Neu im Kino: Grusel auf Venezianisch
Ein Beitrag von
- „A Haunting in Venice“ basiert auf einem Agatha-Christie-Roman
- Besonders gruselig oder spannend ist er nicht
- Aber Kenneth Branagh als Hercule Poirot reißt ihn aus dem Mittelmaß
Agatha Christies „Halloween Party“ von 1969 ist sicherlich einer ihrer obskureren Romane – und das, obwohl hier einer der beliebtesten Helden der Autorin ermittelt: Hercule Poirot, der brillante belgische Privatdetektiv mit dem unverwechselbaren Schnurrbart, einer fast schon komischen Selbstverliebtheit und dem Talent, immer dann auf der Bildfläche zu erscheinen, wenn jemand ermordet wurde.
Dies ist allerdings zu Beginn von „A Haunting in Venice“, Kenneth Branaghs Filmadaption von Christies Roman, nicht notwendigerweise geschehen, da der schon fast überaus von Logik geprägte Poirot hier zu einer Seance geladen wurde, um ein bekanntes Medium des Betrugs zu überführen.
Dass er dies nur ungern tut, versteht sich von selbst, denn zum einen ist er inzwischen im selbstgewählten Ruhestand und der Auftrag, den er nur einer guten Freundin zuliebe angenommen hat, deutlich unter seiner Würde.

Kelly Reilly (links) und Kenneth Branagh (rechts) spielen die Hauptfiguren im neuen Kinofilm „A Haunting in Venice“.
Und plötzlich ist da doch ein Mord
Aber es kommt natürlich anders als erwartet – beziehungsweise genauso, wie man es bei einem Agatha-Christie-Roman erwarten sollte. Denn kaum hat Poirot das Medium demaskiert, fällt dieses aus großer Höhe auf eine äußerst spitze Skulptur, was natürlich die alte Frage aufwirft, wer denn nun der Mörder ist – eine Frage, die der Meisterdetektiv nicht ignorieren kann.
Glücklicherweise spielt sich all dies in einem venezianischen Palazzo ab, der aufgrund eines schweren Sturms komplett von der Außenwelt abgeschnitten ist – sodass die versammelte Riege von Verdächtigen gar nicht anders kann, als Poirots Fragen zu beantworten.
Klar der schlechteste Branagh-Poirot-Film
Nach dem starbesetzten und opulent ausgestatteten „Mord im Orientexpress“ und dem schon etwas dünner gecasteten „Mord auf dem Nil“, der aber zumindest mit einer äußerst schönen Szenerie aufwarten konnte, wirkt „A Haunting in Venice“ von Anfang an schon ein wenige schmalbrüstiger. Michelle Yeoh, Jamie Dornan, Tina Fey und Kelly Reilly geben sich zwar durchaus Mühe, den Plot am Leben zu erhalten, kommen aber im Vergleich doch etwas schlechter weg als die vorherigen Ensembles.
Abgesehen davon ist der besagte Palazzo, der komplett in den Pinewood Studios nachgebaut wurde, in seiner Düsterheit nun wirklich keine Augenweide, was sich durch die paar tatsächlich wunderschönen Außenaufnahmen von Venedig nicht wirklich ausgleichen lässt.
Grusel ist nicht Branaghs Ding
Hinzu kommt, dass der Film sehr viel aus der Idee zu machen versucht, dass der Palazzo tatsächlich verflucht und von Geistern bevölkert ist, was man bei einem Poirot-Roman natürlich kategorisch ausschließen kann. Branaghs regie-technische Versuche sind an Gruselmomenten nicht wirklich überzeugend; Gänsehaut kommt nicht ansatzweise hervor.

Im Vergleich zu „Mord im Orientexpress“ wirkt „A Haunting in Venice“ von Anfang an schon ein wenige schmalbrüstiger.
Dies merkt man allein daran, dass viele der üblichen Horrormomente (Geist im Spiegel, flatternde Vögel) durchaus vorkommen – aber gerade diese richtig zu setzen ist eine Kunst für sich, die der ansonsten brillante Filmemacher Branagh offensichtlich nicht beherrscht. Was zumindest den einen oder anderen weniger bekannten oder gefeierten seiner Kollegen aufatmen lassen sollte.
Und wer hat’s nun getan?
Aber zumindest auf der Krimiebene lassen uns Christie und Branagh dann doch nicht im Stich, da der Fall deutlich tiefgründiger ist als uns der anfängliche Plot und die erste Aufklärung eines seiner Teilaspekte (ja, es gibt mehrere) erst denken lassen.
Abgesehen davon ist es eine wahre Freude, Kenneth Branagh in einer Rolle zu sehen, die er sich so offensichtlich, aber auch so gekonnt auf den Leib geschrieben hat. Ein bisschen mehr Venedig wäre zwar schön gewesen – insbesondere, weil der Roman in England spielt und man diesen kompletten Wechsel des Handlungsortes mit ein wenig mehr Bebilderung der Stadt hätte belohnen können.
Fazit: Könnte an vielen Stellen besser sein, geht aber als solide Unterhaltung durch.
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Karsten Kastelan
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