Die Spur der Furin-Spaltstelle – wie tief deutsche und europäische Virologen im Corona-Komplex steckten
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Weltweit und insbesondere in Deutschland wurde diese Hypothese mit aller Macht bekämpft: dass das Coronavirus in einem Labor entwickelt und durch einen Unfall versehentlich freigesetzt wurde. Inzwischen ist diese Hypothese fest etabliert. Die Argumente, die für sie sprechen, waren damals so gut wie heute: Im Zentrum steht eine besondere künstliche Eigenart des Virus, die Furin-Spaltstelle.
Ein Paukenschlag in den USA hat diese Diskussion vor Kurzem neu entfacht: Die scheidende amerikanische Geheimdienst-Chefin Tulsi Gabbard hat viele bislang unter Verschluss gehaltene Dokumente veröffentlicht, darunter ein besonders brisantes: die Analyse eines US-Labors, die seinerzeit im Geheimdienstmilieu zirkulierte.
Ihr Ergebnis: In Wuhan herrschten 2019 günstigste Voraussetzungen für einen Laborunfall. Diese Veröffentlichungen werfen eine Frage auf, die bislang kaum gestellt wurde: Wie tief stecken eigentlich die Europäer, insbesondere die Deutschen, in jenem chinesisch-internationalen Forschungskomplex, in dem es schon vor SARS-CoV-2 zu Laborlecks gekommen war?
I. Die US-Geheimdienstanalyse
Die Laborthese ist inzwischen auch bei Regierungsstellen angekommen. In Deutschland wurde im vergangenen Jahr bekannt, dass der Bundesnachrichtendienst mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 bis 95 Prozent von einem künstlichen Ursprung des Coronavirus ausging. Auch amerikanische Stellen waren früh auf dieser Spur, wie die Freigaben der scheidenden US-Geheimdienstchefin Tulsi Gabbard nun zeigen.
Zu den fast 400 Seiten an nachrichtendienstlichen Unterlagen über den Ursprung von COVID-19 gehört eine bislang unveröffentlichte Einschätzung des Lawrence Livermore National Laboratory aus dem Mai 2020. Darin wird deutlich, dass US-Analysten schon früh mit unterschiedlichen Ursprungstheorien rangen, darunter die Laborhypothese.

Die Fauci-Enthüllungen brachten auch dieses brisante Dokument ans Licht der Öffentlichkeit.
Die Analyse kam zu einem brisanten Ergebnis: Am Wuhan Institute of Virology seien Mitte bis Ende 2019 alle Bedingungen gegeben gewesen, die für eine versehentliche Freisetzung eines im Labor veränderten Coronavirus nötig gewesen wären – insbesondere eines Virus, das an die Erkennung menschlicher Zellrezeptoren angepasst ist.
Die Untersuchung nennt vier Voraussetzungen für ein solches Szenario: Zugang zu einem SARS-CoV-2-nahen Virus, die Verwendung eines Reverse-Genetics-Systems zur Modifikation von Coronaviren, Experimente mit menschlichen ACE2-Rezeptoren sowie Biosicherheitsmängel oder frühere Laborunfälle im Zusammenhang mit der Coronavirus-Forschung.
II. Die „Reverse-Genetics“-Methode
Bereits 2015 zeigte eine europäisch-chinesische Forschergruppe mit Wuhan-Beteiligung in einer Studie, dass sich in ein Coronavirus-Spike durch eine einzige Aminosäureänderung eine künstliche Furin-Spaltstelle einbauen lässt – eine kleine Eiweiß-Stelle im Virus, die es potenziell ansteckender machen kann. Was in der Diskussion um die Laborhypothese zu SARS-CoV-2 später als hochbrisantes Merkmal galt, war also schon vor der Pandemie experimentell demonstriert worden.

2015 kreierte man eine künstliche Furin-Spaltstelle (im Screenshot die automatische Browser-Übersetzung).
Ein weiteres Schlüsselwort aus der amerikanischen Laboranalyse lautet: Reverse Genetics. Mit Hilfe dieser Methode wird aus genetischer Information ein infektiöses Virus rekonstruiert. Wird die genetische Information gezielt verändert, kann auch das daraus rekonstruierte Virus gezielt veränderte Merkmale aufweisen.
In den freigeklagten Nachrichten zur Entstehung der berüchtigten Nature-Medicine-Studie, mit der die Laborhypothese öffentlich als Verschwörungstheorie diffamiert wurde, diskutierte der Virologe Kristian Andersen, dass eine Furin-Spaltstelle theoretisch künstlich eingefügt worden sein könne. Er argumentierte, ein Reverse-Genetics-System sei offenbar nicht schwer aufzubauen: „the Germans managed to do exactly that for SARS-CoV-2 in less than a month“ – die Deutschen hätten genau das für SARS-CoV-2 in weniger als einem Monat geschafft.

