Speicher auf Rekord-Tiefstand! Experte: „Eine Gas-Mangellage ist nicht mehr abzuwenden“
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Philippe FischerMit Sorge blickt der Vorstandsvorsitzende des Oldenburger Energieversorgers EWE, Stefan Dohler, auf die aktuellen Füllstände der Gasspeicher. „Ich möchte keinen Alarm schlagen, aber trotzdem darauf hinweisen, dass die Füllstandssituation heute so schlecht ist, wie sie es Anfang 2022 war“, sagt Dohler. „Es ist ein Zeichen, dass die Mechanismen, die die Politik geschaffen hat, so nicht funktionieren. Es gab im vergangenen Sommer keine Preissignale im Markt, die Gasspeicher zu befüllen.“
Nach Angaben der europäischen Gasspeicherdatenbank GIE AGSI beträgt der Füllstand unserer Gasspeicher am 21. Januar 40,7 Prozent. Zum gleichen Zeitpunkt im Jahr 2025 waren die Speicher noch zu circa 63 Prozent gefüllt.

EWE-Chef Stefan Dohler
Im Jahr 2025 endete die Heizperiode mit einem Endstand der Gasspeicher von 28 Prozent. Heißt: Sollte der Verbrauch parallel verlaufen (40,7 Prozent heute, 22 Prozentpunkte weiterer Verlust), wären die Speicher im Frühling zu 18,7 Prozent gefüllt. Bei einem Füllstand unter 20 Prozent ist von einer Gas-Mangellage die Rede. Schon jetzt ist fraglich, ob die gesetzlich festgeschriebenen Füllstände eingehalten werden können. An kalten Tagen zogen Deutschlands Haushalte bis zu 1,3 Prozentpunkte pro Tag aus den Speichern.

Die Gasspeicherfüllstandsverordnung (GasSpFüllstV) regelt klar: Zum 1. Februar gehören die Speicher zu 40 Prozent gefüllt.
Würden sich die Gasspeicher in den nächsten drei Monaten mit dem gleichen Tempo wie vor einem Jahr leeren, wären die Speicher Ende März noch zu 5 Prozent gefüllt, rechnet EWE-Chef Dohler vor. „Das wäre ziemlich wenig.“ Die Initiative Energien Speichern e.V. (INES) geht davon aus, dass zwischen März und Mai eine Gas-Mangellage entstehen wird. Problem dabei: Die Analysten gehen von 41 Prozent Füllstand am 31. Januar aus. De facto sind wir heute bereits unter dieser Marke.

Keine 24 Stunden alt und trotzdem nicht aktuell: Laut Berechnungen der INES soll 41 Prozent Füllstand erst am 31. Januar erreicht sein.
Mögliche Konsequenz: Bereits im Februar könnte es passieren, dass Industriebetriebe ihren Gasverbrauch verknappen müssen, analysiert der Energieexperte Stefan Spiegelsperger vom YouTube-Kanal Outdoor Chiemgau. Der Experte rechnet nicht damit, dass die Wohnungen kalt bleiben werden. Aber: „Es wäre eine heftige Gas-Mangellage. Und die würden wir alle zu spüren kriegen. Und wir werden auch wieder hören: ‚Kommt, spart Gas, Freunde. Macht euch warme Gedanken, dreht die Heizung 1 bis 2 Grad kälter, weil wir Politiker haben es leider versäumt, etwas dagegen zu tun.‘“
Für den Experten ist klar: „Egal, wie man es dreht und wendet. Ich denke, eine Gas-Mangellage ist nicht mehr abzuwenden.“

Stefan Spiegelsperger
Kritik aus der Branche: Anreiz zum Gasspeichern fehlt
Eine Sprecherin des Energiekonzerns Uniper sagte: „Die Versorgungssicherheit mit Erdgas ist aktuell gewährleistet, aber nicht garantiert.“ Bei einem langen, kalten Winter oder geopolitischen Störungen könnten bei niedrigen Speicherfüllständen Engpässe entstehen.
LNG als Alternative?
Gasspeicher sind ein Puffer für Engpässe bei der Gasversorgung. Eine große Bedeutung haben aber inzwischen Terminals an Nord- und Ostsee, an denen Flüssigerdgas (LNG) ankommt. „Die inzwischen gut ausgebaute LNG-Infrastruktur in Deutschland und Europa ermöglicht neben der bestehenden und sicheren Hauptversorgung durch norwegisches Pipelinegas die notwendigen Importe nach Deutschland“, sagte eine Sprecherin von Bundeswirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche (CDU).

Der LNG-Tanker „Seapeak Magellan“ übergibt Flüssigerdgas an das Regasifizierungs-Schiff „Neptune“ im Hafen Mukran auf Rügen.
Mit den vorhandenen deutschen Importterminals für Flüssigerdgas (LNG) könnte man in den kalten Monaten November bis März etwa 16 Prozent der Nachfrage decken. Das entspreche 32 Prozent der Kapazität der deutschen Erdgasspeicher. Doch es gibt ein Problem: „Die Hälfte der LNG-Terminals ist ungenutzt. Auch in Deutschland kommt nur die Hälfte an Gas rein, was theoretisch reinkommen könnte. Das liegt einfach daran: Man braucht für LNG Schiffe. Und da gibt es halt nicht so viele, als dass man davon genug Gas bekommen könnte“, sagt Spiegelsperger.
Forderung nach Gasreserve
EWE-Chef Dohler mahnt zu mehr Vorsorge. „Es wäre gut, jetzt darüber zu sprechen, welche Instrumente es gibt, die einerseits den Markt halten, andererseits aber auch ausreichende Sicherheit schaffen für besondere Ereignisse. Das sollte jetzt in diesem Jahr passieren.“ Der Manager schlägt schon länger die Schaffung einer nationalen, strategischen Gasreserve vor – ähnlich wie es sie für Erdöl gibt.
Dohler verweist etwa auf Österreich, das so eine Gasreserve hat. „Dort wird bewusst Gas als Puffer eingespeichert, was nicht angetastet wird, und nur für Notfälle zur Verfügung stehen sollte.“ Eine staatliche Stelle regle dort über Ausschreibungen die Befüllung von Speichern in einem bestimmten Volumen.
Lesen Sie auch die Analyse von Markus Brandstetter: Kein Blackout! Warum die Unabhängigkeit von Russland für keine Gas-Not sorgen wird
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