Verkehrskameras gehackt, Mobilfunkmasten ausgeknockt: So trickreich lief die Operation gegen Khamenei
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Claudio CasulaJahrelange akribische Geheimdienstarbeit des israelischen Mossad kulminierte in der gezielten Tötung des Ajatollahs Ali Khamenei und weiterer führender Köpfe in Teheran. Lesen Sie hier, wie der Enthauptungsschlag vorbereitet und durchgeführt wurde.
Der Oberste Führer der Islamischen Republik Iran wurde zusammen mit sieben „Mitgliedern der obersten iranischen Sicherheitsführung, die sich an mehreren Orten in Teheran versammelt hatten“, sowie etwa einem Dutzend Familienangehörigen und enger Vertrauter in nahezu zeitgleichen Angriffen innerhalb von 60 Sekunden getötet, heißt es aus israelischen Militärkreisen. Weitere 40 hochrangige iranische Führungspersonen kamen bei dem Angriff ebenfalls ums Leben.
Dass Israel den eigentlichen Machthaber persönlich ins Visier nehmen würde, war nicht unbedingt vorauszusehen, und wenn, dann rechnete man mit einem Angriff bei Nacht im Schutz der Dunkelheit – ähnlich wie beim Überraschungsangriff zu Beginn des zwölftägigen Krieges im Juni 2025. Doch die Raketen schlugen am helllichten Samstagmorgen ein.

Präzisionsschlag gegen den Gebäudekomplex der Führung.
„Eine taktische Überraschung“
Angesichts neuer Informationen über ein Treffen im Regierungskomplex in Teheran am Samstagmorgen hatten die Amerikaner und Israelis beschlossen, den Zeitpunkt anzupassen. Das Meeting sollte in einem Gebäudekomplex stattfinden, in dem sich die Büros des iranischen Präsidenten, des Obersten Führers sowie des Nationalen Sicherheitsrates befinden. Ein idealer Moment, um die größten Häupter der Hydra abzuschlagen.
Um 6.00 Uhr morgens israelischer Zeit waren israelische Kampfflugzeuge gestartet, zwei Stunden und 5 Minuten später, gegen 9.40 Uhr iranischer Zeit (Zeitunterschied im Winter: 90 Minuten), trafen bis zu 30 Präzisionsgeschosse mit einer Sprengkraft von jeweils 500 Kilo den Führungskomplex im Herzen Teherans – „eine taktische Überraschung, eine operative Überraschung“, wie Amos Yadlin, ehemaliger Leiter des israelischen Militärgeheimdienstes, sagte.
Wie die New York Times berichtete, war entscheidend, dass die amerikanische CIA ihren israelischen Partnern mitteilen konnte, dass Khamenei anwesend sein würde und wann genau das Treffen stattfinden sollte. Die Bestätigung stammte von einer menschlichen Quelle.

