Radiosender benennt sich um! Ringen um russischsprachige Kultur
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- Berliner russischsprachige Radio musste Räumlichkeiten räumen
- Die Namensänderung zu Golos Berlina (Radio Stimme Berlins) war unvermeidbar
- Das multikulturelle Team hilft Ukrainern und positioniert sich klar gegen Putin
Ein Stück Berliner Geschichte ging verloren, als der legendäre Radiosender „Radio Russkij Berlin” seinen Namen zu „Radio Golos Berlina” (Radio Stimme Berlins) wechselte. Im Gespräch mit Maria Kritchevski, der Chefredakteurin des Senders, geht es um die Odyssee des Berliner Originals und den Schwierigkeiten seit dem Ukrainekrieg.
Radio Golos Berlina sendet seit über 10 Jahren auf der Frequenz 97.2 FM und bietet ein vielfältiges Programm mit Musik, Nachrichten, Unterhaltung und kulturellen Inhalten in russischer Sprache. Der Sender hat das Ziel, eine Verbindung zwischen den russischsprachigen Einwohnern Berlins herzustellen und ihnen eine Plattform für Information und Unterhaltung zu bieten.

Maria Kritchevski Chefredakteurin von Radio Golos Berlina
Die lange Suche nach einer neuen Heimat
Mit dem Überfall auf die Ukraine durch die Russische Föderation änderte sich das Auftreten des Senders, welcher zuvor größtenteils unterhaltsames Programm anbot. Die Themen wurden ernster und der Musikkatalog wurde angepasst. Von nun an wurden Künstler, welche den Angriffskrieg unterstützten, nicht mehr gespielt – umso mehr ukrainische Musik beschallte nun die ca. 350.000 starke Berliner Diaspora aus der ehemaligen Sowjetunion.
Der Name wurde geändert, um deutlich zu symbolisieren, dass der Radiosender nicht Russland oder den Kreml repräsentiert, sondern ein Programm für alle Hörer, die der russischen Sprache mächtig sind, anbietet. Dem multikulturellen Team ist es wichtig, niemanden auszuschließen, sondern sich auf die Gemeinsamkeiten der ehemaligen Mitbürger zu beziehen.
Doch diese Vision gefiel nicht jedem, Kritchevski erzählt, dass der Legende nach der russische Botschafter selbst, welchem der Radiosender auch so schon ein Dorn im Auge war, mitbekommen hat, dass sich „Golos Berlina” umbenannte und sich deutlich solidarisch mit der Ukraine positionierte. Die Kirsche auf dem Sahnehäubchen war ein Interview mit einem Journalisten der kremlkritischen Internetzeitung „Meduza”. Natürlich war der Handlungsspielraum des Beamten begrenzt, dennoch schaffte er es, dem Sender die Räumlichkeiten zu entziehen.
Jahrelang war man Mieter im „Russischen Haus”, einem im Stile des „sozialistischen Moderne” errichteten Gebäude in der Friedrichstraße, welches, seit dem Zerfall der Sowjetunion im Jahre 1991, Eigentum der Russischen Föderation ist.
Zwar erwartete man gewisse Konsequenzen, doch die Aufforderung das Gebäude innerhalb einer Woche zu räumen, kam dann doch unerwartet. Vor allem, da die absolut unpolitische Kooperation zuvor so wunderbar funktionierte. Das Russische Haus lud zum Beispiel weltberühmte Schauspieler ein, welche nach ihrer Aufführung zum Interview beim damals noch als „Radio Ruskij Berlin” agierenden Sender erschienen.
Diese Aufführungen oder Ausstellungen wurden zuvor zur besten Sendezeit beworben – eine „Win-Win” Situation für beide Seiten und ein eindeutiger Gewinn für die russischsprachige Kultur Berlins.
Dank der freundlichen Vermittlung durch die Medienanstalt Berlin Brandenburg fand man für drei Monate Zuflucht im Havariestudio des Medienzentrum Berlin im schönen Steglitz. Zwar hatte man hier kaum eine Möglichkeit, live zu senden. Dafür konnte das 10-köpfige Team Sendungen aufzeichnen und den Rest aus dem Homeoffice heraus erledigen.
So entstanden neue Allianzen und die Mitarbeiter des Senders wurden als Experten in Sendungen eingeladen, wo es darum ging, russische Politik zu analysieren und ihre Sicht auf den Lauf der Dinge zu präsentieren.

Der alte Name des Senders
Gemischte Reaktionen treffen auf steinharte Prinzipien
Auf die Frage, wie der Sender den Namenswechsel aufnahm, antwortete Maria betrübt: „Es war schmerzhaft“, doch dem medialen Underdog war es wichtig sich klar zu positionieren und der neue Name „Radio Golos Berlina” steht auch für „die Stimme russischsprachiger Menschen gegen den Krieg”. Bei manchen lässt der Name die Assoziation zum anti-sowjetischen Radiosender „Voice of America” aufkommen, aber dies sei nur ein passender Zufall, erklärt die Chefredakteurin des Senders.
Alle russischsprachigen Menschen scheint der Sender jedoch nicht zu vertreten, denn die Reaktionen auf die Solidarität mit der Ukraine und der Distanzierung von Russland fielen mehr als gemischt aus. „Einige sind abgegangen, weil sie nicht einverstanden waren, aber wir haben viele neue Hörer aus der Ukraine dazugewonnen“, erklärt Maria. Neben Beschimpfungen als „Feiglinge“ oder „Verräter“ gab es regelrecht Wellen an Anrufern und Mails, die sich, aus Protest, putintreue Sänger wie Nikolai Baskow oder gar den Propagandamusiker „Shaman” wünschten. „Sowas spielten wir auch vor dem Krieg nicht”, betont Frau Kritchevski.
Gefahren von Propaganda
„Wir sehen an der Vielzahl der Putin-Supporter, wie hoch der Einfluss der russischen Medien auf die Diaspora ist", sagt sie. Laut ihr liegt es daran, dass der Konsum von russischen Medien für manche Teile des Diaspora einfach bequem ist. Vertraute Gesichter wie #1-Propagandist Wladimir Solowjow konfrontiert einen nicht mit kritischen Meinungen und gibt das nahezu vererbte Weltbild Sendung für Sendung wieder.

Wladimir Solowjow Putins Top-Propagandist
Parallelgesellschaften sind auch bei slawischer Diaspora ein Problem
Ein Phänomen, welches nicht nur russischen Mitbürgern auftritt, auch in der türkischen oder arabischen Diaspora vertraut man oftmals eher TRT oder Al-Jazeera, statt deutschen oder westlichen Medien. Diese Echokammer hört nicht beim Medienkonsum auf, denn Berlin bietet viele Möglichkeiten, in seiner Meinungsblase zu bleiben und nur auf Gleichgesinnte zu treffen. Maria Kritchevski muss leicht verzweifelt lachen „Man braucht kein Deutsch lernen", denn in Berlin gibt es nahezu alles auf Russisch, bis hin zum Waschsalon.
„Sie kommen aus dem Sovok und bringen den Sovok mit“, sagt Maria (Sovok = abwertender Begriff für die Sowjetunion).
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Amir Makatov
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