Theaterstück über Magdeburger Weihnachtsmarkt-Terror endet in Klima-Utopie mit Rosenwasser-Amir und Lastenfahrrad-Jia
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Das Stück „Wunde Stadt“ am Theater Magdeburg möchte sich den Folgen des migrantischen Weihnachtsmarkt-Terrors von 2024 mit sechs Todesopfern widmen. Es sorgte schon im Voraus für Aufruhr. Die den Täter aussparende Aufführung endet in der Vision einer Klima-Utopie – bei 37 Grad in Magdeburg kneten der irakische Amir und die Deutsch-Chinesin Jia gemeinsam und versöhnt Dinkelteig.
Man muss das schon alles so zusammenkriegen. Die Amokfahrt eines Saudi-Arabers mit dem Holocaust, dem Dreißigjährigen Krieg und schließlich einer Klima-Utopie in der „Schwemmstadt“ Magdeburg, in der der mit Kardamom und Rosenwasser backende Amir sich mit der auf dem Lastenrad fahrenden Jia beim Backen von ungarischen Lángos versöhnt. Man muss diese Bilder überhaupt so im Kopf haben.
Das am Wochenende am Magdeburger Theater uraufgeführte Stück „Wunde Stadt“ hatte schon im Voraus für Aufregung gesorgt. Wenn Linke migrantischen Terror „verarbeiten“, ist da immer die Gefahr der Umdeutung. Bereits im November gab es deshalb eine Demo vor dem Theater, mit Plakaten wie „Remigration rettet Menschenleben“. Vorsichtshalber hielt das Theater vor der Premiere schließlich eine Pressekonferenz ab. Und dann stehen dieses Jahr ja auch noch Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt an. Die AfD fordert eine neue „patriotische“ Kunst – am Magdeburger Theater begreift man sich als deren Gegner.
Mehr als genügend Gründe also für einen kleinen Theater-Skandal. Oder, wie es der Spiegel formuliert: „Eine Art Kontrapunkt zum erwarteten kulturpolitischen Wandel, der sich im Herbst abzeichnet.“

Gegner des Stücks demonstrieren im November 2025 vor dem Magdeburger Theater.
Stück möchte Tat und Täter ausklammern
Die Idee des Stücks von Regisseur Kevin Rittberger ist, die Tat und den Täter des Christmarkt-Terrors selbst auszuklammern, ihnen „keine Bühne“ zu bieten, wie man schreibt. Am 20. Dezember 2024 war der Saudi-Araber Taleb al-Abdulmohsen mit einem BMW X3 zwischen Holzhütten und Glühwein in den Magdeburger Weihnachtsmarkt gerast. Er tötete sechs Menschen, über 300 verletzte er. 2006 war er nach Deutschland gekommen.
Vor knapp 200 Zuschauern im Schauspielhaus Magdeburg inszeniert Rittberger die „Verarbeitung“ des Anschlags als therapeutischen Stuhlkreis. Opfer, Helfer und beispielsweise eine Krankenschwester sprechen darin über ihre Erfahrungen und ihre Wut. Immer wieder rennen die zehn Schauspieler in grauen Arbeitshosen und Kapuzenpullovern mit ihren Stühlen in der Hand im Kreis. Hypnotisch hämmert sich das Kratzen der Sitzmöbel auf dem Bühnenboden ins Ohr.
Einzelne Opfer sagen: „Ich will nicht mehr, dass er lebt.“ Oder: „Wieso lassen wir solche Menschen ins Land?“ Andere antworten: „Ich mag keine pauschalen Formulierungen gegenüber Menschengruppen.“ Wieder jemand: „Man darf auch Traumatisierten nicht alles durchgehen lassen.“
Für einen Moment fühlt es sich wirklich so an, als hätte das Magdeburger Theater einfach den verrückten linken therapeutischen Diskurs parodiert, der seit Jahren alles dominiert und alles und jeden heilen und regulieren möchte. Aber es kippt. Immer stärker rückt die migrantische Krankenschwester (die Einzige, die offensichtlich nicht deutsch ist) in den Vordergrund. Sie weiß nicht mehr, ob sie wegen der Beleidigungen, denen sie seit dem Anschlag ausgesetzt ist, weiter in Magdeburg bleiben möchte.

