Der Strompreis wird mit jedem Windrad teurer, nicht günstiger
Ein Beitrag von
Ein Gastbeitrag von Dr. Björn Peters, Physiker und Energieökonom
Das europäische Stromnetz ist die größte technische Anlage, die die Menschheit je gebaut hat. Den Stromtransport über hunderttausende Kilometer Stromtrassen quer durch den Kontinent stabil zu halten, erfordert umfassende Kenntnisse. Spannung, Frequenz und Phase der Elektrizität sind die drei Parameter, die sich immer in einem engen Band bewegen müssen, und was die Elektroingenieure bei den Netzbetreibern hierfür leisten, verdient unseren Dank und unsere Hochachtung.
Kann die erforderliche Stabilität heute noch gewährleistet werden? Und welchen Preis zahlen wir dafür?
Dramatischer Anstieg der Notfallmaßnahmen
Vor diesem Hintergrund kam diese Woche eine Nachricht herein, die Kommentierung verdient: Am 31. Oktober um 12:30 Uhr stieg die Anzahl der Notfall-Eingriffe ins Stromnetz nach Angaben der Bundesnetzagentur auf den Wert des gesamten Vorjahres, 12.633.
Schon letztes Jahr hatte es 4,2 Milliarden Euro gekostet, den Sonnen- und Windstrom auszugleichen. Dieses Jahr wird es wohl noch teurer.
Notfallmaßnahmen („Redispatchmaßnahmen“) sind Eingriffe, die benötigt werden, um das Stromnetz stabil zu halten. Mal fehlt Strom, dann müssen schnell regelbare Krafwerke hochgefahren werden, mal verstopft zu viel Wind- oder Solarstrom die Netze, und Kraftwerke müssen dann heruntergeregelt werden. Übrigens geht dies immer auf Kosten der Netzbetreiber, die diese Kosten über die Netzentgelte auf die Endverbraucher umlegen.
Im ganzen Jahr 2000 wurden sechs Notfallmaßnahmen benötigt, heute sind es mehrere pro Stunde, und jährlich steigt die Anzahl der notwendigen Eingriffe. Dies ist ein Effekt der Energiewende, der noch viel zu wenig bekannt ist.
Sehr häufig werden Notfallmaßnahmen in einer Situation mit zu viel Windstrom im Norden und hohem Stromverbrauch im Süden nötig. Der Windstrom kann wegen zu kleiner Übertragungsleitungen nicht in den Süden Deutschlands transportiert werden. Dort laufen zu wenige Kraftwerke, weil der Windstrom deutschlandweit die Preise so weit drückt, dass es sich nicht lohnt, Kohle- und Gaskraftwerke anzuschalten. Die müssen dann für teures Geld aus der Notfallreserve geholt werden.
Erhöhter Anteil wetterabhängiger Kraftwerke ist teuer und instabil
Warum wird es aber immer mühevoller, das Stromnetz zu kontrollieren, wo doch immer mehr Solaranlagen und Windkraftwerke gebaut werden, und wo der Strombedarf der schwächelnden Industrie immer weiter zurückgeht?
Es mag seltsam erscheinen, dass die Zahl der Notfallmaßnahmen steigt, wo Wirtschaft und Verbraucher aufgrund von Deindustrialisierung gerade immer weniger Strom nachfragen. Bei näherer Betrachtung ist es aber ganz logisch.
Je höher der Anteil an nicht regelbaren Kraftwerken in einem Stromnetz, desto größer die Herausforderungen. Wenn also gleichzeitig Solar- und Windkraftwerke ausgebaut werden, der Stromverbrauch aber insgesamt sinkt, erhöht sich der Anteil der wetterabhängigen Kraftwerke. Deren Produktion lässt sich nur so gut vorhersagen wie der Wetterbericht, und wenn dann doch Wolken über die Solarfelder durchziehen, dann fehlt plötzlich Strom, der andernorts gebraucht wird. Für teures Geld werden dann Kohle- und Gaskraftwerke aus der Reserve geholt, und die Kosten über die Netzentgelte auf die Verbraucher umgelegt.

Wind-Energie liefert nicht konstant Strom. Um unser Stromnetz stabil zu halten, sind 2022 über 4 Milliarden Euro angefallen. 2023 werden es noch mehr sein – Tendenz steigend. Die Kosten tragen am Ende die Stromkunden.
Erschwerend kommt hinzu, dass mit dem Einspeisegesetz die deutschen Betreiber von wetterabhängigen Kraftwerken ein garantiertes Recht darauf haben, ihren Strom zu festgelegten Tarifen immer verkaufen zu dürfen („Einspeisevorrang“). Frischt der Wind also plötzlich so auf, dass mehr Strom als nötig erzeugt wird, werden Windkraftwerke abgeregelt, aber dies zu vollem Kostenausgleich („Geisterstrom“).
Eingeständnis nötig: mit jedem Windkraftwerk wird die Stromversorgung teurer
Was wäre zu tun, um die Kosten für die Stromversorgung nicht ausufern zu lassen?
Zunächst müssten wir uns endlich eingestehen, dass die Stromversorgung mit jedem Windkraftwerk teurer wird, nicht preisgünstiger. Wenn uns dies erst einmal bewusst ist, können wir die politischen Mehrheiten herbeiwählen, um das Einspeisegesetz (EEG) abzuschaffen und einen Neustart in der Energiepolitik vollziehen.
Wichtig wäre auch die Aufteilung des deutschen Strommarkts in mehrere Preiszonen. Dann könnten Preise je nach lokalem Strombedarf und Wetter ermittelt werden, und der Strommarkt könnte weit besser den Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage regeln.
Dies wäre eine Rückkehr zu der bisherigen, dezentralen Stromversorgung: Große Kraftwerke standen bei den großen, industriellen Verbrauchszentren, kleinere Kraftwerke bei den kleineren Zentren. Die Kraftwerke sorgten für den Lastausgleich in ihrer jeweiligen Netzzelle.
Die Übertragungsleitungen sorgten dafür, Bedarfsspitzen auszugleichen.

Seit Mitte April sind die letzten Kernkraftwerke (darunter Isar 2, Foto) in Deutschland still gelegt. Ebenfalls seit April ist Deutschland dauerhaft Netto-Importeur von Strom statt Netto-Exporteur.
Heute, nach Atomausstieg und Ausbau von wetterabhängig produzierenden Kraftwerken, haben die Netzzellen ihre Fähigkeit verloren, die Last vor Ort stets abzudecken. Der Rückgriff auf Kraftwerke von weit her wird dadurch erschwert, dass die Übertragungsleitungen hierfür noch nicht gebaut sind.
Außerdem sollten wir Parteien in den Bundestag wählen, die sich klar dazu bekennen, die letzten acht noch zu rettenden Kernkraftwerke wieder in den Leistungsbetrieb zurückzuholen.
Es ist also kein Naturgesetz, dass Stromnetze immer schwerer zu kontrollieren sind. Dies ist die Folge von politischen Entscheidungen, und die können mit den richtigen politischen Mehrheiten wieder korrigiert werden.
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