Wirtschaftsrat-Boss warnt: „Deutschland fährt auf Verschleiß“
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Zum achten Mal in Folge sinkt die Zahl der in Deutschland angekündigten Projekte ausländischer Direktinvestitionen. Wolfgang Steiger, Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrats, spricht von „harten Zahlen“ für den Standort. Deutschland verliere nicht nur ausländisches Kapital – auch heimische Unternehmen investierten zu wenig. In seiner Kolumne warnt der Experte: „Eine alternde Gesellschaft ohne Wachstumspotenzial läuft unweigerlich auf spaltende Verteilungskämpfe zu.“
Es sind „harte Zahlen“ für den Wirtschaftsstandort Deutschland: Zum achten Mal in Folge sinken die in Deutschland angekündigten Projekte für ausländische Direktinvestitionen. Die Bundesrepublik fällt damit „auf den niedrigsten Stand seit 2009“ zurück. Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrats der CDU, sieht darin ein deutliches Alarmsignal. Internationale Investoren hielten den Standort Deutschland „in seiner derzeitigen Verfasstheit augenscheinlich nicht für ausreichend wettbewerbsfähig“.

Investitionen in den Standort Deutschland scheinen für ausländische und inländische Geldgeber nicht mehr attraktiv.
Doch es gehe längst nicht nur um ausländisches Kapital. Auch heimische Unternehmen investierten nicht genug in Deutschland. Steiger verweist dafür auf die sogenannte „Nettoinvestitionsquote“. Sie zeige, ob Unternehmen und Staat mehr in neue Sachanlagen wie Maschinen, Gebäude oder Fahrzeuge investierten, als bestehende Werte durch Abnutzung verlören. Das Ergebnis sei alarmierend: Erstmals seit der Wiedervereinigung sei diese Bilanz zuletzt „ins Negative gekippt – es wurde also weniger investiert, als an Ersatzanschaffungen notwendig gewesen wäre, um den Kapitalstock auch nur zu erhalten. Deutschland fährt auf Verschleiß.“
Investitionsschwäche wird zum Standortproblem
Nach Einschätzung Steigers reicht diese Entwicklung weit über eine kurzfristige Konjunkturschwäche hinaus. Die EU-Kommission prognostiziere, dass sich der „fatale Trend“ fortschreibe. Staatliche Investitionsprogramme in Rüstung und Infrastruktur würden nur knapp die Hälfte dessen ausgleichen, „was Deutschland seit 2022 verloren hat“. Für Steiger entsteht daraus ein gefährlicher Mix: die „ausgeprägte private Investitionsschwäche“ auf der einen Seite, der demografiebedingte Rückgang des Arbeitsangebots auf der anderen. Zusammen sei das ein „toxischer Mix“, der dafür sorge, dass das Potentialwachstum bis zum Ende des Jahrzehnts „auf 0,0 Prozent zu sinken droht“.

In den 1990er-Jahren lag die „Nettoinvestitionsquote“ noch bei durchschnittlich 7 Prozent. 2025 ist sie auf minus 0,2 Prozent gesunken.
Deutschland bleibe damit „in der Stagnation gefangen“.
Der Präsident des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, habe bereits vor einigen Monaten vor „italienischen Verhältnissen“ gewarnt. Fuest sagte: „Weniger private Investitionen bedeuten mittelfristig weniger Wachstum, weniger Steuereinnahmen und damit auch weniger Geld für staatliche Leistungen.“
Der durchschnittliche Lebensstandard stagniere bereits seit Längerem, schreibt Steiger. Doch Durchschnittswerte verdeckten, „die sich dahinter verbergenden tiefgreifenden strukturellen Umwälzungen“. Viele Bürger erlebten bereits einen sinkenden Lebensstandard, der durch positive Entwicklungen bei anderen in der Statistik verdeckt werde.
Die K-förmige Wirtschaft
Steiger warnt vor einer Entwicklung, die er als „K-förmige Wirtschaft“ beschreibt. Nach dem Wirtschaftseinbruch durch Corona sei oft von einer V-förmigen Erholung, also einem schnellen Aufschwung, oder einer U-förmigen Erholung, also einem langsameren Aufschwung, die Rede gewesen. Die K-förmige Entwicklung funktioniere anders. Sie folge „keinem eindeutigen Trend“, sondern zeichne sich durch eine „scharfe Divergenz im Erholungspfad“ aus. Sie spalte die Wirtschaft in Gewinner und Verlierer.
Der obere Ast des K stehe für Gruppen, Branchen und Regionen, die sich positiv entwickelten. Der untere Ast stehe für jene, „die stagnieren oder schrumpfen“.
Genau diese Spaltung zeige sich inzwischen auch bei den Investitionen. Eine aktuelle Studie belege den „ungebremsten Abwärtstrend in Schlüsselindustrien wie Automotive und Maschinenbau“. In Hochtechnologiebranchen wie Pharma, Elektronik oder optischer Industrie gebe es dagegen „durchaus eine positive Investitionsdynamik“. Auch regional laufe Deutschland auseinander: Einige Bundesländer zögen weiterhin Investitionen an, während andere „beschleunigt an Substanz verlieren“.
„Die strukturelle Kluft manifestiert sich nicht nur zwischen Branchen und Regionen, sondern zunehmend auch zwischen sozialen Gruppen. Haushalte, die der obere Arm des K repräsentiert, verfügen in der Regel über Assets wie Immobilien, Aktien oder Unternehmensbeteiligungen und profitieren von Wertsteigerungen bei diesen Vermögenswerten. Diejenigen, die im unteren Arm des K repräsentiert sind, kämpfen dagegen vermehrt mit Inflation und Erschwinglichkeit (Affordability) – insbesondere bei Energie, Lebensmitteln und steigenden Mieten“, schreibt Steiger.

Supermarkt und Jugendtreff stehen leer vor einem Plattenbau in Hoyerswerda.
Aufstiegsversprechen in Gefahr
„Soziale Marktwirtschaft schafft keine Gleichheit, macht aber alle reicher und bietet Chancengerechtigkeit und Teilhabe“, schreibt Steiger. Doch genau dieses Versprechen sieht Steiger inzwischen gefährdet. Bei der aktuellen Entwicklung gehe es „längst nicht mehr um normale Bewegungen und Anpassungen im Wettbewerb“. Vielmehr sei das „Leistungs- und Aufstiegsversprechen“ der Sozialen Marktwirtschaft durch eine Verfestigung der K-Form „in seinem Kern gefährdet“.
Zum ersten Mal seit 1950 erlebe Deutschland durch „völlig falsch gesetzte Rahmenbedingungen“ eine „prolongierte Phase negativen Wachstums“. Früher seien auf Rezessionsjahre positive Anpassungen gefolgt. Heute sei die Perspektive eine andere.
Stagnation führt zu Verteilungskämpfen
Eine alternde Gesellschaft ohne Wachstumspotenzial laufe laut Steiger „unweigerlich auf spaltende Verteilungskämpfe“ zu. „Ein weiteres Ausweiten der nicht erfüllbaren Umverteilungspolitik wird daran nichts ändern. Da die Legitimität der politischen Ordnung in der Bundesrepublik Deutschland von Beginn an besonders eng mit der wirtschaftlichen Prosperität verknüpft gewesen ist, geht es hier nicht nur um Wachstumszahlen, sondern um die Grundlagen unserer Gesellschaftsordnung.
Will die Bundesregierung dem zunehmenden Vertrauensverlust entgegenwirken, muss sie endlich fundamentale Reformprozesse einläuten“, so das Fazit des Experten.
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