Filmkritik zu „Maestro“: Große Bilder, große Emotionen, großartige Musik
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- „Maestro“ erzählt die Lebensgeschichte von Leonard Bernstein.
- Als wahres Genie war er offen für alles – zum Leid seiner liebenden und geliebten Ehefrau.
- Dieses Meisterwerk übertönt die verfrühte „woke“ Kritik problemlos durch seine Qualität.
Leonard Bernstein war ein Mann mit vielen Facetten: ein brillanter Dirigent, ein herausragender Komponist und Pianist, ein profilierter Autor und bewunderter Lehrer. Dem Alkohol und weiteren Drogen verfallen, aber ein liebender Ehemann und Vater. Aber auch ein Homosexueller, der seine vielen amourösen Abenteuer nur schwer vor der Außenwelt verbergen konnte, insbesondere, als diese das Scheinwerferlicht auf ihn richtete.

Wenn Wahnsinn und Genie zur Erschöpfung führen.
Einem solchen Mann mit einer filmischen Biografie gerecht zu werden, ist ein Kunststück und es bedarf eines großartigen Regisseurs, das auch zu vollbringen – und allein deshalb hoben sich so einige Augenbrauen, als Bradley Cooper 2020 ankündigte, auf den Regiestuhl des Projekts klettern zu wollen, den zuvor Martin Scorsese und Steven Spielberg für sich auserkoren hatten.
Weiterhin wollte er auch die Hauptrolle spielen, was eigentlich Sinn machte: Spielberg hatte ihm diese nämlich bereits angeboten und die Regieofferte erst hinterhergeschoben, als ihn Coopers fulminantes Spielfilmdebüt „A star is born“ zu diesem Schritt überzeugte.

Noch hält das junge Glück. Bradley Cooper und Carey Mulligan
Verfechter der „woken“ Identitätspolitik sahen dies allerdings deutlich anders und schossen sich schon auf den Film ein, bevor auch nur ein Filmschnipsel den Schneideraum erreichen konnte.
Die Sache mit der Nase
Grund dafür waren erste Bilder vom Set, die Regisseur und Hauptdarsteller Cooper mit einer Nasenprothese zeigten, die an Bernsteins berühmten Zinken erinnern sollte, aber dazu führten, dass die kulturelle Elite sich plötzlich erinnerte, dass der in Pennsylvania geborene Star kein Jude war. Schnell flogen Worte wie „Antisemitismus“ und „Judennase“ durch den Äther – sowie die Kritik, dass die britische Hauptdarstellerin Carey Mulligan auch nicht gerade so aussah, als seien ihre Wurzel in Kuba und Chile.

Dass Bernsteins Kinder dieses spezielle Make-up vehement verteidigten und bekräftigten, man habe sie bei dieser künstlerischen Entscheidung mit einbezogen, beruhigte den kulturellen Lynchmob nicht im Geringsten – und deshalb ist es umso erfreulicher, dass der Film dies nun selber tun kann.
Große Bilder, große Emotionen, großartige Musik
„Maestro“ entpuppt sich nämlich als eines der großen filmischen Meisterwerke dieses Jahres und dürfte in so gut wie jeder relevanten Oscar-Kategorie Beachtung finden – ob nun Regie, Drehbuch, Kamera, Ausstattung – und ja, auch Make-up.

Der Film beginnt, nach einer kurzen Interview-Szene mit dem inzwischen fast 70 Jahre alten Bernstein, springt dann aber fix zurück ins Jahr 1943, als dessen 25-jähriges Ego einen unerwarteten Anruf bekommt. Der Gastdirigent des New York Philharmonic Orchestra ist krank geworden und man bittet den jungen Assistenten, die abendliche Vorführung zu dirigieren. Natürlich ohne Generalprobe.
Bernstein kann sein Glück nicht fassen, klatscht kurz noch seinem Liebhaber zärtlich auf den Allerwertesten und macht sich auf zu seinem Debüt – das eine solche öffentliche Anerkennung erfährt, dass der talentierte Nobody urplötzlich zum Star der New Yorker Musikszene wird.
Im Sog des plötzlichen Ruhms
Weitere berufliche Höhepunkte werden folgen, aber „Maestro“ konzentriert sich weniger auf sie, als auf das wohl zweitwichtigste Ereignis in Leonard Bernsteins Leben: Bei einer Party trifft er die schöne Schauspielerin Felicia Montealegre (Carey Mulligan), verliebt sich in sie, schläft mit ihr und heiratet sie.

Ob Bernstein dies im wirklichen Leben tat, um besser in die New Yorker Society zu passen, in der er als Jude damals sowieso einen schweren Stand hatte, führt der Film nicht aus. Umso deutlicher wird er aber bei der Beziehung von Leonard und Felicia, die von gegenseitiger Liebe (wenn auch nicht immer gegenseitigem Respekt) geprägt ist – auch wenn das unstete Leben des Genies das Eheglück in späteren Jahren konstant gefährden soll.
Eine unkonventionelle, große Liebe
Bernstein kann nämlich weder von den Männern, noch dem Alkohol und später den Drogen lassen – und als das älteste seiner drei Kinder Fragen stellt, kommt eine der schmerzvollsten Szenen des Films. Er tut die Gerüchte um seine Homosexualität nämlich als unwahr ab – und dies so überzeugend, dass die Lüge für den Zuschauer wirkt wie ein Schlag in die Magengrube. Insbesondere, weil wir sehen und fühlen können, dass sie auch ihn schmerzt.
Hier liegt, neben der Geschichte einer großen Liebe, nämlich ein weiterer Kernpunkt des Films, der zu einer Zeit und in einer Welt spielt, in der Homosexualität so verpönt war, dass sie nur im Stillen und in dunklen Ecken ausgelebt werden konnte. Insbesondere, wenn man im Rampenlicht stand – was Bernstein fast so genießt, wie seine Musik.

In diesem Rampenlicht geht er nämlich so sichtlich auf, dass die Konzertszenen von „Maestro“ nicht weniger aufregend sind, wie die durchaus gelungen Schlachtszenen seines Oscar-Konkurrenten „Napoleon“ oder die Atombombenexplosion des momentanen Front-Runners „Oppenheimer“.
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Kino oder Netflix?
Diese Frage stellt den interessierten Zuschauer vor eine schwere Wahl, da man „Maestro“ hierzulande momentan im Kino sehen kann, aber ab dem 20. Dezember auch auf Netflix. Und selbst wenn eine Kinokarte heutzutage schon so viel kosten kann wie ein Monatsabo des Streamers, ist tatsächlich anzuraten, den Gang ins Lichtspielhaus zu bevorzugen.
Großes (und großartiges) Kino dieser Art und Qualität sieht man heutzutage nur noch selten – und der emotionale, bildliche und musikalische Bombast des Films macht das traditionelle Lichtspielhaus zum besten Ort, diesen Film zum ersten Mal zu sehen.
Und zeigt nebenbei den verfrühten Neinsagern die lange Nase. Ob nun mit oder ohne Prothese.
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Karsten Kastelan
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