Fast 38 Jahre „Revolutionsführer“: Ali Khamenei.
Bilder aus Teheraner Verkehrskameras ausgewertet
Das Netzwerk von Agenten und Informanten – oft Dissidenten, die sich den Sturz des Mullah-Regimes wünschen – ist ein Schlüssel zum Erfolg des israelischen Geheimdienstes Mossad bei seiner Arbeit im Iran. So konnten im Lauf vieler Jahre das iranische Atomprogramm sabotiert, Nuklearwissenschaftler getötet oder eingeschüchtert und auch der Hamas-Führer Ismail Haniyeh 2024 getötet werden, als er sich in seinem Lieblingszimmer in einem staatlichen Gästehaus in Teheran aufhielt. Offenbar wurden selbst höchste Kreise infiltriert.
Hinzu kommt die überragende technologische Kapazität der US- und israelischen Nachrichtendienste. So waren nahezu alle Verkehrskameras in Teheran über Jahre hinweg gehackt, ihre Bilder verschlüsselt und an Server in Israel übertragen worden. Wie die Financial Times berichtet, hatte eine Kamera einen besonders nützlichen Blickwinkel, sodass etwa herausgefunden werden konnte, wo politische, militärische und geheimdienstliche Entscheidungsträger ihre Privatwagen bevorzugt parkten, und was in einem unscheinbaren Teil des streng bewachten Komplexes abläuft.
Die Informationsströme, die die israelische Fernmeldeaufklärungseinheit Unit 8200 sammelte, lieferten über Jahre Details wie Wohnadressen, Dienstzeiten, Arbeitswege und Personenschutz. Laut Financial Times sagte ein israelischer Geheimdienstoffizier, man habe Teheran so gut gekannt wie Jerusalem: „Und wenn man [einen Ort] so gut kennt wie die Straße, in der man aufgewachsen ist, bemerkt man jedes Detail, das nicht passt.“
Iranische Abwehr blind und taub gemacht
Ein Detail der vielen Informationen und Maßnahmen, die den Schlag gegen Khamenei und weitere Entscheidungsträger des Regimes ermöglichten: Es gelang den Israelis offenbar, einzelne Komponenten von rund einem Dutzend Mobilfunkmasten nahe der Pasteur-Straße (also der Umgebung, in der man die versammelte Führungsspitze erwischte) zu stören, sodass Telefone bei Anrufen besetzt wirkten und Khameneis Sicherheitsteam keine möglichen Warnungen empfangen konnte.
Anders als der von Israel 2024 getötete Scheich Hassan Nasrallah, Kopf der schiitischen Hisbollah-Miliz im Libanon, versteckte sich Khamenei bisweilen nicht in seinen Bunkern (er besaß zwei), sondern zeigte sich auch in der Öffentlichkeit. Erst in letzter Zeit machte er sich „unsichtbar“. Daher ergab sich mit dem Treffen am Samstagmorgen eine seltene Gelegenheit, ihn gemeinsam mit vielen anderen Führungspersonen zu eliminieren.
Für das Gelingen der Operation waren die erheblichen technologischen Ressourcen der Amerikaner entscheidend – aber auch die Netzwerke von Agenten vor Ort, die menschliche Quellen lieferten und verdeckte Operationen innerhalb Irans durchführten. Und die hat Israel aufgebaut.
Jahrelanger Schattenkrieg der Geheimdienste
Seit den 80er Jahren ist der Mossad im Iran aktiv, verstärkt jedoch seit 2001: Damals beauftragte Ministerpräsident Ariel Sharon den Mossad-Chef Meir Dagan damit, auf den islamistischen Iran ein besonderes Auge zu haben. Als dann die Hamas und andere Dschihadisten am 7. Oktober 2023 in den Süden Israels eindrangen und 1.200 Menschen ermordeten sowie 250 in den Gazastreifen verschleppten, geriet das Mullah-Regime als Drahtzieher des Massakers vollends ins Visier der Israelis.
Die Streitkräfte und der Mossad intensivierten ihre Vorbereitungen, um ihre Todfeinde einen nach dem anderen stark zu schwächen. Der Iran als Spinne im Netz war dabei der härteste Brocken, er verfügte über ein riesiges Raketenarsenal und auch operative Fähigkeiten im nachrichtendienstlichen Sektor, konnte sogar einige Spione in Israel anwerben.
Doch an die Möglichkeiten und Fähigkeiten des Mossad reichte er nicht heran – und Informanten können Israelis unter den vielen Regimegegnern im Iran leichter anwerben als der Iran Israelis, die er höchstens zu bestechen vermag.

Nach jahrelanger Vorbereitung durch den Mossad schlug die israelische Luftwaffe schließlich zu.
„Sechzig Sekunden, mehr brauchte es nicht“
Und an die Skills der Mossad-Agenten reicht er schon gar nicht heran. Im Sammeln von Informationsschnipseln, die am Ende einen umfassenden Überblick über das „Lebensmuster“ („pattern of life“) einer Zielperson zulassen, und in der Entwicklung hochkomplexer Algorithmen, die eine Auswertung von Milliarden Datenpunkten ermöglichen, kurz: in der Zielaufklärungs-Intelligenz ist der israelische Geheimdienst bärenstark.
„Sechzig Sekunden. Mehr brauchte diese Operation nicht – aber sie ist das Produkt jahrelanger Vorbereitung“, brachte es Oded Ailam, ehemaliger Leiter der Anti-Terror-Abteilung des Mossad und Forscher am Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs, auf den Punkt. „Das moderne Schlachtfeld wird nicht mehr nur durch Panzer und Flugzeuge definiert. Es wird durch Daten, Zugang, Vertrauen und Timing definiert.“
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