Filmkritik zu „Retribution“: Berlin mal autofreundlich
Ein Beitrag von
- Liam Neeson rast mit dem Auto durch Berlin.
- Mit seinen Kindern auf dem Rücksitz und einer Bombe unterm Hintern.
- Glücklicherweise ist es ein Berlin ohne Staus, Graffiti und Klimakleber.
Als Jan de Bonts „Speed“ 1994 in die Kinos kam, war der Standardwitz in Hollywood, was nach den ersten fünf Minuten passieren soll. Schließlich ist der Bus mit einer Bombe versehen, die automatisch hochgeht, wenn die Fahrgeschwindigkeit unter 80 Kilometer pro Stunde fällt. So schwer es fällt, diesen alten Kalauer nochmal aufzuwärmen – man kommt leider nicht um ihn herum, da der neue Liam Neeson Thriller „Retribution“ diese Prämisse zu großen Teilen übernimmt, wenn auch in einer deutlich abgespeckten Version.

Seit Mitte September ist der Action-Thriller „Retribution“ in den Kinos zu sehen.
Statt dem Bus handelt es sich diesmal um einen schnöden SUV, statt dutzenden von Passagieren sitzen nur Neeson und seine zwei Kinder auf der Bombe und das computergesteuerte Tempolimit wird durch eine mysteriöse Stimme am Handy ersetzt. So weit, so altbekannt, auch weil es sich bei „Retribution“ schon um das dritte Remake derselben Story handelt – die vorherigen Versionen kamen aus Spanien, Südkorea und Deutschland – und zum zweiten Mal spielt der Film in Berlin.
Berlin wie aus dem Bilderbuch
Aber was für ein Berlin, da man es selbst als Hauptstadtbewohner fast nicht wiedererkennen kann. Die Straßen sind sauber, die Wände graffitifrei und der Verkehr fließt ziemlich zügig, auch wenn am Ende eine winzige Klimademo vorkommt, bei der aber niemand am Asphalt klebt und die Wasserwerfer eher den Output eines Gartenschlauchs haben.

Um sich und seine Familie zu retten muss Matt eine Reihe von Anweisungen befolgen, die immer gefährlicher werden, und gleichzeitig das Geheimnis des Anrufers entschlüsseln.
Und dann wäre da noch die Polizei, die sich irgendwann an Neesons Fersen heftet, da der Bösewicht das eine oder andere Testbömbchen unterwegs platziert hat, mit denen er dessen Kollegen bei einer großen Investmentfirma nach und nach ausschaltet. Was Neeson da genau tut, wird nicht sonderlich klar, aber zumindest erfahren wir ziemlich bald, was der Bombenleger will – einige hundert Millionen Euro, die auf irgendeinem schwarzen Konto im sonnigen Dubai gelandet sind und dort vor sich hin schlummern.
Immer diese bösen Kapitalisten
Denn wie es sich heutzutage im Kino oder bei jedem Tatort gehört, sind die Bösen natürlich wieder die Kapitalisten, die sich an den Konten ihrer Kunden vergangen haben, die praktischerweise auch böse Kapitalisten sind. Aber all dies fällt sowieso nicht sonderlich ins Gewicht, da es Regisseur Nimród Antal hauptsächlich darum zu gehen scheint, die 91-minütige Spielzeit so locker-flockig wie möglich am Autofenster vorbeiziehen zu lassen. Was ihm durchaus gelingt, wenn auch mithilfe einiger komischer Momente, die aber hauptsächlich dem unfreiwilligen Humor zuzuordnen sind.

Der Film spielt in der Innenstadt von Berlin.
Autostunts mit Sicherheitsabstand
Viele von diesen sind der Polizei bzw. Europol zuzuordnen, da die Beamten hier mit hochmodernem Geschütz und einem Waffenarsenal anrücken, dass einem Berliner Wachtmeister angesichts der in der Realität komplett kaputtgesparten Behörde die Tränen in die Augen treiben dürfte.
Lachtränen kommen allerdings bei einigen der Autostunts auf, da die Beamten bei Straßensperren peinlich darauf achten, eine ausreichend große Lücke mit Sicherheitsabstand offenzulassen, was durchaus eine Anordnung des Rot-Rot-Grünen Senats gewesen sein könnte, der während der Dreharbeiten noch fest am Ruder saß und dem man einen solchen Blödsinn durchaus zutrauen kann.
Aber vielleicht haben wir Deutschen bei Autostunts auch nur noch Lernbedarf. Fazit: „Retribution“ ist gerade einmal spannend genug für einen gemütlichen Feierabend auf dem Sofa.
Lesen Sie auch: Genie und Wahnsinn: Der neue Kinofilm Dalíland entführt einen in die 70er-Jahre
Mehr NIUS:
Von Helden und der Glaubenssuche: „Unpolitisch Korrekt“ am Sonntag von 9 bis 12 Uhr bei NIUS Radio
Ganz Deutschland trägt das NIUS-Trikot
Darf man das noch sagen? „Unpolitisch Korrekt“ am Sonntag von 9 bis 12 Uhr bei NIUS Radio!
Rezension zu „Disclosure Day“: Dieser Film ist Paranoia pur!
Neuer Song „Dai Dai“: Keine Fußball-WM ohne Shakira
„Scary Movie“: Wenn die Parodie selbst zum Gruselkabinett wird
Was ist vom Sommermärchen 2006 geblieben? „Unpolitisch Korrekt“ am Sonntag von 9 bis 12 Uhr bei NIUS Radio!
Vom Publikum gefeiert, von der Kritik verrissen: Die Anti-Macho-Komödie „Ladies First”
Mehr NIUS:
Rezension zu „Disclosure Day“: Dieser Film ist Paranoia pur!
Neuer Song „Dai Dai“: Keine Fußball-WM ohne Shakira
„Scary Movie“: Wenn die Parodie selbst zum Gruselkabinett wird
Was ist vom Sommermärchen 2006 geblieben? „Unpolitisch Korrekt“ am Sonntag von 9 bis 12 Uhr bei NIUS Radio!
Vom Publikum gefeiert, von der Kritik verrissen: Die Anti-Macho-Komödie „Ladies First”
Erfolgshungrig und bodenständig: Warum die Deutschen Poldi immer noch feiern
Überraschende Töne von Campino: „Dieses Bild der Brandmauer, das hat auch schon seine Probleme“
„Unpolitisch Korrekt“ am Sonntag ab 9 Uhr auf NIUS Radio
Karsten Kastelan
Artikel teilen
Kommentare