Harald Schmidt bei Monika Gruber: „Die Aufregungsindustrie lässt einen nicht im Stich“
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Er ist einer der größten deutschen Entertainer: Harald Schmidt. Gewohnt scharfsinnig sprach der 68-Jährige jetzt im Podcast „Die Gruaberin“ mit Kabarettistin Monika Gruber über Politik und Entertainment.
Über die Talkshows von früher sagt Schmidt:
„Damals gab es halt Letterman, Jay Leno oder Larry King. Und das war eine ganz klare Auszeichnung. Da hattest Du zu liefern. Da waren die Frauen entsprechend attraktiv, wir mussten auch vielen tiefschürfenden Künstlerinnen bei uns erstmal die knöchellangen Pullis runterreißen und Glitzerfummel draufhängen, weil wir gesagt haben: Du, wir machen hier spätabends ’ne Talkshow … Inhalte sind schön, aber Auge geht vor Ohr.“
Während Kollegen gerne mal Opfer von Shitstorms werden, kann Schmidt meist sagen, was er will. So sieht der Vater von fünf Kindern auch die weltweite Militarisierung mit Skepsis:
„Ich finde, das sollte man sich öfter mal angucken, wenn jetzt so ’ne Begeisterung herrscht, ‚wir müssen verteidigungsbereit werden‘, wo es letzten Endes enden kann. Es fehlt bei uns die Kategorie ‚Opa erzählt vom Krieg‘. Als ich ein Kind war, hast du noch bei jedem Kaffee gehört: In Russland geblieben, Bein verloren, zwei Söhne gefallen und so. Das fehlt ja jetzt, die Generation ist tot.“
„Und wir diskutieren über das Stadtbild“
In dem Podcast äußert sich Schmidt auch über Außenminister Johann Wadephul. Deutschlands außenpolitische Rolle beurteilt der Moderator ohnehin kritisch:
„Nie wieder ist jetzt … ist ist ’ne Floskel. Wir haben ja in Europa nur eine Zuschauerrolle. Wir haben nichts zu entscheiden.“
Dafür gebe es jede Menge Stellvertreterdebatten, die mit großer Hitzigkeit geführt werden:
„Die Aufregungsindustrie lässt einen nicht im Stich. Gleichzeitig brennt es an allen Ecken und Enden weltweit. Und wir diskutieren über das Stadtbild. Kann man machen. Eigentlich ist es auch gut, weil, dann scheinen wir keine anderen Probleme zu haben. So ein Thema hält sich maximal 2 bis 3 Tage, dann kommt schon der nächste Irrsinn. Und Du weißt ja nie, aus welcher Ecke der nächste Irrsinn kommt …“

(Quelle: Harald Schmidt bei Monika Gruber: Krieg & Medienhysterie | Die Gruaberin)
„Auch hier siehst du ja den medialen Wahnsinn“
Mit Wind aus verschiedenen Richtungen kennt er sich aus: Schmidt spielt in der ZDF-Serie „Das Traumschiff“ seit vielen Jahren den Kreuzfahrtdirektor Oskar Schifferle. Manchmal darf es eben auch leichtes Entertainment sein. Übrigens hält Schmidt auch US-Präsident Donald Trump für einen geborenen Fernsehmann:
„Ich beurteile ja nicht, was er politisch macht, wäre auch uninteressant, weil: Auch hier siehst du ja den medialen Wahnsinn. Vor drei Wochen treibt er das Land in den Faschismus und sie sagen: ‚er hebelt den Rechtsstaat aus, er schlägt die Migranten, er wird uns alle mit in den Abgrund reißen.‘ Dann kommt der Frieden in Gaza: ‚Oh, wir müssen Trump anders sehen.‘ Er ist rüde, er ist ruppig, aber um so etwas durchzusetzen, braucht man diese Eigenschaft.“
„Wo soll ich denn sonst hingehen?“
Bei aller Kritik an der Empörungskultur hat der gebürtige Schwabe und Wahlkölner Deutschland nie verlassen, und das, obwohl Schmidt nach eigener Aussage nur 950 Euro Rente bekommt – nach mehr als drei Jahrzehnten im Showgeschäft.
„Die Leute fragen immer: ‚Wieso sind Sie noch in Deutschland?‘ Wo soll ich denn sonst hingehen? Ich bin ja von der Sprache abhängig, und ich wohne ausgesprochen gerne in Deutschland.“
„Das sind alles so Gaga-Sätze“
Grimme-Preisträger Schmidt gehört noch einer alten Garde von Satirikern und Freigeistern an. Doch der Beruf ist im aufgeheizten politischen Klima immer schwieriger geworden.
„‚Er ist ein wunderbarer Satiriker und es ist toll, er macht das, ohne zu verletzen.‘ ‚Er ist ein ganz toller Fußballer, aber er will auch gar keine Tore schießen, sondern ihm ist die Stimmung in der Kabine so wichtig‘ – das sind alles so Gaga-Sätze.“
Schmidt macht nach seinem Ausstieg als TV-Moderator 2014 sein eigenes Ding – und das mit Erfolg. Er engagiert sich bei der „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“, hält Lesungen und spielt Theater. Obwohl Schmidt selbst schon öfter im Kreuzfeuer der Kritik stand, lässt er sich von der Medienaufregung nicht mehr irritieren:
„Du siehst ein Mega-Thema, und dann tippst du für dich, wie lange hält sich das wohl? Ich schätze, morgen Mittag ist es vorbei, weil überraschend ein Fußballtrainer rausfliegt, den man kennt. Du musst ja wissen, unter welchem Druck die Journalisten stehen, online first. In den Lokalseiten kommt 70 Prozent von der künstlichen Intelligenz. Mir tun auch die Paparazzi leid, weil, was soll der Paparazzi noch fotografieren, wo jeder 200 Selfies von sich jeden Tag postet?“
Die Podcastfolge mit der Late-Night-Ikone gibt’s auf Spotify zu hören.
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Melanie Grün
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