Warum der „Prozess gegen Deutschland“ ein Spektakel der Anti-Demokraten war – und ich jederzeit wieder mitmachen würde
Ein Beitrag von
Pauline VossWenn eine Theater-Inszenierung alle Seiten gegen sich aufbringt, kann sie so viel nicht falsch gemacht haben.
Ein Wochenende lang lud das Thalia-Theater in Hamburg zum „Prozess gegen Deutschland“. Unter Regie von Milo Rau wurde in einem fiktiven Prozess, aber mit echten Personen, über ein Verbot der AfD und den Einfluss der sozialen Netzwerke verhandelt – inklusive einer Richterin (Ex-SPD-Justizministerin Herta Däubler-Gmelin), Anklage und Verteidigung und sieben Geschworenen, die am Ende entscheiden durften. Auch ich war als Zeugin geladen, die Auskunft über die Arbeit der neuen Medien geben sollte und von Anklage und Verteidigung jeweils zehn Minuten befragt wurde.

Unter anderem die sieben Geschworenen durften am Ende entscheiden.
Natürlich war der „Prozess gegen Deutschland“ kein ergebnisoffenes Projekt. Aus den Ankündigungstexten quoll die Voreingenommenheit nur so hervor: „Ist ein Verbot der AfD möglich, ja rechtlich geboten, weil sie ‚aggressiv kämpferisch‘ die Demokratie bedroht? Verstößt sie fortgesetzt gegen das Grundgesetz, indem sie mit allen Mitteln die Meinungsfreiheit ihrer Kritiker*innen bekämpft?“ Verhandelt werden sollte außerdem der „Missbrauch des Rechts durch die Welt des Techno-Faschismus, die MAGA-Propagandawalze des Silicon Valley und das mediale Ökosystem rechtsextremer Gehirnwäsche“.
Die Linken legen die Spielregeln fest
Von Beginn an war also klar: Die Linken haben das Steuergeld, die Linken besetzen die Institutionen, die Linken legen die Spielregeln fest. Hinreichend Gründe, um abzusagen. Aber mehr noch Gründe, um teilzunehmen. Denn ebenso, wie Regie und Publikum mich zum Objekt ihrer obsessiven „Faschismus“-Studien machten, wollte auch ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, drei Tage lang ein Milieu zu studieren, das sonst seine Pforten schließt, sobald ihm widersprochen wird.
Ein Milieu, das seit Jahrzehnten die Früchte seines politisch-kulturellen Siegeszuges erntet – und nun in größter Furcht um diese Pfründe lebt. Im Thalia-Theater sah man sich als bedrohte Minderheit, die von der Übermacht der „Tech-Bros“ zunichte gemacht werden soll und deren Wunsch nach Verboten darum keineswegs einem autoritären Ansinnen, sondern blanker Notwehr entspringt. Regisseur Milo Rau sorgt sich um die Regulierungswut der EU, aber nicht, weil diese zu viele Lebensbereiche einschränke, sondern weil sie den zentralen Bereich der Meinungsfreiheit angeblich ausspare.

Anklägerin Gabriele Heinecke ist als Strafverteidigerin tätig.
Ich traf auf ein geschlossenes Weltbild, das selbst während des Versuchs einer Öffnung noch hermetisch verriegelt blieb, weil es die Wahrnehmung der Welt nicht an Erfahrung knüpft, sondern an ideologische Gewissheit. Der „Frau von NIUS“, der man bei einem – nicht aufgezeichneten – Publikumsgespräch nach der Veranstaltung für die Teilnahme dankte, unterstellte man zugleich die Verbreitung von Fakenews, ohne einen Beleg zu liefern. Eine besorgte Zuschauerin erklärte, sie hätte sich einen Faktencheck gewünscht.
Tatsächlich stammte die einzige nachgewiesene Fehlinformation während meines Auftritts aus dem Munde der Anklägerin Gabriele Heinecke, die behauptete, dass der Habeck-Kritiker Stefan Niehoff wegen Beleidigung strafrechtlich verfolgt worden sei – und nicht wegen Politiker-Beleidigung (Paragraf 188), wie ich zuvor korrekt dargelegt hatte. Doch die Linken müssen nicht belegen, dass neue Medien lügen – sie glauben es zu wissen, und dieses geglaubte Wissen hat einen solch religiösen Stellenwert, dass ihm keine Realität gefährlich werden kann.
„Nicht bös’ gemeint – totaler Bullshit“
Heinecke, die als Strafverteidigerin tätig ist (das Ex-SED-Blatt Neues Deutschland porträtierte sie unter der Schlagzeile „Die Rechtsanwältin als Linksanwältin“), zeigte sich insgesamt nicht besonders faktensicher. Den rechten Influencer Feroz Khan wies sie mitleidig zurecht, als er die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik referierte, die 2024 über 29.000 Messerangriffe listete. „Kennen Sie die Zahlen vom BKA?“, fragte Heinecke, obwohl ebendieses BKA die Kriminalstatistik erstellt. Khans Äußerungen seien, so Heinecke „– nicht bös’ gemeint – totaler Bullshit.“

