Medien übernehmen unkritisch absurde Oxfam-Zahlen über Arme und Reiche
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Ein Gastbeitrag von Rainer Zitelmann
Jahr für Jahr veröffentlicht die antikapitalistische Organisation Oxfam anlässlich des Weltwirtschaftsgipfels in Davos Berichte, die von fast allen Medien unkritisch übernommen werden. Früher nannte Oxfam seine Pamphlete „Studie“, diesmal heißt das Gleiche „Bericht“. Was aber die Deutsche Presseagentur (dpa) nicht daran hinderte, den „Bericht“ zur „Studie“ aufzuwerten. Erst nachdem der Verleger Julien Backhaus dpa darauf hingewiesen hatte, dass es sich selbst nach Oxfam nicht um eine „Studie“ handle, änderte die Agentur das Wort. Doch da war die „Studie“ schon in vielen Zeitungsüberschriften gelandet.
Worum geht es? Der Inhalt ist jedes Jahr das Gleiche, doch er wird von Oxfam immer wieder nach allen Methoden der Marketing- und PR-Kunst anders verpackt. Botschaft: Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Zwar stimmt der zweite Teil des Satzes nachweislich nicht, doch die Fantasie von Oxfam hat keine Grenzen, es doch so erscheinen zu lassen.

Oxfam Geschäft in London. Hier werden Second-Hand-Waren verkauft, um die Aktivitäten der Organisation zu finanzieren.
Dieses Jahr vergleicht Oxfam das Vermögen der fünf reichsten Menschen, der sich verdoppelt habe, mit dem der fünf Milliarden „Ärmsten“, der zurückgegangen sei. Warum gerade fünf Milliarden? Nachdem auf der gesamten Welt acht Milliarden Menschen leben, fragt man sich, ob wirklich fünf davon in Armut leben. Nein, laut dem Global Multidimensional Poverty Index 2023 sind es 1,1 Milliarden. Nach den Zahlen der Weltbank sind es – je nachdem, welche Armutsdefinition zugrunde gelegt wird, 659 Millionen (extreme Armut) oder 1,8 Milliarden.
Ich kenne keine Definition, nach der fünf Milliarden Menschen auf der Welt als arm gelten. Wie kommt Oxfam also auf die Zahl 5? Ganz einfach: Weil die beiden Zahlenpaare mit 5 so gut zusammenpassen: die 5 Reichsten und die 5 Milliarden Ärmsten.
Die Taschenspielertricks von Oxfam
Es gibt noch einen anderen wichtigeren Grund: Seit Jahren geht die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, fast kontinuierlich zurück, nur unterbrochen von der Covid-Krise. Bevor der Kapitalismus entstand, lebten die meisten Menschen auf der Welt in extremer Armut – 1820 betrug die Quote noch 90 Prozent. Heute ist sie unter 9 Prozent gesunken.
Das Bemerkenswerte: In den letzten Jahrzehnten hat sich der Rückgang der Armut so stark beschleunigt wie in keiner Phase der Menschheitsgeschichte zuvor. 1981 lag die Quote noch bei 42,7 Prozent, im Jahr 2000 war sie bereits auf 27,8 Prozent gesunken und heute sind es 8,5 Prozent!

Eine Favela in Rio de Janeiro.
Das passt aber nicht zu der Oxfam-These. Also hat man die Zahl der Armen einfach mal willkürlich auf fünf Milliarden erhöht, damit der Befund zur These passt.
Und damit die Vermögensmehrung der Superreichen besonders kräftig ausfällt, hat Oxfam diesmal den März 2020 als Vergleichszeitpunkt gewählt. Warum gerade 2020 und nicht etwa das Vorjahr 2022 oder irgendein anderes Jahr? Im März 2020 war das Vermögen der Superreichen durch den Corona-Crash an den Börsen stark zurückgegangen, sodass die Steigerung im Vergleich besonders drastisch ausfällt.
Mit all diesen Taschenspielertricks kommt Oxfam zu seiner diesjährigen Botschaft, dass sich das Vermögen der fünf Reichsten mehr als verdoppelt habe, während die fünf Milliarden „ärmsten“ Menschen der Welt in dieser Zeit 20 Milliarden US-Dollar Vermögen verloren hätten.
Passen die Zahlen nicht, werden die Methoden geändert
Die Zahlen und Methoden der sogenannten Studie sind jedes Jahr andere, immer so, dass es maximale PR-Wirkung entfaltet. Beispiel 2017: Damals verbreitete Oxfam, dass die acht reichsten Männer mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung besitzen. Das wurde hunderttausendfach wiederholt, in Presseartikeln überall auf der Welt. Ein toller PR-Erfolg! Wenn Sie „8 people own as much as half the world“ googeln, erhalten Sie viele Millionen Treffer.
Im Jahr davor, 2016, hatte Oxfam große Aufmerksamkeit mit einem Bericht bewirkt, in dem es hieß, das Vermögen der 62 reichsten Personen der Welt entspreche dem der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung. Damit die Botschaft, dass die Ungleichheit in rasender Geschwindigkeit steigt, besonders plastisch ist, hatte Oxfam die Berechnungsmethode dann einfach von einem Jahr auf das andere geändert. Hätte Oxfam im Jahr davor die gleiche Methode angewandt wie 2017, dann hätten nicht 62, sondern neun Menschen mehr Vermögen besessen als die ärmere Hälfte der Welt.
Die Berechnung war fragwürdig, weil bei der „ärmeren Hälfte der Welt“ erstaunlich viele Menschen in der entwickelten Welt – etwa in den USA – mitgerechnet wurden, die Kredite für den Hauskauf oder die Finanzierung des Studiums aufgenommen hätten. Es sei im besten Fall irreführend, wenn ein durchschnittlicher Universitätsabsolvent am Ende seines Studiums Schulden von rund 50.000 Pfund angehäuft hat und damit zu den ärmsten Menschen der Welt zählt, wenn man an sein Einkommenspotenzial in der Zukunft denkt, so kritisierte damals das Londoner Institute of Economic Affairs. Ein deutscher Rentner, der gerade einen kleinen Kredit für den Kauf eines Autos aufgenommen habe, war laut der Oxfam-Berechnung ärmer als ein Bauer in Burundi.

Katrin Göring-Eckardt, Mitglied der Grünen und Bundestags-Vizepräsidentin, übernahm das Oxfam-Narrativ eins zu eins in ihrem Post auf X. Gleiches gilt für Entwicklungshilfe-Ministerin Svenja Schulze (SPD).
Damals wurden solche Fehler noch kritisiert, beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung, die den faulen Zauber entlarvte. Diesmal haben fast alle Medien die Oxfam-Pressemitteilung in der dpa-Version abgeschrieben, sogar eine Zeitung wie die „Welt“. Nur Christoph Eisenring brachte in der NZZ einen kritischen Bericht, in dem der ganze Blödsinn auseinander genommen wurde.
Über den Gastautor: Rainer Zitelmann ist Historiker und Soziologe und Autor des Buches „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“. Erfahren Sie hier mehr.
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