Keine Kunden, mehr Diesel: Autohersteller schreiben 65 Milliarden US-Dollar im E-Geschäft ab
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Andreas MoringDer Stellantis-Konzern, zu dem unter anderem Opel gehört, setzt wieder voll auf den Diesel. Nachdem mehr als 20 Milliarden Euro für die E-Mobilität abgeschrieben werden mussten, steuert das Unternehmen um. Klassische Verbrenner sind bei den Kunden begehrt und damit lässt sich Geld verdienen. Auch andere Autohersteller haben ihre „100-Prozent-Elektro-Strategien“ begraben und setzen auf Verbrenner. Insgesamt mussten die Autohersteller weltweit rund 65 Milliarden Dollar in ihrem E-Geschäft abschreiben.
Die politischen Ziele sind in der Realität nicht zu erreichen, und wenn die Automarken überleben wollen, müssen sie sich nach ihren Kunden richten und nicht nach ideologischen Klimazielen. Auch deutsche Autobauer haben das längst erkannt. Sie sagen es nur nicht so deutlich wie Stellantis oder Ford aus den USA.
Strategische Neuausrichtung: Elektro läuft nicht
Der Automobilkonzern Stellantis (u.a. Opel, Peugeot) vollzieht eine strategische Kehrtwende und baut sein Dieselangebot in Europa wieder aus. Wie eine Auswertung von Händler-Websites und Unternehmensstellungnahmen des Wirtschaftsdienstes Reuters zeigt, bringt der weltweit viertgrößte Autohersteller mindestens sieben Modellreihen mit Dieselmotoren zurück auf den Markt. Der Schritt erfolgt weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit und markiert einen Rückzug von der noch vor kurzem proklamierten Elektrostrategie.
Bereits Ende 2025 begann Stellantis damit, Dieselversionen für verschiedene Fahrzeuge neu einzuführen. Das gilt für Modelle wie den Opel Astra, den Peugeot 308, die Premium-Limousine DS No. 4, den Opel Combo-Transporter, den siebensitzigen SUV Peugeot Rifter sowie den Citroën Berlingo Personentransporter. „Wir haben entschieden, Dieselmotoren in unserem Produktportfolio zu belassen und in einigen Fällen die Antriebsauswahl zu steigern“, erklärte das Unternehmen gegenüber Reuters. „Bei Stellantis wollen wir Wachstum generieren, deshalb konzentrieren wir uns auf die Kundennachfrage.“ Bedeutet im Klartext: Elektro läuft nicht, die Kunden wollen sparsame Verbrenner, und wir als Autokonzern richten uns danach und nicht nach politischen Wunschträumen. So direkt kann das eine PR-Abteilung natürlich nicht formulieren. Aber die Botschaft ist mehr als klar.
Auch andere Autohersteller fahren massive Verluste im E-Geschäft ein. Ford hat Abschreibungen in Höhe von 19,5 Milliarden Dollar nach der Stornierung seines elektrischen Pick-ups F-150 bekannt gegeben, während General Motors 7,6 Milliarden Dollar auf sein E-Geschäft abgeschrieben hat. Honda musste diese Woche zugeben, dass es 4,5 Milliarden Dollar an jährlichen Verlusten bei seinen E-Autos erwartet, einschließlich 1,9 Milliarden Dollar an Wertminderungen, da es seine Strategie neu bewertet und seine E-Partnerschaft mit General Motors auflöst. Insgesamt haben die Autohersteller weltweit im letzten Jahr rund 65 Milliarden Dollar in ihrem E-Geschäft abschreiben müssen, weil die Verkäufe weit unter den Erwartungen lagen, wie Reuters, Bloomberg und MSNBC aus den USA berichten.

Ford hat Abschreibungen in Höhe von 19,5 Milliarden Dollar nach der Stornierung seines elektrischen Pick-ups F-150 bekannt gegeben.
