Nach Auto, Stahl und Energie streichen auch Pharma-Konzerne Investitionen in Deutschland
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Für die Regierung in Berlin gilt es als Landespolitik. Doch es ist ein weiteres Zeichen dafür, was in Deutschland gerade passiert. Zwei große Pharmakonzerne streichen Milliardeninvestitionen in Rheinland-Pfalz. Pharma gehört zu den Top-5-Branchen der deutschen Exportindustrie. Jetzt hat es also nach Auto, Stahl, Chemie und Energie auch diese Branche getroffen: Abbau und Abzug.
Auslöser ist die geplante Gesundheitsreform von Gesundheitsministerin Warken. Der eigentliche Grund: Die Unternehmen glauben nicht mehr an Besserung oder gar Heilung der deutschen Wirtschaftspolitik. Viel versprochen, nichts gehalten und jetzt sogar noch weitere Belastungen. Darum ziehen sie nun Konsequenzen.
Zwei Tage, zwei Hiobsbotschaften, eine Botschaft: Deutschland ist kein attraktiver Investitionsstandort mehr für die Pharmaindustrie. Und wenn die Pharmaindustrie geht, ist sie nicht allein. Am 3. Juni 2026 wurde bekannt, dass der US-Pharmakonzern Eli Lilly seine milliardenschwere Investition in ein neues Werk im rheinland-pfälzischen Alzey halbiert.

Die Baustelle von Eli Lilly in Alzey (Rheinland-Pfalz)
Investitionen werden gestoppt, die Politik duckt sich weg
Statt 2,5 Milliarden US-Dollar fließen nur noch rund 1,2 Milliarden. Statt bis zu 1.000 Fachkräften werden es deutlich weniger sein. Zeitgleich stoppte Boehringer Ingelheim, einer der größten deutschen Pharmakonzerne überhaupt, geplante Investitionen von 900 Millionen Euro für den Zeitraum 2027 bis 2030. Neue Labore, neue Forschungsgebäude, alles gestrichen. Boehringer-Deutschlandchef Médard Schoenmaeckers sagte es dabei so klar, wie man es selten hört: „Die nächste Innovation geht nach Lage der Dinge aktuell nicht nach Deutschland.“ Deutlicher geht es kaum.

Boehringer-Deutschlandchef Médard Schoenmaeckers
Und Wirtschaftsministerin Reiche? Gesundheitsministerin Warken? Kanzler Merz? Kein Kommentar. Alle gehen in Deckung und versuchen, es als Problem des Landes Rheinland-Pfalz wegzuschieben. Dabei ist es mittlerweile leider schon typisch für die großen Industrien in ganz Deutschland.

Rückblick 2024: Euphorisch eröffneten Funktionäre der Ampel-Regierung die Bauarbeiten des US-Pharmakonzerns Lilly in Alzey.
Der Auslöser heißt offiziell Nina Warken – doch es gibt tiefere Gründe
Eli Lilly nennt als Hauptgrund die geplante GKV-Reform von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU). Der Plan: höhere Pflichtrabatte, die Pharmakonzerne den Krankenkassen künftig gewähren müssen. Für Unternehmen, deren gesamte Investitionsplanung auf kalkulierbaren Arzneimittelpreisen basiert, ist das kein Randthema; es ist die Geschäftsgrundlage. Eli-Lilly-Chef Dave Ricks nannte die Reform im Handelsblatt ein „schreckliches Signal“ und ergänzte, Deutschland werde dabei sein, „bei der Unterstützung unserer Industrie auf den letzten Platz der europäischen Märkte“ zu fallen. Das ist keine Drohkulisse. Das ist eine Investitionsentscheidung, die bereits getroffen wurde. Die Bundesregierung schafft es also, nicht nur mit hohen Energiekosten, Bürokratie oder Klimaauflagen wichtige Industrien aus Deutschland zu vertreiben.
Auch die Gesundheitspolitik leistet jetzt einen Beitrag zur Deindustrialisierung. Dabei sind die Krankenkassen in finanzieller Schieflage, weil die Wirtschaft in Deutschland schlecht läuft (und deswegen die Einnahmen fehlen) und weil die deutschen Sozial- und Gesundheitssysteme durch Reformstau und massenhafte Zuwanderung von Leistungsbeziehern immer mehr Geld ausgeben müssen. Das zeigt: Nicht die Konjunktur oder irgendeine internationale Krise ist Schuld.
Es ist ein hausgemachtes Problem der deutschen Politik. Sicherlich: ein Erbe der letzten Jahre und Jahrzehnte seit Merkel und Scholz. Doch die Regierung Merz war angetreten, die Lage zu verbessern. Jetzt wird es aber immer schlimmer und die Flucht von großen Branchen aus Deutschland beschleunigt sich noch. Insofern sind die Pläne von CDU-Ministerin Warken nur der berühmte letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Boehringer verweist zusätzlich auf den Druck aus den USA: Wer von US-Pharmazöllen befreit bleiben will, muss in Amerika investieren – und zwar verbindlich. Das Ergebnis ist simpel: Was nicht nach Deutschland fließt, fließt in die USA oder nach Asien. Deutschland verliert nicht wegen schlechter Produkte oder mangelnder Fachkräfte. Es verliert, weil die Politik es verlieren lässt.
Biontech schließt Produktionsstandorte
Rheinland-Pfalz erlebt dabei gerade ein Fiasko voller schlechter Nachrichten. Noch bevor Eli Lilly und Boehringer ihre Kürzungen bekanntgaben, hatte das Mainzer Vorzeige-Unternehmen Biontech bereits einen harten Schnitt angekündigt. Im Mai 2026 gab Biontech die Schließung mehrerer Produktionsstandorte bekannt – darunter Idar-Oberstein, Marburg und Tübingen. Rund 1.860 Arbeitsplätze, etwa 22 Prozent der gesamten Belegschaft, stehen auf dem Spiel.

