Bäckermeister Seefluth über Bürokratie-Horror: „Es sind zwischen fünf und zehntausend Euro jeden Monat, nur für die Auflagen“
Ein Beitrag von
Backen ist für Patrick Seefluth nicht nur Beruf, sondern auch Teil der eigenen Familienhistorie. Seit über 111 Jahren gibt es bei der Feinbäckerei und Konditorei Laufer in Berlin-Hermsdorf frische Brötchen. Juniorchef Seefluth backt damit in der fünften Generation, ist mittlerweile jedoch frustriert – weil ihn bürokratische Hürden nicht nur zeitlich, sondern auch finanziell belasten.
Weder das frühe Aufstehen ist ihm ein Dorn im Auge noch die Verantwortung für über 50 Mitarbeiter in fünf Filialen: Seefluth stört vor allem, dass er sich immer weniger auf seine eigentliche Leidenschaft, das Backen, konzentrieren kann. Denn: „Bevor überhaupt hier mal irgendwas losgeht“, sagt er, fließen bereits zehn bis zwanzig Prozent der Arbeitszeit allein in die Dokumentationspflichten. Temperaturprotokolle, Reinigungslisten, Unterweisungsnachweise, Unfallbücher oder auch die Arbeitszeiterfassung: Für jeden Unternehmensbereich gibt es spezielle Auflagen. Wie Seefluth sagt: „Jeder Eierkocher muss überprüft werden.“
Schauen Sie hier das gesamte Video:
Um die Vielzahl an Vorschriften bewältigen zu können, hat der Betrieb extra eine Firma engagiert, die die jeweiligen Listen vorbereitet. Die Kosten für Bürokratie und Auflagen belaufen sich auch dadurch auf 5.000 bis 10.000 Euro im Monat. Geld, das fehlt – für Investitionen, für Innovation oder schlicht für Zeit am Produkt. „Ich würde halt morgens gerne die Zeit in meine Produkte stecken und nicht in irgendwelche Listen“, sagt Seefluth.
Allein sei der Aufwand nicht stemmbar: „Wir sind voll ausgelastet. Ich habe jede Woche eine 50-Stunden-Woche, in Stoßzeiten können es auch mal 60 werden. Davon hänge ich im Schnitt zehn Stunden am Tag an der Produktion und danach nachmittags noch im Büro“, berichtet der Bäckermeister.

Bei Patrick Seefluth kommt die Maschine nur als Hilfe zum Einsatz, vieles wird in seinem Betrieb noch von Hand gemacht.
Jedes Kabel wird geprüft
Der bürokratische Wirrwarr reicht bis ins kleinste Detail. Selbst das Ladekabel eines Festnetztelefons muss der Prüfung standhalten: „Einmal im Jahr kommt der Elektromeister und der schaut sich unseren ganzen Betrieb an und der katalogisiert das und heftet das dann ab und dokumentiert jedes einzelne Gerät.“
Das Problem: Die Bürokratie-Hürden sind aktuell nicht die einzige Zusatzbelastung für das Bäcker-Handwerk. Auch die Energiekosten machen dem Betrieb zu schaffen. Im vergangenen Jahr habe man für 150.000 Euro einen neuen Ofen gekauft – zum Glück. „Wären wir weiter bei einem Gasofen geblieben und hätten nicht umgestellt, dann hätten wir ungefähr eine halbe Million Mehrkosten gehabt. Da hätten wir den Laden abschließen können“, ist sich der Bäckermeister sicher.

Immerhin: Bei der Vorbereitung des Brotteigs muss Seefluth keine bürokratischen Hürden nehmen.
Trotz der Belastungen hält Seefluth an seinem Handwerk fest, auch aus Verantwortung: „Meine Vorfahren haben zwei Weltkriege mitgemacht, die waren fürs Volk da. Ich habe jetzt Corona mit überstanden.“ Gerade in der Pandemie habe er sich verpflichtet gefühlt: „Da hatten wir Lieferengpässe in den Supermärkten. Das habe ich sehr ernst genommen. Wir haben Brot in Doppelschichten produziert, weil ich dafür Sorge leisten wollte, dass unsere Leute hier was zu essen haben.“
Aufgeben ist für ihn keine Option: „Ich kann mir nicht vorstellen, was anderes zu machen.“ Er hoffe, dass er den Betrieb irgendwann einmal sogar an seine Kinder abtreten kann. Allerdings: „Mit einem guten Bauchgefühl und nicht mit so Bauchschmerzen, wie ich sie gerade habe.“
Auch bei NIUS:
Bäckermeister Patrick Seefluth: „Wir wollen nichts geschenkt haben, aber wir wollen Planungssicherheit“
Mehr NIUS:
DIHK warnt vor nächster Gefahr für die Wirtschaft: Energiedeckel gefährdet Millionen Jobs
Arla übernimmt größte deutsche Molkerei: Milram wird dänisch
Interne Prognose: Bundesagentur für Arbeit mehr als fünf Milliarden Euro im Minus
Hightech wird um Deutschland herum geboren
Wirtschaftsrat-Boss warnt: „Deutschland fährt auf Verschleiß“
Europa hat ein Gründerproblem: Brüssel plant neue Rechtsform „EU Inc.“
Arbeitslosenquote sank im Mai nur um 0,1 Prozentpunkte
Krise in der Autoindustrie: Deutsche Zulieferer müssen Standorte schließen
Mehr NIUS:
Hightech wird um Deutschland herum geboren
Wirtschaftsrat-Boss warnt: „Deutschland fährt auf Verschleiß“
Europa hat ein Gründerproblem: Brüssel plant neue Rechtsform „EU Inc.“
Arbeitslosenquote sank im Mai nur um 0,1 Prozentpunkte
Krise in der Autoindustrie: Deutsche Zulieferer müssen Standorte schließen
US-Unternehmen Nvidia wertvoller als alle deutschen Firmen zusammen
Metallindustrie-Präsident Dinglreiter: „Die Lage ist dramatisch“
Wirtschaftsweisen halbieren Wachstums-Prognose auf 0,5 Prozent
Eric Steinberg
Artikel teilen
Kommentare