Nach Champions-League-Finale: Paris siegt, Paris brennt
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George Orwell nannte den Sport einmal den Krieg ohne Schießerei. In Frankreich ist der Fußball längst zum Kulturkampf geworden.
Paris hat gewonnen. Paris Saint-Germain holte erneut die Champions League. Anschließend schaute Europa staunend zu, wie eine Stadt sich selbst in Brand steckte. 235 Verhaftungen allein in der Hauptstadt. Geplünderte Luxusgeschäfte. Brennende Autos. Polizisten unter Beschuss. Was in anderen Ländern eine Nacht der Freude ist, wird in Frankreich zur Nacht der Angst.
Marine Le Pen, die Präsidentschaftskandidatin des Rassemblement National (RN), brachte es auf den Punkt: Nur in Frankreich löst der Sieg eines Fußballvereins Aufstände aus. Jordan Bardella, der Chef des RN, beschrieb das Muster nüchtern: „Banden nehmen öffentliches Eigentum, Geschäfte und Einsatzkräfte ins Visier. Die Vorgehensweise ist immer dieselbe: Steinwürfe, Zerstörung, Plünderungen.“

Die Reaktion der Linken? LFI-Abgeordnete Clémence Guetté warnte den Innenminister, er solle „das Fest nicht verderben“. Keine Verurteilung der Täter. Keine Empathie für die Opfer. Nur die reflexhafte Sorge, der Staat könne zu hart durchgreifen.
Collombs doppeltes Frankreich
Der frühere Innenminister Gérard Collomb sagte 2018 beim Abschied aus dem Amt einen Satz, den Frankreich nicht hören wollte: Es gebe bald zwei Gesellschaften, die nebeneinander leben, bis sie aufeinanderprallen. „Wir leben Seite an Seite, ich fürchte, dass wir morgen von Angesicht zu Angesicht leben“, so Collomb.
Heute prallen sie aufeinander. Die eine Gesellschaft feiert Fußball. Die andere plündert dabei. Chanel. Lacoste. Foot Locker. Brandbeschleuniger auf Polizeiautos. Das sind symbolische und organisierte Angriffe auf die bürgerliche Ordnung, auf Eigentum, auf den Staat als solchen.

Gérard Collomb
Vincent Trémolet de Villers, stellvertretender Chefredakteur der französischen Zeitung Le Figaro, kommentiert: Die Krawalle sind kein Protest mit Forderungen. Sie sind Ausdruck einer Gegenkultur, die staatliche Autorität grundsätzlich ablehnt. Bereits im Jahr 2021 analysierte der Meinungsforscher Jérôme Fourquet (Ifop): Diese Tradition der Émeute (zu Deutsch: Aufstand) vererbt sich. Jahr für Jahr verankern sich die Praktiken, werden weitergegeben, normalisiert („par effet de mimétisme et de contagion“ also durch Nachahmung und Ansteckung). Die nächste Generation lernt nicht Widerstand, sondern Ritual.
Zbeul: Kein Protest, sondern ein Freizeitprogramm
Der Kern, den die politische Debatte konsequent vermeidet: Für viele der Täter ist die Gewalt weder politisch noch sozial motiviert. Sie ist Zbeul – arabisches Straßenfranzösisch für totales Chaos, für den Zustand, wenn nichts mehr gilt. Und Zbeul macht Spaß. Adrenalin. Anonymität. Ein Video für Social Media als Trophäe. Die Schaufensterscheibe als Ruhm.

Am Sonntagmorgen gab Innenminister Laurent Nuñez bekannt: Landesweit wurden 780 Personen festgenommen, 30 Prozent mehr als im Vorjahr „beim selben Ereignis“.
Für die Bürgermeisterin des 8. Arrondissements in Paris, Catherine Lécuyer, sind die Zustände nach solchen Fußballevents nicht mehr haltbar: „Da es unmöglich ist, ein Spiel zu feiern, ohne in Ausschreitungen zu enden, ist die einzig vernünftige Reaktion eine neue Devise: ‚Keine Versammlungen‘“, erklärte die 53-Jährige. Die Ereignisse der Nacht seien „eine Anklage gegen die Ohnmacht der Öffentlichkeit“, mit „zahlreichen Gewalttaten gegen die Polizei, Mörserbeschuss auf Polizei und Wohnhäuser, Bränden in Mülltonnen und Autos, Beschädigung von Polizeifahrzeugen und weit verbreiteten Plünderungen“.
„Wir können die Unruhen nicht mehr kontrollieren, wir ertragen sie nur noch. Die Präventionsstrategie hat ihre Grenzen erreicht. Das Konzept der Schadensvermeidung ist gegen die Gewalt organisierter Banden, die sich nicht einmal mehr als Fußballfans tarnen, nicht mehr wirksam.“
Welche Rolle spielen die Medien?
Das Versagen der französischen Leitmedien ist ebenfalls ein Problem, welches zu diesen wiederkehrenden Eskalationen führte. Médiapart, Teile von Le Monde, France Inter – sie berichten teils überhaupt nicht über die Ereignisse der Nacht. Die Herkunft der Täter? Niemals! Stattdessen: Soziale Ursachen, Polizeigewalt als Auslöser, und die implizite Botschaft, dass man besser nicht zu genau hinschaut.

Die internationale Ausgabe von Le Monde am Sonntagmorgen. Von dem Chaos in Paris keine Spur.
Der Grund ist bekannt und beschämend: In den Redaktionen gilt innere Sicherheit als „rechtes Thema“. Wer Täter benennt, riskiert, als Stichwortgeber des RN zu gelten. Wer Polizeigewalt kritisiert, gilt als progressiv. Wer Tätergewalt kritisiert, gilt als verdächtig.
So öffnet sich eine Schere: Die Wirklichkeit wird von Millionen erlebt, aber medial nicht abgebildet. Die Bürger Frankreichs merken das. Sie verlieren das Vertrauen – in die Medien zuerst, dann in den Staat. Landesweit waren am Samstag 22.000 Polizisten im Einsatz, 8000 davon in Paris. Trotzdem kollabierte die Ordnung, weil die Randalierer mobil, anonym und dezentral agieren. Der Staat ist strukturell unterlegen.
Orwells Formel vom Sport als Krieg ohne Schießerei trifft es nicht mehr. In Frankreich gibt es Sport nur noch mit Schießerei. Collomb hat es gewusst, Deutschland auch?
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Rudolf Porsch
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