Neue Dieselmotoren statt E-Antriebe
Zusätzlich zur Wiedereinführung bestehender Dieselmodelle hat Stellantis die Entwicklung eines neuen 1,6-Liter-Dieselmotors bestätigt. Die Produktion des Motors ist bereits am italienischen Standort Carmagnola angelaufen, der für seine langjährige Expertise in der Fertigung von Motorkomponenten bekannt ist. Die ersten Motorblöcke wurden bereits gefertigt, was die Ernsthaftigkeit des Projekts unterstreicht. Carmagnola könnte jedoch nicht der einzige Produktionsstandort bleiben, Stellantis prüft die Möglichkeit einer dezentralen Fertigung. Der neue Motor soll die strengen Anforderungen der Euro-7-Abgasnorm erfüllen, was eine erhebliche technische Herausforderung darstellt. Zudem könnte er als Basis für eine „Mildhybrid-Variante“ dienen und würde damit eine technologische Innovation im Stellantis-Portfolio darstellen. Vorgesehen ist der Einsatz vor allem in Pkw-Baureihen. Darüber hinaus plant Stellantis, den Motor auch in Märkten wie Nordafrika und Südamerika einzusetzen, wo Dieselmotoren weiterhin eine wichtige Rolle spielen und die Abgasnormen weniger streng sind.
In den USA hat man den 5,7-Liter-Motor mit acht Zylindern im Stellantis-Konzern ebenfalls wiederbelebt. Eine vollelektrische Variante wurde aus dem Programm gestrichen.

Auch große Motoren wie der 5,7 Liter V8 finden eine Rückkehr – etwa ins RAM-Portfolio.
Diesel wird zum Vorteil gegen die Konkurrenz aus China
Die Strategie von Stellantis ist auch eine Reaktion auf den stockenden Absatz von Elektrofahrzeugen und die aufkommende Konkurrenz aus China. Entscheidend ist dabei: Es handelt sich um ein Segment, in dem die auf Elektrofahrzeuge spezialisierten chinesischen Wettbewerber nicht antreten.
Dieselmodelle haben zudem einen deutlich niedrigeren Preis als vollelektrische Fahrzeuge, was ihnen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten einen Wettbewerbsvorteil verschafft. Die Kunden achten aufs Geld und wollen verlässliche Autos bekommen, wenn sie größere Summen ausgeben. Da verlassen sich viele lieber auf den guten alten Diesel, anstatt auf E-Autos. „Wenn man sich die Entwicklungsrichtung beim Diesel ansieht, scheint Stellantis nun gegen den Trend zu gehen“, sagte Chris Knapman, Editorial Director von CarGurus UK gegenüber Reuters. Diesel mache weiterhin Sinn für Autokäufer, die lange Strecken ohne Tankstopp zurücklegen müssen oder mehr Leistung für Transporte benötigen. „Außerdem kommen chinesische Automarken mit vielen neuen Elektro- und Plug-in-Hybrid-Autos. Wenn man eine europäische Marke ist und sich differenzieren möchte, ist Diesel ein Bereich, in dem man einen Wettbewerbsvorteil gegenüber diesen neueren Marken haben könnte.“
Stellantis hat es verstanden und steuert um.
22 Milliarden Euro Abschreibungen und 6 Milliarden Wertverlust an der Börse wegen Elektro-Mobilität
Der Ausbau des Dieselangebots erfolgt parallel zu einem fundamentalen Strategiewechsel. Erst in der vergangenen Woche hatte Stellantis Abschreibungen von 22,2 Milliarden Euro angekündigt, während der Konzern seine Elektroambitionen zurückschraubt. Milliarden Euro sind faktisch verbrannt worden, weil sie in E-Autos investiert worden sind, die keiner haben will.
Dieses Ergebnis ließ sich dann auch nicht mehr schönreden und die Investoren fällten ein vernichtendes Urteil: Die Aktien des Unternehmens fielen auf den niedrigsten Stand seit der Gründung des Konzerns im Jahr 2021 durch die Fusion von Fiat Chrysler und dem Peugeot-Hersteller PSA. Der Wertverlust für das Unternehmen liegt nur mit diesem Ausverkauf bei mehr als 6 Milliarden Dollar an einem Tag! Bedeutet: Weder Kunden noch Investoren glauben noch an die E-Story, die lange als großartiges Zukunftsszenario verkauft wurde. Ursprünglich hatte Stellantis angekündigt, dass vollelektrische Fahrzeuge bis 2030 hundert Prozent seiner europäischen Verkäufe und 50 Prozent der US-Verkäufe ausmachen sollten. Die Nachfrage in beiden Märkten blieb jedoch hinter den Erwartungen zurück.
