Experten warnen vor Preisexplosion durch Irankrieg: „Steigende Energiekosten, wachsende Inflationsrisiken und zusätzliche Investitionsunsicherheit“
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Der Iran-Krieg trifft die Energiemärkte an einer empfindlichen Stelle: an der Straße von Hormus, einer Engstelle, durch die ein erheblicher Teil des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports läuft. Schon die bloße Gefahr von Störungen lässt Öl, Gas, Sprit und Heizöl teurer werden. Wie groß der Schock wird, hängt davon ab, ob sich die Lage am Golf weiter verschärft, ob Katar die LNG-Produktion zügig wieder hochfährt und wie lange die Unsicherheit anhält. Mehrere Fachleute warnen vor Inflationseffekten und Belastungen für Wachstum und Industrie.
Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm sieht Deutschland besonders verwundbar, weil die Wirtschaft die jüngsten Preissprünge noch nicht verdaut hat. „Ein erneuter Energieschock würde eine Wirtschaft belasten, die sich noch immer von den vergangenen Preissprüngen erholt“, sagte Grimm dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) am Montag. Besonders energieintensive Branchen wie Chemie, Stahl, Glas oder Papier wären nach ihrer Einschätzung stark betroffen. Mit Blick auf Europa warnt sie vor einem Mix aus höheren Kosten, Inflation und Unsicherheit: „Für Europa bedeutet das: steigende Energiekosten, wachsende Inflationsrisiken und zusätzliche Investitionsunsicherheit.“ Ihre Schlussfolgerung: Europas Energieversorgung müsse robuster werden, unter anderem über diversifizierte Lieferketten, volle Speicher, koordinierte Beschaffung und den Ausbau eigener Kapazitäten. „Wir müssen uns auf eine längere Phase erhöhter Unsicherheit einstellen“, warnte die Ökonomin.
Öl und Gas: Hormus-Risiko als Preistreiber
In den Hintergrundroutinen des Welthandels stellt Hormus eine Schlüsselstelle dar. Die Internationale Energie Agentur (IEA) schätzt die Lage so ein: „Jede Unterbrechung der Ströme durch die Meerenge hätte erhebliche Auswirkungen auf die Weltölmärkte.“ 2023 seien nahezu 30 Prozent des weltweiten verschifften Öls über die Straße von Hormus transportiert worden, zudem rund 20 Prozent des weltweiten Flüssiggashandels. Für Deutschland bedeutet das auch dann ein Risiko, wenn Lieferungen nicht direkt aus der Region kommen, weil Weltmarktpreise durchschlagen.
Die Energieexpertin Claudia Kemfert hatte diesen Mechanismus bereits früher betont: „Obwohl deutsche Ölimporte nicht direkt über die Straße von Hormus kommen, wäre eine Blockade über den Weltmarktmechanismus spürbar.“ Betroffen wären demnach unter anderem die chemische Industrie, der Transportsektor und die Verbraucher. Neue Verwundbarkeit sieht Kemfert beim Flüssiggas, weil Deutschland seit dem Verzicht auf russisches Gas einen Teil des Bedarfs über LNG deckt, darunter auch Mengen aus Katar.
Commerzbank sieht spürbare Bremse
Wie teuer es werden kann, hängt vom Worst Case einer faktischen Schließung oder anhaltenden Störung der Passage ab. Der Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer wird von dpa mit einer konkreten Preis-Marke zitiert: „Der Nahost-Krieg könnte den Brent-Ölpreis wegen der Schließung der Straße von Hormus in Richtung 100 US-Dollar steigen lassen.“ Krämer verbindet das direkt mit Makroeffekten: Bleibe Öl mehrere Monate auf hohem Niveau, würde das die Inflation im Euroraum rechnerisch um mehr als einen Prozentpunkt erhöhen und das Wachstum um einige Zehntel Prozentpunkte senken.
Gasmarkt: böse Erinnerungen an 2022
Am europäischen Gasmarkt zeigte sich der Stress besonders schnell. Das Handelsblatt berichtet von einem starken Sprung am TTF-Referenzmarkt und zitiert Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank: „Dieser Anstieg, ausgelöst durch knappe Lager und den LNG-Stopp Katars, weckt böse Erinnerungen an die Preissteigerungen des Jahres 2022.“ Die Sorge vor einer zweiten Inflationswelle formuliert er ebenfalls klar: „Niemand will eine zweite Welle an Inflation, nachdem die Auswirkungen der ersten noch nicht ganz überwunden waren.“
Für die nächsten Tage erwartet S&P Global Energy keine ruhige Preisfindung. Ross Wyeno, Associate Director und Leiter der LNG-Kurzfristanalyse, wird im Handelsblatt so zitiert: „Wir erwarten in den kommenden Tagen erhebliche Preisschwankungen, da die Marktteilnehmer die Auswirkungen der Produktionsausfälle auf ihre jeweiligen Versorgungsportfolios bewerten.“
Bundesnetzagentur sieht keine akuten Engpässe
Gleichzeitig versucht die Bundesnetzagentur, die Lage bei der physischen Versorgung von den Preisreaktionen zu trennen. Ein Sprecher sagte laut Handelsblatt: „Aktuell sehen wir keine Einschränkungen der Gasversorgung.“ Behördenchef Klaus Müller wird dort mit einer doppelten Botschaft zitiert: „Gas vom Persischen Golf spielt für die deutsche Versorgung eine überschaubare Rolle“, betonte Müller. Und: „Wir sehen Preiseffekte auf den Weltmärkten, die auch Deutschland spüren dürfte – abhängig von der Dauer des Konfliktes.“ Für viele Haushalte wirkt der Preisschock nicht sofort durch, weil Verträge oft länger laufen, aber mittelfristig kann der Weltmarkt auch in Endkundenpreise einsickern, etwa über Neuverträge und Nachbeschaffung.
An der Zapfsäule kommt der Krieg sofort an
Bei Kraftstoffen bemerken Verbraucher den Krieg meist am schnellsten, weil Rohölbewegungen zügig auf den Preis durchschlagen. ADAC-Kraftstoffmarktexperte Christian Laberer beschreibt die ersten Effekte so: „Die Zahlen am Vormittag deuten auf eine Dimension von drei bis vier Cent“, sagte Laberer am Montag. Die bundesweiten Tagesdurchschnittspreise lagen schon am Sonntag auf dem höchsten Stand seit dem Frühjahr 2024, und am Montag habe der Anstieg deutlich an Fahrt gewonnen. Laberer warnt vor einem anhaltenden Trend, falls der Ölpreis hoch bleibt: „Sollte der Ölpreis nicht bald wieder nachgeben, kann der Aufwärtstrend auch über die nächsten Tage anhalten“, sagt er. Zugleich verweist er auf einen möglichen Dämpfer, falls sich die Lage beruhigt und zusätzliche Förderung kommt: Mittelfristig gebe es Hoffnung auf gemäßigtere Preise, da die Opec+ angekündigt habe, die Fördermengen zu erhöhen.
„Während steigende Ölpreise meist sehr schnell an den Zapfsäulen ankommen, dauert es bei sinkenden Preisen oft länger“, sagt der Experte. Wer sparen will, solle abends tanken und stärker vergleichen, weil Unterschiede zwischen Tankstellen in volatilen Zeiten besonders groß ausfallen können.
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