritter schlagen: „Ich habe mich mit meinem Mitgliedsantrag hingekniet, und Reichardt hat mich mit einem imaginären Schwert zum Ritter geschlagen. Mit einem Hitlergruß hatte das absolut nichts zu tun. Das Ganze war eine scherzhafte Sache auf einem Grillfest, ein reiner Joke. Ich kann die Aufregung nicht verstehen“, sagt Motschmann zur Jungen Freiheit.
Ablehnung durch Meuthen soll erst Monate später erfolgt sein
Die Erklärungen vom Landesvorstand und von Reichardt selbst halten Frederik Schindler und Pauline von Pezold jedoch für unplausibel. Denn diese bringen den „Ritterschlag“ mit der Ablehnung durch Jörg Meuthen in Verbindung. Die Recherche der beiden Journalisten ergab allerdings, dass die Ablehnung des Antrags durch den damaligen Bundessprecher Meuthen erst Monate später erfolgte. Ein „Ritterschlag“ als Anspielung auf die spätere Ablehnung könne daher zu diesem Zeitpunkt noch nicht gemeint gewesen sein.
Als weiteres Indiz gegen Reichardt führen Schindler und Pezold ein anderes Verfahren an: Gegen den AfD-Bundestagsabgeordneten Matthias Moosdorf wird wegen des Verdachts des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen ermittelt. Nach Darstellung der Ermittlungsbehörden soll Moosdorf Martin Reichardt im Bundestag mit einem Hitlergruß begrüßt haben. Ob und inwieweit dieser Vorwurf Rückschlüsse auf die Einordnung des Fotos aus dem Jahr 2020 zulässt, bleibt jedoch eine Frage der Bewertung.
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