Die konkreten Pläne zur künftigen Antriebsstrategie will Stellantis-Chef Antonio Filosa im Mai vorstellen. Stellantis hat bereits populäre Verbrennungsmodelle wie den Jeep Cherokee und seinen leistungsstarken „Hemi“-Achtzylinder-Motor zurückgebracht, um in den USA, dem wichtigsten Markt des Konzerns, Marktanteile zurückzugewinnen. Im vergangenen Jahr fügte das Unternehmen eine Benzin-Hybrid-Version des Fiat 500 neben der Elektroversion hinzu. Der strategische Schwenk wird auch durch politische Entwicklungen in den USA begünstigt. Diese Woche hob die Administration eine wissenschaftliche Feststellung auf, wonach Treibhausgasemissionen die menschliche Gesundheit gefährden, und beseitigte damit Standards für Auspuffemissionen von Autos und Lastwagen. Unter Präsident Donald Trump vollzieht die US-Regierung eine klare Abkehr von Elektrofahrzeugen und lockert Vorgaben für Autohersteller massiv. So soll unter anderem die Start-Stopp-Automatik für Motoren wieder abgeschafft werden, die von Trump als „Obama-Knopf“ verspottet wird, weil der sie einst als Mittel gegen den Klimawandel eingeführt hatte.

Der Jeep „Cherokee“
Auch deutsche Autokonzerne steuern um – sagen es aber nicht so laut
Auch in Europa werden die Emissionsziele aufgeweicht, was Verbrennungsmotoren länger am Markt halten wird. Die Umsätze von Stellantis in Europa gingen 2025 um 3,9 Prozent und 2024 um 7,3 Prozent zurück. Die deutschen Automarken wie Mercedes oder BMW haben sich ebenfalls von ihren einst gefeierten „100-Prozent-E-Mobilität!“-Strategien verabschiedet.
Die deutschen Automobilhersteller vollziehen einen fundamentalen Strategiewechsel und verabschieden sich von der Idee einer raschen, vollständigen Elektrifizierung. Volkswagen, Mercedes-Benz, BMW und Audi haben ihre ambitionierten Pläne für ein baldiges Ende des Verbrennungsmotors revidiert und investieren stattdessen wieder in Benzin- und Dieselaggregate sowie Hybrid-Systeme. Mercedes-Chef Ola Källenius strich das Ziel „Electric only“ für 2030 und setzt auf „taktische Flexibilität“, während Volkswagen unter Oliver Blume bis 2028 rund 60 Milliarden Euro in Verbrennungsmotoren investiert. Klassische Modelle wie Golf und Tiguan erhalten neue Lebenszyklen, da die elektrische ID-Familie die Absatzerwartungen nicht erfüllen konnte. BMW gilt als heimlicher Gewinner dieser Entwicklung, da die Münchner stets an ihrer „Technologieoffenheit“ festhielten und durch flexible Plattformen präzise auf schwankende Marktnachfrage reagieren können. Auch Audi hat den radikalen E-Kurs aufgeweicht und setzt kurz- bis mittelfristig auf ein „breites Portfolio“ inklusive modernster Verbrenner.
Die Kehrtwende ist keine ideologische Entscheidung, sondern die pragmatische und notwendige Reaktion auf harte Marktfaktoren: Nach dem Wegfall staatlicher Subventionen brach der E-Auto-Absatz ein, die Ladeinfrastruktur hinkt hinterher, und an Verbrennern verdienen die Konzerne nach wie vor deutlich mehr als an vergleichbaren Elektrofahrzeugen. Zudem wurde das geplante EU-Verbrennerverbot für 2035 durch Ausnahmen für E-Fuels und technologische Hintertüren entschärft, was den Herstellern Planungssicherheit gibt, ihre Verbrennerkompetenz länger zu nutzen. Der gemeinsame Nenner: weg von „nur noch Batterieauto“ hin zu „BEV plus Verbrenner plus Hybrid“ als Absicherung gegen volatile Märkte und unsichere Regulierung.
Der Verbrenner bleibt damit für die Autokonzerne der wichtigste „Finanzier“ der elektrischen Zukunft. Wann und ob diese Zukunft wirklich einmal kommt, das wird immer fraglicher …
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