Wild, gelegentlich obszön – aber immer beseelt von dem Inbegriff der Freiheit: Born not to be mild
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Der neue Film „Bikeriders“ präsentiert uns ein Stück seit „Easy Riders“ wenig beleuchteter Zeitgeschichte: Motorradclubs bevor sie zu Gangs wurden. Wild, gelegentlich obszön – aber immer beseelt von dem Inbegriff der Freiheit. Die der Straße, die des Handelns, die der eigenen Ehre. Und der US-Version der „Götterdämmerung“ – dem Verfall dieser Werte und dem Abglitt in die Kriminalität.
„The Bikeriders“ beginnt in der zweiten Szene mit einem Interview, das passender nicht sein könnte. Eine junge Frau (Jodie Comer, bekannt aus „Killing Eve“) erzählt im Waschsalon von dem Abend, an dem sie ihren zukünftigen Ehemann kennenlernte. Eine Freundin hatte sie gebeten, ihr etwas Geld vorzustrecken – und ausgerechnet in einer Biker-Bar.
Der Po wird viel betatscht
Und so macht sich die adrette Hausfrau auf, diese zu betreten – und ist von den ledergekleideten Machos dort sofort als Freiwild erkennbar. Sie will schon gehen, aber da fällt ihr ein junger, äußerst gutaussehender Typ (Austin Butler, der Elvis aus dem gleichnamigen Film) am Billardtisch auf. Sie sprechen sogar miteinander, aber sie möchte das Lokal verlassen – und bemerkt erst nachher, wie oft ihr Po auf dem Hinausweg betatscht wurde.
Und jetzt beginnt das Märchen – und es wird ein solches, mit schönen Momenten und einem Abgang in das Sterben einer gerade erst etablierten antiautoritären Kultur. Er bringt sie auf seinem Motorrad nach Hause, nach kurzer Zeit flankiert von seinen Clubkollegen. Es sind bewegende und erstaunliche Bilder, in denen eine Phalanx von Harleys über leere Brücken rauscht. Er setzt sie höflich ab, ihr Freund ist schon da, auf der Stufe sitzend und erkennbar genervt.
Und der junge Motorradfahrer liefert sie ab, dreht eine Runde, und parkt ihrem Haus gegenüber. Nicht bedrohlich. Er zeigt sein Interesse an ihr – für eine ganze Nacht lang. Und erreicht sein Ziel. Der Boyfriend hat genug, das Feld ist offen. Ihr trockener Kommentar: „Kurz darauf haben wir geheiratet“.

Austin Butler spielt „Benny“
Die Romantik der Beharrlichkeit
„The Bikeriders“ zeigt uns hier eine Romantik, die uns fast abhandengekommen scheint. Brich ruhig die Regeln, aber nur soweit es Dein eigener moralischer Kompass erlaubt. Basierend auf einem Fotobuch, das die Chronik dieser frühen Bikergang erzählt, geht die moralische und menschliche Kurve nun ganz schön nach unten.
Im Laufe des Films wird nämlich der Anführer der Gang (Tom Hardy, als „Mad Max“ durchaus vertraut mit hochgradig pferdestarken Bewegungsmitteln), immer mehr zum Diktator, der den Machterhalt erstrebt – aber um die Gruppe zusammenzuhalten.
Dies kommt in einer der bewegendsten, aber auch schrecklichsten Szenen heraus, die fast in einer Gruppenvergewaltigung der ehemaligen Hausfrau und Biker-Braut enden könnte. Wir reden hier von den 60ern in den USA, wo das noch nicht zur Tagesordnung gehörte, wie im heutigen Deutschland. Es geht noch glimpflich aus – bleibt aber etwas offen, ob da ein brutaler, böser Zufall im Spiel war oder das kalte Kalkül des Bosses, die nervige Ehefrau in ihre Schranken weisen zu lassen.
Und jetzt kommen wir zum „Paten“
Man möchte fast alte Mafia-Klassiker zitieren, um den Film zu beschreiben – „Der Pate“ und selbst der deutlich schlechtere „Carlito’s Way“ fallen ein. Wenn Du mal drin bist, lassen sie Dich nicht raus.
Die Götterdämmerung beginnt – und das anfänglich begeisterte Gefühl des Zuschauers, hier Freiheit zu erleben, weicht einer Oppression von Innen. Menschen verändern sich, sterben – oder finden zurück zu ihrem alten Dasein. Dankbar für die Erlebnisse, aber doch besser aufgehoben im Mainstream.
Der Film hat Schwächen, das muss man auch sagen. Die Handlung läuft langsam aus – sicherlich aufgrund der Tatsache, dass hier eine Fotodokumentation (mit Interviews) verfilmt wurde und man sich wenig künstlerische Freiheiten nehmen dürfte.

Michael Shannon übernimmt die Rolle von „Zipco“
Wo gibt es solche Filme sonst noch? Nirgendwo und selten.
Aber seine Originalität und die Tatsache, dass wir es hier mit einem komplett originellen Film zu tun haben, den man nun wirklich nicht im Kino erwarten würde (und oft schmerzhaft vermisst), entschädigt ziemlich gut.
„The Bikeriders“ ist ein Film über Freiheit, über die Übertretung moralischer Grenzen (rote Ampeln, leichte Drogen, Sex und alles, was zu einem bespaßten Leben gehört). Zeigt aber auch genau, was passiert, wenn man dies übertreibt.
Der Film ist, trotz Vorbeischrammen an der Perfektion, so gut wie ein Trip auf dem Rücksitz einer Harley. Ja, potenziell gefährlich. Ja, für uns Normalbürger nur temporär. Aber ein Erlebnis, das man nicht vergisst.
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Karsten Kastelan
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