Der therapeutische Stuhlkreis steht im Mittelpunkt des Stücks. Quelle: Theater Magdeburg
Migrantische Krankenschwester im Mittelpunkt
Sie bleibt die Einzige, der der Regisseur eine ethnische Identität zugesteht – oder, wie er wohl sagen würde, eine daraus resultierende „Wunde“. Dass al-Abdulmohsen vor dem Anschlag schrieb, er wolle „Deutsche töten“, und auch danach noch einmal bekräftigte, „weitere Deutsche zu schlachten“, hätte dabei durchaus Anknüpfungspunkte geboten, um auch eine deutsche „Wunde“ auf die Bühne zu bringen.
Stattdessen gleitet die Aufführung ab in Hymnen an die arabische Kultur und den Meltingpot. „Ohne die Übersetzung der Werke von Aristoteles durch arabische Gelehrte“ hätte es keine Aufklärung gegeben, lautet so eine vorgetragene These. Die Algebra käme ja aus Bagdad. Und überhaupt hätte man schon früher in Magdeburg viele unterschiedliche Sprachen gesprochen. Und so weiter.
Und als wäre das Besingen der arabischen Kultur nach einem Anschlag durch einen Araber nicht schon krude, fordert die arabische Krankenschwester: „Wir gemeinsam müssen trauern.“ Und sie wiederholt noch einmal: „Wir gemeinsam.“ Es klingt fast wie eine Drohung. Und das ist es auch. „Trauma ist nicht politisch“, hämmert der Chor den Zuschauern immer wieder ins Ohr. Wut auf die Migrationspolitik ist, so der Tenor des Stücks, bestenfalls Ausdruck einer „Phase der Trauer“. Politisch ist sie nicht.
Die Wut auf die Migrationspolitik soll im Stuhlkreis bleiben
Es sind diese Punkte, an denen das Stück sich verrät: Trauer ja, aber vor allem entlang der anti-deutschen Bahnen, die ohnehin schon den Anschlag motivierten. Und wenn einmal eine Gegenstimme zugelassen wird, dann im Schutzraum der Trauer, aber bitte nicht darüber hinaus. Die Wut auf die Migrationspolitik soll bitte im Stuhlkreis bleiben.
„Wunde Stadt“ ist auch ein Stück über den therapeutischen Diskurs selbst, der vorgibt, was normal ist und was nicht, was krank ist und was gesund. Wut auf den Täter oder die Migrationspolitik ist dabei etwas, das es einzuhegen gilt. Auch dieser Diskurs hat einen Machtanspruch, er kleidet ihn nur in medizinische Begriffe. Dass das Theater gegenüber NIUS erklärt, dass die eigens vor dem Eingang platzierten Seelsorger bisher nicht gebraucht worden wären, ist nur so ein Indiz dafür, dass die Macher den eigenen therapeutischen Gestus falsch einschätzten.
Die Loslösung des Leids aus seinem Kontext und von der Tat führt in die Beliebigkeit. Ein Opfer hält einen Monolog – seine „50 Cents zum Anschlag“. Darin bringt er die Tat mit dem Dreißigjährigen Krieg in Verbindung. Kaiserliche Truppen verwüsteten damals Magdeburg. „Magdeburger Hochzeit“ nannte man das später zynisch. Die Nächsten erzählen vom Holocaust. Und die Krankenschwester berichtet, wie Nazis schon in den Neunzigern ihren Vater im Döner-Imbiss angriffen. Am Ende geht es trotz Gewalt gegen Deutsche mal wieder um Gewalt gegen Ausländer.
Überhaupt wimmelt es überall im Stück vor Appropriationen. Dass zu den auserzähltesten weiteren Opfern eine Künstlerin mit Atelier und eine Baumliebhaberin zählen, und die Migrantin die Krankenschwester ist, könnte man sich kaum klischeehafter ausdenken, wenn man einem linken Theater Vorschläge für die Rollenverteilung geben müsste.

Die Therapie-Gruppe streift im Einheitsgrau über die Bühne.
Stück mündet in Klima-Utopie
Seinen eigentlichen Höhepunkt findet das Stück aber am Ende. In der letzten Szene durchbricht es den endlosen, barocken Kreislauf irdischen Leids mit einer Utopie: Die „Genoss:innen“ – wie es im Skript nun heißt – stehen fünfzig Jahre nach dem Anschlag auf einer Wiese mit einem Felsenbirnen-Baum und einer Marien-Figur. 37 Grad habe es nun in Magdeburg, aber im Schatten der Libanonzeder sei es angenehm kühl. Der letzte Starkregen habe Magdeburg überflutet. Trotzdem gelten die „Schwammstädte in Sachsen-Anhalt“ als „angenehme Klimazone“.
In einer Gemeinschaftsküche steht Amir aus dem Irak neben der Deutsch-Chinesin Jia, die gerade mit dem Lastenfahrrad kam. So zumindest erzählt es jemand auf der Bühne. Amir und Jia backen oder kochen irgendetwas aus der Felsenbirne. Amir gibt Kardamom und Rosenwasser hinzu, Jia wechselt spielerisch zwischen Mandarin und Deutsch. Sie macht ungarische Lángos, rollt Dinkelteig aus und streut gehackte Walnüsse darüber. Magdeburg ist eine Vielvölker-Utopie auf einer erhitzten Erde geworden. Und die Trauer und Wut über das sinnlose Morden im Zuge der Massenmigration lösen sich auf in Bildern der Anpassung an den Klimawandel.
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