Der Biontech-Standort Marburg galt als einer der größten mRNA-Produktionsstandorte Europas.
Die Corona-Impfstoffproduktion wird vollständig zum Partner Pfizer verlagert. Die Begründung: Überkapazitäten, Kostendruck, Neuausrichtung auf Onkologie. Das stimmt – und ist trotzdem nur die halbe Wahrheit. Ein Unternehmen, das in einem funktionierenden Industriestandort investieren will, baut um. Ein Unternehmen, das die Lage als strukturell ungünstig einschätzt, baut ab. Biontech tut Letzteres.
Mit Pharma hat es nun die nächste starke Exportbranche erwischt
Die Pharmaindustrie ist für Deutschland kein Nischenthema. Sie ist eine der fünf wichtigsten Exportbranchen des Landes. Im Jahr 2024 standen Autos und Autoteile mit 262,8 Milliarden Euro an der Spitze, gefolgt von Maschinen mit 217,4 Milliarden Euro und chemischen Erzeugnissen mit 138,9 Milliarden Euro. Auf den Plätzen vier und fünf folgen Datenverarbeitungs- und Optikprodukte sowie pharmazeutische Produkte. Fünf Branchen, die zusammen das wirtschaftliche Rückgrat der Bundesrepublik bilden.
Das Problem: Alle fünf kranken gerade gleichzeitig. Die Automobilindustrie, jahrzehntelang das Aushängeschild der deutschen Wirtschaftskraft, steckt in der tiefsten Strukturkrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Volkswagen hat Werksschließungen in Deutschland nicht mehr ausgeschlossen, Stellantis baut Standorte zurück, die gesamte Branche kämpft mit dem erzwungenen Übergang zur Elektromobilität, für den die Kunden schlicht nicht bereit sind und den die Politik trotzdem mit aller Macht durchdrücken will. Das Ergebnis: Produktionsrückgang, Stellenabbau, Investitionsstopp. Die Stahlindustrie kämpft mit hohen Energiepreisen, die seit Jahren strukturell zu hoch sind, und mit Überkapazitäten aus China, die den Weltmarkt fluten. Thyssenkrupp baut tausende Stellen ab, die Transformation zu „grünem Stahl“ stockt, weil die Wirtschaftlichkeit schlicht nicht gegeben ist.
Die Chemiebranche – immerhin Platz drei der deutschen Exportrangliste – hat die hohen Energiepreise seit dem russischen Angriff auf die Ukraine nie wirklich überwunden. BASF verlagert Kapazitäten nach China. Nicht weil China besser ist. Sondern weil Deutschland zu teuer geworden ist. Und die Chemie ist Zulieferer und Partnerbranche für Pharma- und Gesundheitsunternehmen.

Die deutsche Fahne weht neben der chinesischen und der Fahne von BASF am neuen Verbundstandort Zhanjiang.
Ohne Chemie funktioniert kein modernes Medikament. Die eine Branche zieht die nächste mit. Ins Ausland, wo es bessere Rahmenbedingungen gibt und Regierungen, die sich um Unternehmen und Arbeitsplätze kümmern, statt zuzuschauen, wie Konzerne und Mittelständler ihre Koffer packen und Fabriken abbauen.
Merz und Klingbeil: viel versprochen, wenig geliefert
Die Koalition aus Union und SPD ist mit dem Versprechen angetreten, den Wirtschaftsstandort Deutschland zu sanieren. Günstigere Energie, weniger Bürokratie, bessere Investitionsbedingungen. Das war die explizite und deutliche Ansage. Was davon angekommen ist in der Realität der Unternehmen? Wir sehen es jetzt in der Pharmabranche: Boehringer stoppt 900 Millionen Euro. Eli Lilly halbiert seine Milliarde. Biontech schließt Werke. Die Stahlkonzerne bauen ab. Chemie verlagert nach China und in die USA. Die Autoindustrie wankt. Zukunftsindustrien wie KI oder Robotik blühen im Ausland auf, in Deutschland gehen sie ein oder werden von Chinesen übernommen.
Der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Michael Ebling nannte die Ankündigungen der Pharmakonzerne einen „Weckruf für die Bundesregierung“. Das ist nett formuliert.

SPD-Wirtschaftsminister Michael Ebling
In Wahrheit ist es kein Weckruf mehr, es ist die Quittung für Jahre verfehlter Industriepolitik. Der gerade gewählte rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) will jetzt „vermittelnd Einfluss nehmen“ in Berlin. Doch die Gelder sind gestrichen, die Entscheidungen sind verkündet, die Strategie „Abbau und Abzug“ ist klar. Was es hier noch zu vermitteln geben sollte, wird wohl ein Geheimnis bleiben.
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