Filmkritik zu „Poor Things“: Golden Globe abgestaubt – bekommt Emma Stone jetzt den Oscar?
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- „Poor Things“ ist eine umgedrehte Frankenstein Story.
- Das Monster ist halbwegs hübsch, der Erschaffer hat die Narben.
- Es geht um ein unschuldiges Wesen, das die „zivilisierte“ Welt hinterfragt.
Es gibt Filme, die um Zuschauer buhlen – und wiederum andere Filme, die alles Vermeintliche tun, um dieselben zu verschrecken. „Poor Things“, Preisträger als bester Film in Venedig (nun wirklich kein Dorf- und Wiesen-Festival) und beim Golden Globe, scheint es erst einmal auf Letzteres abgesehen zu haben.
Wir werden gleich zu Beginn mit Bella Baxter (Emma Stone) konfrontiert, einer jungen Frau, an der irgendetwas nicht ganz zu stimmen scheint. Und das auch noch im viktorianischen London, was die Gesamtsituation noch seltsamer macht.

Die Filmcrew freut sich über die Golden Globes.
Sie scheint in ihren 20ern zu sein, aber ihr Sprachvermögen ist irgendwo im Kita-Alter. Dafür gibt es einen Grund: Ihr Schöpfer, der arg vernarbte Dr. Godwin Baxter (Willem Dafoe), hat ihre Leiche nämlich aus der Themse geholt und ihr das Gehirn eines kleinen Kindes eingepflanzt. Ihres eigenen Kindes, was zwar einen kleinen Spoiler darstellt, aber inmitten des wahnsinnigen Plots nicht wirklich etwas zur Sache tut.
Unkonventionell wäre stark untertrieben
Ja, dies ist ein ungewöhnlicher Film – und man muss sich gute 30 Minuten auf ihn einlassen, bevor man den Wahnsinn von „Poor Things“ mit seiner Genialität verbinden kann. Zu Beginn an Friedrich Murnau und Fritz Lang erinnernd, und das in angefärbtem Schwarzweiß, wird sich dieser Film nämlich zu einer äußerst modernen Geschichte über weibliche Selbstbestimmung entwickeln – und das wird längst nicht so dröge, wie es jetzt hier klingt.
Bella, die anfangs noch an das Haus ihres Schöpfers gebunden ist, will nämlich raus in die Welt. Und da sie – bis auf ihre Augenbrauen, die an Frida Kahlo oder Wolfgang Schäuble erinnern – auch nicht unattraktiv ist, finden sich schnell Bewerber, um ihr dies zu ermöglichen.

Bella wird von den Toten auferweckt.
Und so beginnt sie ihre Reise in die wirkliche Welt. Erst mit einem schleimigen Charmeur (der großartige Mark Ruffalo), dann selbstbestimmt als Prostituierte in Paris – ganz nach dem Motto: „So einfach kann man Geld verdienen?“
Mut zur Hässlichkeit
Dies hätte, zugegeben, auch der Plot für einen RTLII-Film in den 1980ern sein können. Ist es aber deshalb nicht, weil „Poor Things“ einen Mut zur Hässlichkeit zeigt. Sein „Dr. Frankenstein“, also Willem Dafoe, ist von Narben gezeichnet. Weil sein Vater, auch ein Wissenschaftler, an ihm experimentierte. Bella hat besagte Augenbrauen.
Aber die Hässlichkeit geht auch unter die Haut. Bella ist pur, in ihrer Freiheit, aber auch ihrer Naivität. Eine der schönsten Szenen spielt auf einem Kreuzfahrtschiff, auf dem sie zum ersten Mal entdeckt, dass man auch „tanzen“ kann. Für sie ganz neu, aber – so seltsam es in dem Kontext erscheinen mag – so lebensbejahend. Komplett verrückt – und deshalb so schön anzusehen.
Hässlich sind viele Menschen um sie herum. Zumindest innerlich. Und das zeigt sich auch. Bella ist, wie es Mary Wollstonecraft Shelley in ihrem Roman so schön ausdrückte, der „moderne Prometheus“, ein Mensch geschaffen aus Lehm und offen für alles. Der Rest ist, ehrlich gesagt, eher verdreckt von der geltenden „Zivilisation“.

Willem Defoe brilliert als Wissenschaftler.
Wer denkt sich denn so etwas aus?
Ja, und nun muss man sich durchaus fragen, wer sich einen solchen Film ausdenken kann und ausgedacht hat. Er heißt Yorgos Lanthimos, ist in Athen geboren und schon seit einiger Zeit ein Darling der Kunstfilmszene.
Filme wie „The Lobster: Eine unkonventionelle Liebesgeschichte“, „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ oder „The Killing of a Sacred Deer“ sprechen für seine Kompetenz, seine Kunstfertigkeit – aber warum ist „Poor Things“ jetzt plötzlich ein Oscar-Kandidat? Klar, gewinnen wird „Oppenheimer“ oder ganz vielleicht „Past Lives“, aber Emma Stone als beste Hauptdarstellerin scheint gesetzt.
Obszön und lebensfroh
Die Antwort liegt in der unglaublichen Originalität des Films. Wer die ersten 30 Minuten des Films erträgt – und das ist nicht einfach –, wird mit einem großartigen, bunten und erlebnisreichen Kinoereignis belohnt. Man muss sich nur darauf einlassen können.
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Karsten Kastelan
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