Diese Slack-Nachricht wurde freigeklagt.
Sehr wahrscheinlich meinte Andersen hier die schweizerisch-deutsche Arbeit um Volker Thiel, an der auch der deutsche Virologie-Professor Christian Drosten beteiligt war. Die Forscher rekonstruierten SARS-CoV-2 über eine synthetische Genomics-Plattform. Damit zeigte sich schon wenige Wochen nach Veröffentlichung der Virus-Sequenz in einer virologischen Datenbank: Die technische Fähigkeit, SARS-CoV-2 synthetisch zu rekonstruieren, war in Europa vorhanden. Solche Reverse-Genetics-Systeme sind nicht bloß Analysewerkzeuge; sie lassen sich auch zum Konstruieren und gezielten Modifizieren von Virusgenomen einsetzen.
III. Furin und die Essen-Wuhan-Verbindung
An dieser Stelle tritt ein weiterer deutscher Virologe auf die Bühne dieses Corona-Komplexes: Stefan Pöhlmann. Zusammen mit Christian Drosten und weiteren Forschern untersuchte er bereits 2015 in einer Studie zum MERS-Coronavirus, wie das Spikeprotein durch körpereigene Enzyme verarbeitet wird, zu denen auch Furin gehört. Es ging also um Coronavirus und Spikeprotein, um Furin-nahe Spaltstellen und den Eintritt des Virus in menschliche Zellen. Damit fällt die Arbeit präzise in jenen Forschungsbereich, in dem später die Laborhypothese zu SARS-CoV-2 diskutiert wurde.
2019 folgte eine weitere Arbeit mit deutscher Beteiligung, in der Furin noch deutlicher ins Zentrum rückte. Die Forscher untersuchten, wie Furin virale Hüllproteine spaltet und dadurch Viren beim Eindringen in Zellen helfen kann. Zu den Autoren gehörten Kathrin Sutter, Ulf Dittmer und Stefan Pöhlmann.
Parallel dazu existierte eine öffentlich dokumentierte deutsch-chinesische Virologie-Kooperation mit direktem Wuhan-Bezug: das gemeinsame deutsch-chinesische Labor für Infektion und Immunität, später fortgeführt im Sino-German Virtual Institute for Viral Immunology. Leiter war Ulf Dittmer; chinesischer Vertreter war Dongliang Yang vom Wuhan Union Hospital. Als wissenschaftliche Sekretärin wird Kathrin Sutter genannt.
„Nenn mich verschwörerisch, aber ich glaube, dort könnte es Flurgespräche geben“
So schließt sich der Kreis. Die amerikanische Laboranalyse nannte 2020 die Voraussetzungen für einen Laborunfall: In Wuhan wurde mit Reverse Genetics und modifizierten Coronaviren geforscht; auch menschliche Zellrezeptoren spielten eine Rolle. In all diesen Feldern findet sich lange vor 2020 Forschungsaktivität aus Deutschland und Europa.
Es geht dabei um die Schlüsselbegriffe der Laborhypothese: die Furin-Spaltstelle, das Spikeprotein, den Eintritt des Virus in menschliche Zellen, synthetische Rekonstruktion und gezielte Modifikation von Virusgenomen. Diese Verstrickung erklärt, warum die Virologen, die an der von Fauci initiierten, internen Telefonkonferenz zur Ursprungsklärung des Coronavirus teilnahmen, selbst nicht ausschließen konnten, dass der Laborunfall in ihrem unmittelbaren Forschungsbereich passiert sein könnte. Das erklärt auch, warum besonders Drosten so erpicht darauf war, die Laborhypothese „fallen zu lassen, wenn möglich“.
Deswegen sprach einer der beteiligten Forscher vom „hallway talk“, vom Flurgetuschel am Erasmus Medical Center in Rotterdam, also von Diskussionen hinter vorgehaltener Hand über jene Möglichkeit, die wenig später in der Nature-Medicine-Studie als Verschwörungstheorie diskreditiert werden sollte. In den freigeklagten Slack-Nachrichten schrieb der Virologe Robert Garry, der dann sogar Autor jener Studie wurde, am 10. Februar 2020, Laborlecks seien bei SARS-CoV-1 „several times“ passiert, also mehrere Male. Er fuhr fort: „Call me conspiratorial (OK that horse left the barn), but I think there may be some hallway talk going on at Erasmus.“ Auf Deutsch: Nenn mich verschwörerisch (OK, die Formulierung ist nun in der Welt), aber ich glaube, am Erasmus könnte es Flurgespräche geben.

Diese Slack-Nachrichten wurden freigeklagt.
Garry spielte damit wohl auf seine niederländischen Virologen-Kollegen Ron Fouchier und Marion Koopmans am Erasmus Medical Center in Rotterdam an. Die Spur der Furin-Spaltstelle führt damit nicht nur nach Wuhan und Washington. Sie führt auch nach Europa und schließlich nach Deutschland.
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