Der rechten Influencer Feroz Khan zitierte aus der Kriminalstatistik – und wurde zurechtgewiesen.
Besonders perfide wurde diese Verdrehung der Realität, als man dem als Zeuge geladenen renommierten Historiker Peter Hoeres nach seinem Auftritt vorwarf, er habe das Gespräch auf Adolf Hitler gebracht. Dabei war es auch hier die Anklage, die, gefangen in der eigenen Obsession mit dem Nationalsozialismus, Hoeres mit der plumpen Frage festzunageln versuchte: „War Hitler links oder rechts?“ Das konnte Milo Raus Freude nicht trüben, der beim Publikumsgespräch stolz feststellte, dass Hoeres sich „entlarvt“ habe.
Überhaupt, die Sache mit dem Entlarven. Wenn Linke glauben, Rechte vorzuführen, stellen sie sich meistens selbst ein Bein. Man könnte es nicht besser formulieren als Harald Martenstein, dessen fulminante Eröffnungsrede zurecht viral ging und mit den Worten begann: „Wir sprechen hier also in einer Art Schauprozess über das Verbot einer Partei, die im Westen Deutschlands von 20 Prozent der Menschen gewählt wird und im Osten von 35 bis 40 Prozent. Mit anderen Worten: Wir reden über das Ende der Demokratie und ihre Ersetzung durch etwas anderes.“
Eine Menge von tausend Gleichgesinnten
Martenstein hielt dem entrüsteten Publikum vor, zum vermeintlichen Schutz der Demokratie genau jene Mittel anwenden zu wollen, die einem Anschlag auf die Demokratie gleichkommen: „die Beseitigung der Meinungsfreiheit, der Entzug von Grundrechten für Teile der Bevölkerung oder das Verbot von Parteien, die von den Regierenden als störend empfunden werden“. Man könne mit der Begründung, man verteidige die Demokratie, die Demokratie auch abschaffen, so Martenstein.
Schon der Versuchsaufbau der Inszenierung offenbarte also, dass es die Linken sind, die mit den demokratischen Regeln hadern. Erst recht zeigte es sich bei der Durchführung des Experiments. Immer wieder tobte das Publikum, wenn ihm die Positionen der Redner und Zeugen nicht passten. Manche Zuschauer verließen den Saal oder unterbrachen die Reden mit empörten Zwischenrufen. Aus der Menge von tausend Gleichgesinnten heraus wurden die wenigen Andersdenkenden ausgebuht, ohne Furcht, dadurch die eigene Intoleranz zu offenbaren. Selbsternannte Nazijäger im Rausch der Masse – ein Widerspruch, der die Inszenierung begleitete.

Ex-SPD-Justizministerin Herta Däubler-Gmelin trat als Richterin auf.
Wer als Konservativer mit Linken spricht, kann nur gewinnen. Entweder, sie erweisen sich überraschend als kluge, ebenbürtige Gesprächspartner mit anderer Meinung. Oder sie reißen sich, wie im Hamburger Theatersaal, selbst die Maske vom Gesicht. Weniger positiv fällt die Bilanz hingegen im linken Lager aus: Auf Bluesky wird nach dem Prozess aufgeregt debattiert, ob Rechten unnötigerweise eine „Plattform“ gegeben worden sei.
Das Ringen der Linken mit dem konservativen Vibeshift
Es ist das Verdienst von Raus Inszenierung, dass sie das Ringen der Linken mit dem konservativen Vibeshift in einen theatralen Raum überführt hat. Wie soll der schleichende Verlust der eigenen Deutungshoheit bewältigt werden? Mit Repression? Im Gespräch? Auf der Afterparty wurde in meiner Anwesenheit abgewogen, ob man sich mit mir unterhalten dürfe. Ja, sagten die einen, solange es nicht um Politik gehe. Ja, sagten die anderen, erst streiten und dann gemeinsam feiern. Und so schien an diesem Wochenende die Idee eines Landes auf, in dem zwei entfremdete Lager – man mag sie links und rechts nennen oder autoritär und liberal – wieder miteinander zu sprechen beginnen. Dass dieser Dialog ausgerechnet um die Frage kreiste, ob eine der beiden Seiten per Gesetz zum Verstummen gebracht werden soll, war nur eine der tragischen Ironien der Veranstaltung. Doch man muss die Linken, um in ihrer Sprache zu bleiben, eben dort „abholen“, wo sie sind. Und das ist derzeit kein Ort der Freiheit.
Mehr NIUS: Von Karin Prien finanzierte Stiftung möchte Theaterstück wegen unliebsamer Meinungen canceln
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